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Virtuelle Nobelpreisbörse soll Preisträger vorhersagen

27.09.2004 | 11:29 Uhr |

Die Nobelpreis-Aktie des ehemaligen UN-Waffeninspekteurs Hans Blix steht zurzeit hoch im Kurs, in Helmut Kohl dagegen investiert niemand mehr: Kaum noch ein Anleger der 'Nobelpreisbörse' im Internet vertraut darauf, dass der jedes Jahr erneut vorgeschlagene Ex-Kanzler in diesem Jahr den Friedensnobelpreis erhalten wird.

Die Börse ist ein wissenschaftliches Experiment der Universität Frankfurt am Main, das für die Mitspieler wie ein konventionelles Börsenspiel abläuft. Jeder Teilnehmer erhält ein Startkapital von 10 000 virtuellen Euro. Damit handelt er Aktien derjenigen Kandidaten, die nach seiner Meinung in diesem Jahr die begehrten Preise verliehen bekommen. «Mit diesen virtuellen Börsen kann man Prognosen über Wahlergebnisse oder den Erfolg von Kinofilmen erstellen, die meistens genauer als traditionelle Umfragen sind», erklärt Bernd Skiera vom wirtschaftswissenschaftlichen Institut.
Zum ersten Mal wurden solche virtuellen Aktienmärkte 1988 angewandt, um das Ergebnis der amerikanischen Präsidentschaftswahl zwischen George Bush senior und Michael Dukakis vorherzusagen. Im Unterschied zu herkömmlichen Umfragen müssen die Teilnehmer an der virtuellen Börse nicht repräsentativ sein. «Weil diejenigen Aktien gekauft werden, von denen die Händler erwarten, dass sie am Ende gewinnen, ist es gleichgültig, wen der einzelne favorisiert», sagt Skiera.
Bei der Vergabe der tatsächlichen Nobelpreise handelt es sich zwar nicht um eine Mehrheitsentscheidung wie bei einer Wahl. Die Macher der Nobelpreisbörse setzen jedoch darauf, dass ihre Anleger möglichst viele Informationen über die Chancen der einzelnen Kandidaten ansammeln, um den Wert ihres virtuellen Portfolios erhöhen zu können. Aus dieser breiten Informationsbasis soll sich eine möglichst gute Prognose ergeben.
Als mögliches Problem sieht Skiera mangelnde Kenntnisse der überwiegend deutschen Teilnehmer über ausländische Kandidaten. Auch die noch geringe Teilnehmerzahl von 325 könnte Probleme bereiten. Dennoch hofft Skiera, dass mindestens einer der diesjährigen Nobelpreisträger richtig vorausgesagt wird und alle Gewinner zumindest an der Börse gehandelt wurden, wenn in der nächsten Woche die tatsächlichen Preisträger gekürt werden. «Ich glaube nicht, dass wir wirklich einen der Gewinner voraussagen», meint Thomas Meyer, einer der Teilnehmer. «Dafür sind wir viel zu wenige Händler. Und das Auswahlverfahren der Nobelkomitees ist so undurchsichtig, dass man seine Erwartungen auf nichts stützen kann.» Dennoch verbringt der 28-jährige Elektrotechnikstudent bis zu zwei Stunden am Tag vor dem Computer, um sein Portfolio zu pflegen. «Mich faszinieren Börsenspiele, und diese Web-Seite ist extrem gut gemacht.»
Ob Skiera oder Meyer am Ende Recht behalten, zeigt sich nächste Woche. Dann werden im schwedischen Stockholm und im norwegischen Oslo die mit umgerechnet 1,1 Millionen Euro dotierten Preise vergeben. Sollte Hans Blix nicht den prestigeträchtigen Friedensnobelpreis erhalten, müssen die Teilnehmer der Nobelpreisbörse aber nicht verzweifeln: Ihr verspekuliertes Vermögen war ja zum Glück nur virtuell.

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