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Von Gerüchteköchen und nüchternen Bilanzierern

19.07.2001 | 00:00 Uhr |

Enthusiasmus hat Steve Jobs' Keynote zur Eröffnung der Macworld Expo kaum hervorgerufen, die Enttäuschungen lassen sich jedoch auf zu hohe Erwartungen zurück führen. Eine kurze Presseschau.

Vollkommen nüchtern sieht die dpa in einer Agenturmeldung die Angelegenheit, die beispielsweise heute bei Focus Online zu lesen ist. "Nutzte Jobs in den vergangenen Jahres die Fachmesse stets für überraschende Ankündigungen, fällt die Bilanz der Neuerungen dieses Jahr eher spärlich aus. Schwerpunkt der Apple-Präsentation am Mittwoch war das für September angekündigte Betriebssystem OS 10.1, das den Nutzern eine deutlich verbesserte Geschwindigkeit, aber auch mehr Komfort bringen soll." Die Redaktion des Spiegel-Konkurrenten gab ihrer Meinung jedoch in der ?berschrift Ausdruck: "Genie ohne Inspiration".

Ironisch hat Spiegel Online die Rede des Apple-Boss gesehen, eine "Spielstunde mit Steve Jobs" nennt die Website des Hamburger Nachrichtenmagazins die Veranstaltung. Jobs habe "keine Kunden - er hat Fans, die ihm bedingungslos ergeben sind." Und weiter: "Der gro?e Steve klickt sich an seinem Mac auf der Bühne in Extase. So viele tolle neue Buttons und Features. 'Sehen Sie, das hier will ich Ihnen auch noch zeigen'. Und macht aus einer Fotosequenz einen Bildschirmschoner." Leider ist den Kollegen ein kleiner Fehler unterlaufen: Der "beeindruckende erste Dual Processor Mac (mit zwei 800-Mhz-Prozessoren)" ist nun einmal nicht der erste Mac mit mehr als einer CPU.

"Eckig? denkste! Der 'iMac' bleibt rund und wird wieder einfarbig" kommentiert sueddeutsche.de enttäuscht. Dabei hatte die Online-Ausgabe der in München erscheinenden überregionalen Tageszeitung in den letzten Tagen selbst die Gerüchteküche kräftig mit angeheizt. Dabei war sogar die Rede davon, dass man das LCD-Display des "eckigen" iMac abnehmen und als Web-Panel nutzen könne. Via Bluetooth (!) würde es mit der Zentral-Einheit kommunizieren. Ansonsten bleibt die "Süddeutsche" lobenswerterweise bei den Fakten, sieht man von dem verzeihlichen Lapsus ab, dass der Kollege iMovie 2 mit iDVD 2 verwechselt.

Mit Steve Jobs' geflügeltem Wort "one more thing", das in der Regel spektakulären Ankündigungen voraus geht, haben unsere Kollegen von Macworld gespielt. "Just one more thing" betitelt Macworld-Redakteur Philip Michaels seine Story, in der er Aussergewöhnliches zu berichten wei?. Für annähernd eine Stunde hatte sich der "Solokünstler" Steve Jobs zurückgezogen und anderen die Bühne überlassen, um ihre Produkte für Mac-OS X zu demonstrieren. Dieses Ereignis sei "so selten wie Sichtungen des Halley'schen Kometen und totale Sonnenfinsternisse, ausserdem so unregelmä?ig wie der Gewinn der World Series durch ein anderes Team als die New York Yankees." Damit hat Michaels aber den Nagel auf den Kopf getroffen: Nicht der Speed Bump für bewährte Produkte war die wichtige Nachricht, sondern die Fortschritte von Mac-OS X und der dafür bestimmten Applikationen.

