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Vom "Buch der Narren" zum Massengut: Das Telefonbuch wird 125

13.06.2006 | 09:49 Uhr

"Buch der Narren" nannten die Berliner das erste Telefonbuch Deutschlands. Gerade einmal 99 Telefonnutzer waren in das dünne Verzeichnis eingetragen, das am 14. Juli 1881 erschien.

Wer einen Fernsprecher hatte, galt damals als verrückter Exot. Seitdem sind 125 Jahre vergangen und aus den 99 Einträgen sind 34 Millionen geworden. Für Narren werden die eingetragenen Menschen längst nicht mehr gehalten.

"77 Prozent der Bundesbürger haben die aktuelle Ausgabe des Telefonbuchs zu Hause liegen", sagt der Geschäftsführer der Deutschen Telekom Medien GmbH (DeTeMedien), Oliver Neuerbourg. Der Bekanntheitsgrad liege bei 96 Prozent. "Früher war es ein Luxusgut, heute ist es ein Massengut des täglichen Bedarfs", bekräftigt Klaus Mapara, Beiratsvorsitzender von "Das Telefonbuch".

Dabei wird das Verzeichnis nicht einfach nur zum Nachschlagen von Telefonnummern benutzt. Sogar in die ZDF-Sendung "Wetten, dass..?" schaffte es das Buch schon: Vor mehr als zehn Jahren zerriss ein Wettkandidat in Rostock in sechs Minuten zehn Telefonbücher in jeweils acht Teile. Der frühere Außenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP) dagegen hielt das Verzeichnis schon als kleiner Junge für unentbehrlich. "Ich benutzte das Telefonbuch, um mich darauf zu stellen und aus dem Fenster gucken zu können", sagte Genscher bei der Jubiläumsfeier am Mittwochabend in Frankfurt.

Er schätze das Verzeichnis aber auch inhaltlich, sagte Genscher. "Das Telefonbuch ist ein Spiegel der gesellschaftlichen Verhältnisse seiner Zeit." Die Bedeutung eines Eintrags ins Telefonbuch habe sich stark verändert. "Damals war es ein 'Who is Who' der Reichen und Berühmten", sagte Genscher. Heute gelte es als schick, nicht in der Liste aufzutauchen. Er selbst stand auch in seiner Zeit als Minister in dem Verzeichnis, der Anrufer-Ansturm blieb aber aus: "Die meisten haben gar nicht geglaubt, dass ich das wirklich bin."

Das gedruckte Telefonbuch erfreut sich nach Angaben von DeTeMedien auch nach 125 Jahren noch großer Beliebtheit. "Das Internet ist auch im Verzeichnisgeschäft kein Killer-Medium für das Buch geworden", sagt Neuerbourg. 36 Prozent der Bürger schlagen nach seinen Angaben nach wie vor nur in den Büchern nach. 41 Prozent nutzen sowohl die gedruckte als auch die Online-Version, die 1997 startete. Bereits sieben Jahre zuvor war das Verzeichnis erstmals auf CD-ROM erschienen.

Das Berliner Telefonbuch ist heute zwar mit 1,2 Millionen Einträgen und insgesamt 2672 Seiten in zwei Bänden das dickste deutsche Telefonbuch, aber längst nicht mehr das einzige. 125 Einzelausgaben gibt DeTeMedien zusammen mit 38 mittelständischen Verlegern aus ganz Deutschland heraus. Die Auflage liegt nach Angaben des Unternehmens bei 30 Millionen Exemplaren pro Jahr. Die dünnste Ausgabe erscheint für das südthüringische Suhl: Das Buch beinhaltet 187.000 Einträge und hat 624 Seiten.

"Etwa 30 Prozent der Daten ändern sich jedes Jahr", erläutert Telefonbuchmacher Mapara. In seinem Verlag koste die Herstellung eines Telefonbuches, das für die Verbraucher kostenlos ist, rund sieben Euro pro Stück. "Das gesamte Buch ist werbefinanziert." Wie viel sich am Telefonbuch verdienen lässt, wollte er aber nicht sagen. Der Branchenumsatz liege bei einer Milliarde Euro. Telefonbuch, "Gelbe Seiten" und "Das Örtliche" hätten auf dem Verzeichnismarkt einen Anteil von 90 Prozent.

In den vergangenen 125 Jahren sind bei der Produktion des Telefonbuchs auch immer wieder Fehler passiert. Vor einigen Jahren wurden die Vorwahlen der Verkaufsstellen einer Brauerei verwechselt. "Es riefen keine Kunden mehr an, der Bierabsatz stockte", erinnert sich Mapara. Als der Fehler bemerkt wurde, bekamen alle Brauereikunden Post mit den richtigen Telefonnummern. "Immerhin haben wir gesehen, dass unser Verzeichnis funktioniert." (dpa/tc)

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