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"Für mich sind andere Faktoren für die Benutzbarkeit eines Systems wesentlich wichtiger, als ob das Ganze flat oder skeuomorph ist."

29.05.2014 | 10:00 Uhr |

Vor der WWDC 2014 haben wir uns in der Szene der OS-X-Entwickler umgehört, um Hoffnungen und Wünsche für das neue OS X zu sammeln.

Macwelt: Die WWDC 2014 steht vor der Tür. Fahren Sie nach San Francisco, um selbst an der Konferenz teilzunehmen?

Oliver Breidenbach: Wir haben uns entschlossen, nur einen Entwickler zu entsenden. Dessen Hauptaufgabe wird sein, den Apple-Engineers in den Labs Löcher in den Bauch zu fragen und Probleme zu lösen, auf die wir in der Entwicklung gestossen sind. Der Rest des Teams wird die WWDC in unserem Büro in Puchheim verfolgen. Apple hat ja angekündigt – und letztes Jahr auch eingehalten – dass die Sessions noch am selben Tag als Aufzeichnung verfügbar sein werden.

Oliver Breidenbach – CEO von Boinx

© 2015

Wann immer die Macwelt Fragen an OS-X-Entwickler hat, ist Oliver Breidenbach von Boinx zur Stelle. Bei Boing verantwortet er als CEO die Entwicklung von Mac-Kreativ-Apps wie iStopmotion.

Macwelt: Für uns war die Vorstellung von Mavericks vor einem Jahr eine zwiespältige Angelegenheit: Zum einen waren die Verbesserungen und Optimierungen im Unterbau von OS X überfällig und sinnvoll, zum anderen wirkte die Optik von Mavericks mit einem „flat“ Kalender auf der einen und einem skeuomorphistischen Game Center auf der anderen Seite irgendwie inkonsequent. Wie sehen Sie diesen vermeintlichen Zweispalt?

Oliver Breidenbach: Für mich sind andere Faktoren für die Benutzbarkeit eines Systems wesentlich wichtiger, als ob das Ganze flat oder skeuomorph ist. Der generelle Trend ging dahin, dass Applikationen mehr einen individuellen Look bekommen haben. Dem wirkt jetzt das Flat-Design entgegen. Das ist einerseits gut, denn es ist für einen Entwickler einfacher ein ordentliches Flat-Design zu produzieren als ein ordentliches skeuomorpisches. Allerdings hat das Flat-Design einige erhebliche Nachteile, da oft der Charakter eines Bedienelementes nicht mehr eindeutig zu sehen ist und seine Funktion daher auch nicht intuitiv ist. Als bestes Beispiel dient der "Caps Lock" button auf der iPhone on-screen Tastatur. Gerade heute wollte ich auf dem iPhone eine Telefonnummer aus einem Tweet kopieren und habe erst einmal nicht gefunden, wie ich die dann in der Telefon-App einsetzen konnte und anrufen. Hier fehlt einfach das Display-Feld. Nur die Überzeugung, dass es in 2014 ja nicht sein kann, dass man die Telefonnummer auf einen Zettel abschreiben und dann neu eintippen muss, hat dazu geführt dass ich etwas länger gesucht habe.

Macwelt: Was hat Sie an OS X Mavericks am meisten Überrascht?

Oliver Breidenbach: Ich sehe OS X Mavericks eher als eine vorsichtige Weiterentwicklung. Überrascht hat eher, wie wenig radikal die Veränderungen letztendlich waren.

Macwelt: Gibt es einen Punkt, der Sie besonders genervt hat?

Oliver Breidenbach: Als Anwender habe ich keine großen Veränderungen gespürt. Für Entwickler ist es sehr anstrengend, mit den andauernden Änderungen der Entwicklerschnittstellen mitzuhalten.

Macwelt: Apple hat mit iOS 7 sein bisheriges optisches Konzept für iOS ziemlich über den Haufen geworfen. Erwarten Sie für den Nachfolger von OS X Mavericks ähnlich tiefgreifende Veränderungen?

Oliver Breidenbach: Wenn man 10.0 und 10.9 vergleicht, fallen auch massive Veränderungen auf, fast genau so tiefgreifend. Bei iOS gab es einen "Innovationsstau", der Druck, die Optik zu ändern war durch Konkurrenz im Markt viel größer als jetzt bei OS X. Daher besteht aus meiner Sicht zumindest kein Grund, einen ähnlichen Kahlschlag zu machen. Für Entwickler bedeutet dies ohnehin nur wieder viel Arbeit ohne Lohn, da die Kunden weder bereit sind, für rein optische Veränderungen zu bezahlen noch durch die Veränderungen mehr verkauft wird.

Macwelt: Wo müsste Apple mit Blick auf OS X 10.10  (oder 11) aus Ihrer Sicht noch Hand anlegen – sowohl mit Blick auf Entwickler-Tools, als auch mit Blick auf das UI?

Oliver Breidenbach: Es gibt natürlich viel Verbesserungspotential. Die aus unserer Sicht wichtigsten Probleme liegen jedoch im Ökosystem, wie beispielsweise die fehlende Möglichkeit von bezahlten Updates im Mac App Store oder das Bewertungssystem dort. Auch würde ich mir wünschen, dass die iCloud mehr Funktionen für die Zusammenarbeit von mehreren Anwendern, Applikations- und Plattformübergreifend bekommt.

Macwelt: Glauben Sie, Apple könnte tatsächlich Lucida Grande in Rente schicken und stattdessen eine leichtere Schrift als Systemschrift verwenden? Ich lese schon die Facebook-Kommentare …

Oliver Breidenbach: Wichtig wäre, dass eine neue Schrift ebenso gut oder besser am Bildschirm zu lesen ist. Alles andere ist eigentlich Nebensache. Sobald Form über Funktion gestellt wird, ist der falsche Designer am Ruder.

Macwelt: Wenn Sie eine Frage an eine beliebige Person bei Apple frei hätten – Was würden Sie wen fragen?

Oliver Breidenbach: Mich würde interessieren, ob es einen Masterplan, eine Vision gibt, die über "wie können wir noch mehr Milliarden scheffeln" hinaus geht. Im Moment scheint das bei Apple tatsächlich im Vordergrund zu stehen.

Macwelt: Vielen Dank für Ihre Zeit!

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