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Quo vadis, OS X?

17.04.2013 | 14:40 Uhr |

Eigentlich hatten wir ja vermutet, dass Apple bereits jetzt Informationen über die nächste Generation von OS X genannt haben würde. Doch bislang bleibt es rund um OS X 10.9 verdächtig still. Dabei bieten das aktuelle OS X und seine Apps genügend Potenzial für Updates

Wie hoch das Interesse an der Weiterentwicklung von OS X ist, zeigte sich unlängst, als der bekannte und stets gut informierte Apple-Blogger John Gruber mit einer Wortmeldung zum Entwicklungsstand von iOS 7 und der neuen Version von OS X auf dem Diskussionsportal branch.com für Gesprächsstoff sorgte:

"Was ich gehört habe: iOS 7 liegt hinter dem Zeitplan zurück und Entwickler wurden von OS X 10.9 abgezogen, um daran zu arbeiten."

Viele deuten diese Aussage dahingehend, dass Apple iOS 7 höhere Priorität einräumt als der nächsten Generation seines Desktop-Betriebssystems OS X . Ein logischer Schritt, wie es scheint, denn Apples Fokus bei der Softwareentwicklung lag in den vergangenen Monaten vor allem auf iOS, Siri und der neuen Karten-App. Apples eigene Programme für OS X und die nächste Generation des Betriebssystems selbst rücken in den Hintergrund. Dabei gäbe es doch rund um das „fortschrittlichste Computerbetriebssystem der Welt“ genügend Baustellen und Potenzial für Verbesserungen. Der aktuelle Stand von OS X, Apples Produktivitäts-Apps und iCloud bietet einige Ansätze für Verbesserungen - auch wenn nicht jeder Anwenderwunsch in Apples Strategie passt.

Die iCloud-Frage

Die Idee ist einfach, aber genial: Alle Kontakte, Termine und Mails sollen auf allen verbundenen Geräten ohne Zutun des User synchron sein.
Vergrößern Die Idee ist einfach, aber genial: Alle Kontakte, Termine und Mails sollen auf allen verbundenen Geräten ohne Zutun des User synchron sein.
© Apple

Keine Frage, Apples iCloud hat das Thema Cloud-Dienste massentauglich und salonfähig gemacht. iClouds größter Pluspunkt ist dabei, dass es „einfach funktioniert“. Ob es darum geht, Kalender, Mails und Kontakte zu synchronisieren oder die Geräte-Backups von iPhones und iPads zu sichern, bis auf wenige Ausnahmen leistet Apples Mobile-Me-Nachfolger gute Arbeit. Zudem erlaubt Apples iWölkchen die komfortable Dokumenten-Synchronisation zwischen Mac und iOS-Gerät – zumindest theoretisch. Denn was bei Pages , Keynote und Numbers App-intern von OS X zu iOS synchronisiert wird, fehlt beispielsweise für Vorschau und Textedit. Statt also einfach Text-Files am iPad mit Pages zu öffnen oder eine Textedit-App für iOS zur Verfügung zu stellen, muss der Nutzer sich die Datei per Mail selbst schicken oder auf einen Cloud-Dienst wie Dropbox zurückgreifen – ein Schritt, der eigentlich nicht zum Selbstverständnis eines Apple-Dienstes passt.

Das Problem: iCloud synchronisiert Daten nur von App zu App, ein Datenaustausch zwischen den jeweiligen iCloud-kompatiblen Programmen ist nicht vorgesehen – und das, obwohl iCloud im Grunde genauso wie Dropbox dateibasiert synchronisiert. Der einzige Unterschied zu Dropbox ist, iCloud besitzt keine vom User beeinflussbare Ordnerstruktur. Das passt natürlich hervorragend in das App-Konzept, das Apple seit OS X 10.7 Lion auch auf seinen Desktops zu verankern versucht.

Beispiel Pages: Über iCloud kann man nur innerhalb einer bestimmten App auf die Dokumente zugreifen, ein App-übergreifende Weitergabe ist nicht vorgesehen.
Vergrößern Beispiel Pages: Über iCloud kann man nur innerhalb einer bestimmten App auf die Dokumente zugreifen, ein App-übergreifende Weitergabe ist nicht vorgesehen.

Denn diese Art der App-gebundenen Synchronisierung nimmt dem Nutzer das Anlegen einer eigenen Ordnerhierarchie ab – man muss sich nicht mehr merken, wo man ein Textdokument abgelegt hat, sondern nur noch, mit welcher App es erstellt wurde. Das mag simpel und übersichtlich sein, stößt aber bei der Produktivität an Grenzen. Und genau da hat iCloud Verbesserungspotenzial – gerade wenn es um das Teilen und Synchronisieren von Dokumenten geht.