Die Sonderberichterstattung der Cnet-Seite news.com zur Macworld Expo ist dort mittlerweile in der Hierarchie der Aktualität zurück gerutscht, Napsters Bewährungschance und Microsofts Rückzieher bei der Zwangsregistrierung von Windows XP steht jetzt prominenter auf der Homepage.
Warum die enttäuschten Erwartungen bezüglich eines TFT-iMacs schlecht für Apple sein könnten, lassen die amerikanischen Kollegen den Analysten David Bailey von Gerrard Klauer Mattison erläutern: "Keine der Ankündigungen ist so dramatisch wie die im bisherigen Jahr gemachten ... das könnte den Einfluss auf die Verkäufe im zweiten Halbjahr begrenzen." Zudem mache dem Experten Sorge, dass Apple den Preis des günstigsten Rechners um 100 US-Dollar angehoben habe, ohne ihm wesentliche Verbesserungen implementiert zu haben. Wie jedoch Apple-Vize Phil Schiller news.com beruhigte, wolle Apple in den USA einen "Educational iMac" für 799 US-Dollar im Angebot behalten.

Die Fiancial Times Deutschland (FTD) sieht Apple in die Mittelmä?igkeit driften. Damit meint das Wirtschaftsblatt jedoch in erster Linie den 17-prozentigen Kursverfall der Apple-Aktie an der Nasdaq, der auf den von Fred Anderson gegebenen "schwachen Ausblick auf das laufende Quartal" zurück zu führen sei. Nicht einmal das "Marketing-Genie" Steve Jobs habe den Verfall des Wertes stoppen können, denn als er den neuen "iMac vorstellte, war es ganz still im Saal. Doch nicht Ehrfurcht brachte die Apple-Fans zum Schweigen, sondern Enttäuschung. Kein cooles neues Design, kein Flachbildschirm, nur ein paar schnellere Prozessoren spendierte der Apple-Chef seinem Brötchengeber-Computer. " ƒhnlich wie David Bailey sehen die FTD-Autoren weit reichende Folgen: " Da Apple anders als die meisten anderen Computerhersteller nur vier Produktreihen produziert, hängt sein Umsatz stark von der Attraktivität jeder einzelnen Reihe ab. Analysten äu?erten sich enttäuscht, dass Jobs den iMac nicht rundum erneuert hat."

Doch schon rühren die einschlägigen Sites neue Gerüchte um Apple-Produkte oder köcheln die alten weiter. MacOSRumors.com gibt sich zwar enttäuscht, dass man falsch verstanden habe, was die Spatzen angeblich von den Dächern pfiffen. Da man keine Informanten verraten wolle, könne man nicht erklären, warum man sich eines TFT-iMacs und eines "schlanken DDR-Powermac" so sicher gewesen ist. Die angesprochen Produkte würden aber auf jeden Fall kommen, man habe nur zu optimistisch den Zeitpunkt der Premiere falsch eingeschätzt.

Nach dem Rausch, ausgelöst durch zu starke Gerüchte, sehen sich die Betreiber der Enthusiasten-Site macguardians.de wieder ernüchtert und schätzen die neuen Angebote eher als zufrieden stellend ein. Die Enttäuschung unter den Fans sei zwar gro?, aber: "Auch wenn es keine überwältigenden neuen Macs gab - die iMacs mit dem grellen Anstrich sind immerhin verschwunden. Und die aktuelle G4 PowerMac-Linie (îQuick Silverî) kann sich noch mehr sehen lassen als die vorige", und: "MacOS X 10.1 scheint sich endlich zu dem zu entwickeln, was wir von Anfang an erwartet hatten: zu einem nicht nur stabilen und schön anzusehenden Betriebssystem, sondern auch wirklich schnellen GUI mit vielen neuen und beeindruckenden Features."

Was aber nun die neue G4-Reihe wirklich auf dem Kasten hat, überprüft Macwelt dieser Tage im Testcenter. Spätestens morgen werden wir an dieser Stelle erstmals Leistungsdaten des neuen Power Mac G4/867 präsentieren.
Peter Müller

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