System-Apps

Etwas angestaubt: Apples Mac App Store.
Vergrößern Etwas angestaubt: Apples Mac App Store.

Neben Vorschau und Textedit gibt es weitere System-Apps in Mountain Lion, denen ein Neuanstrich gut zu Gesicht stehen würde. Zu allererst: der Mac App Store . Hier hat Apple seit der Einführung im Paket mit dem Snow-Leopard-Update 10.6.6 keine größeren Veränderungen mehr an der App und ihrer Benutzerführung vorgenommen – und das, obwohl der Mac App Store inzwischen nicht mehr nur die Funktion eines Softwarekaufhauses innehat, sondern zur systemweiten Update-Zentrale befördert wurde. So könnten dem Mac App Store eine näher an den iOS-App-Store angelehnte Optik ebenso gut tun wie eine verbesserte Suchfunktion.

Für die Apps Kalender, Kontakte, Erinnerungen und Notizen steht zudem ein optisches Redesign an, denn alle genannten OS-X-Apps bilden die Optik ihrer realen Vorlagen ab – diese Designphilosophie nennt man Skeuomorphismus und sie passt eigentlich nicht zu Apples Design-Anspruch. Durch die Umstrukturierung im Designteam mit Jonathan Ive als neuem Chefdesigner für Human Interfaces dürften nicht nur die iOS-Apps eine schlichtere und funktionalere Linie erhalten, sondern auch die Systemapplikationen von OS X.

Die Notizen-App ist einem "echten" Notizblock nachempfunden und damit ein klassisches Beispiel für Skeuomorphismus. Nachdem Jony Ive für die Benutzerschnittstellen zuständig ist, dürfte dieses Design bald der Vergangenheit angehören.
Vergrößern Die Notizen-App ist einem "echten" Notizblock nachempfunden und damit ein klassisches Beispiel für Skeuomorphismus. Nachdem Jony Ive für die Benutzerschnittstellen zuständig ist, dürfte dieses Design bald der Vergangenheit angehören.

Yahoo, Siri, Karten

Neben den existierenden Diensten und Apps für OS X Mountain Lion arbeitet Apple parallel an neuen Features und Funktionen. Naheliegende Kandidaten für einen Sprung von iOS nach OS X sind Siri und Karten. Eine wichtige Voraussetzung für die Funktionalität solcher Dienste sind Datenbanken – so arbeitet Siri bereits mit Daten von Yahoo, beispielsweise bei Sportergebnissen.

Da verwunderte auch der Bericht des Wall Street Journal nicht, dem zufolge Apple und Yahoo ihre Partnerschaft ausweiten wollen. Zur Erinnerung: Nicht nur Siri profitiert von Yahoo-Diensten, auch die Wetter- und Finanzen-Apps von iOS werden von Yahoo befüllt. Auf dem Mac spielt Yahoo im Moment noch eine untergeordnete Rolle, könnte aber mit Blick auf eine tiefere Integration von Yahoo-Diensten in Siri auch den Sprung in die nächste Version von OS X schaffen. Mit Blick auf eine größere Unabhängigkeit vom Konkurrenten Google würde der Schritt Sinn machen.

Der wahrscheinlichste Neuzugang für OS X 10.9: Siri.
Vergrößern Der wahrscheinlichste Neuzugang für OS X 10.9: Siri.
© Apple

Bereits seit Beginn des Jahres wurde auf Apples Job-Portal intensiv nach Entwicklern für Siri und die Karten-Abteilung gesucht. Erwähnenswert ist dieser Umstand vor allem deswegen, weil in den Ausschreibungen auch die Rede von Erfahrung der Bewerber mit OS-X-Programmierung war. Ein Anzeichen dafür, dass man bei Apple an einer Integration der Sprachassistentin arbeitet – zumal die Diktierfunktion, die Apple seinem aktuellen Betriebssystem Mountain Lion spendiert hat, ohnehin bereits auf der Technik „hinter“ Siri basiert. Dass Siri also über kurz oder lang auch Mac-User direkt ansprechen wird, dürfte außer Frage stehen. Außerdem ist zu bedenken, dass sich Siri auf iPhone, iPad und iPod Touch noch immer im Beta-Stadium befindet. Ein Launch für OS X könnte für Apples persönliche Assistentin neben Verbesserungen an den Datenbanken und der Erkennung auch den Sprung aus der Beta-Phase heraus markieren.

Apples Karten-App ist zwar turbulent gestartet, hat jedoch großes Potential – auch für OS X.
Vergrößern Apples Karten-App ist zwar turbulent gestartet, hat jedoch großes Potential – auch für OS X.

Apples hauseigene Karten-App für iOS 6 ist eines der größten Entwicklungsprojekte in der Geschichte des Unternehmens. Es wäre daher mehr als verwunderlich, wenn der Dienst nicht im Zuge der Vorstellung von OS X 10.9 seinen Weg auf den Mac finden würde. Warum? Seit dem eher suboptimalen Start der Karten-App im vergangenen Herbst hat man bei Apple kontinuierlich an der Verbesserung des Kartenmaterials und der Verlinkung sogenannter „Points of Interest“ gearbeitet. Sollte man Karten auch fest in OS X verankern, böte dies einen nahezu perfekten Zeitpunkt für eine verbesserte und aufgewertete Karten-App 2.0 an – mit iCloud-Sharing von häufig gefahrenen Strecken, besuchten Restaurants oder eigenen Lieblingsorten.

Baustelle Produktivität

Sowohl Pages, als auch Keynote und Numbers laufen nach wie vor unter der Versionsbezeichnung iWork ‘09.
Vergrößern Sowohl Pages, als auch Keynote und Numbers laufen nach wie vor unter der Versionsbezeichnung iWork ‘09.

Ein Blick auf die Versionsbezeichnung aller iWork-Applikationen zeigt: Pages, Keynote und Numbers liegen noch immer in Version ‘09 vor – eigentlich kaum zu glauben. Im Januar 2009 hatte Apple iWork ‘09 erstmals vorgestellt. Seitdem hat sich zwar durch eine Vielzahl von Updates – zuletzt im Dezember 2012 durch verbesserte Kompatibilität mit iCloud und den iOS-Apps von iWork – einiges an Apples Büro-Suite getan. Im Kern arbeiten wir jedoch noch heute mit Office-Programmen aus dem Jahr 2009. Hier wäre es an der Zeit für neue Versionen von Pages, Keynote und Numbers, vor allem mit Blick auf das mittlerweile etwas angestaubte Interface und die eher umständliche iCloud-Integration. Dass Apple zumindest an der Weiterentwicklung seiner iWork-Programme interessiert ist, zeigen mehrere Stellenanzeigen auf Apples Job-Portal – angesichts der mittlerweile vierjährigen Durststrecke darf man also zumindest hoffen.

Den Schritt, iWork in die Cloud zu bringen, hat Apple bereits getan. Es fehlt also (wenn man von iOS-Pendants zu Vorschau und Textedit einmal absieht) nur noch, dass die iLife-Programme an Apples Wolke angebunden werden. Die Frage nach dem „Wie“ dürfte dabei spannend werden. Während man einen schnellen Fotoaustausch via Fotostream bereits mit dem letzten größeren Update für iPhoto im November 2012 realisiert hat und auch Garageband in Sachen Dateigrößen nicht aus dem Ruder läuft, dürfte sich die Cloud-Anbindung für iMovie mit Blick auf mehrere Gigabyte große Rohdateien etwas schwieriger gestalten als bei einer Handvoll Bilder. Dennoch wäre eine iCloud-Anbindung logisch, zumal Apple für die Synchronisation zu den iOS-Apps nicht zwangsläufig das komplette iMovie-Projekt in iCloud jagen müsste, sondern beispielsweise mit komprimierten Projektdaten arbeiten könnte. Die Profi-Tools Aperture , Final Cut Pro und Logic Pro dürften  nach den Aktualisierungen der letzten Monate bei Apple nicht die Top-Priorität genießen.

Einschätzung

Apple hat einiges zu tun mit OS X, so viel kann man festhalten. Wie der Zeitplan für 10.9 jedoch genau aussieht, lässt sich nur erahnen. Die Tatsache, dass Apple Entwicklerressourcen von OS X abziehen kann, um die iOS-7-Entwicklung schneller voranzutreiben, ist möglicherweise ein Anzeichen dafür, dass man bereits recht weit fortgeschritten ist mit der Entwicklung des Nachfolgers von Mountain Lion. Sicherheit werden wir wohl erst im Umfeld der diesjährigen WWDC erhalten, denn hier rechnen wir zumindest mit Informationen zur nächsten – und vielleicht letzten – Raubkatze in Apples Betriebssystemzoo.

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