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Was Apple mit Beats vorhat

13.05.2014 | 11:23 Uhr |

Eine Bestätigung fehlt nach wie vor, aber es ist auch kein Dementi erfolgt: Marktbeobachter rechnen weiterhin mit einer Milliarden schweren Übernahme von Beats durch Apple. Warum eigentlich?

Wenn es ein Hoax ist, der seit Freitag letzter Woche durch die Presse geht, dann ist es ein guter: Apple steht angeblich kurz davor, die von Jimmy Iovine und Dr. Dre gegründete Firma Beats zu übernehmen, zu einem Kaufpreis von 3,2 Milliarden US-Dollar . Die Financial Times will das von einer gut informierten Quelle erfahren haben. Weder Apple noch Beats haben dazu Stellung bezogen, kurz kursierte jedoch ein Video, in dem sich Dr. Dre als "erster Milliardär des Hip-Hop" feiern ließ. Bestätigung oder fröhliche Alberei über einen gelungenen Scherz? Bisher ist aber auch kein Dementi erfolgt. Apple hält zwar auch nach dem Ausscheiden seiner Mediendirektorin Katie Cotton an seinem Mantra "We don't talk about future products" fest, da der Hype um das kolportierte Milliardengeschäft mittlerweile Auswirkungen auf den Aktienkurs Apples hat, müsste Apple unter Umständen bald sein Schweigen brechen - und entweder die Übernahme bestätigen oder die Berichte eben dementieren, sollten sie jedweder Grundlage entbehren.

So scheint allmählich alle Welt davon auszugehen, dass die Financial Times nicht auf einen verspäteten Aprilscherz auf den Leim gegangen ist, sondern die Quelle zumindest im Kern die Wahrheit berichtete. Dass Apple spätestens zur WWDC in gut drei Wochen die Übernahme bestätigen wird, will das Billboard-Magazine erfahren haben . Die beiden Gründer Dr. Dre (bürgerlicher Name André Romell Young) und Jimmy Iovine sollen demnach bei Apple noch zu definierende leitende Positionen einnehmen.

Straming statt Kopfhörer

An den hochpreisigen Kopfhörern mit kräftigen Basslautsprechern hat Apple aber anscheinend nur am Rande Interesse, der wahre Schatz von Beats liegt Berichten zufolge in seinem Musikstreamingdienst Beats Music. Denn erneut verschieben sich die Umsätze in der Musikindustrie, konnte Apple im Jahr 2003 mit dem iTunes Music Store jedoch ein erstes ernsthaftes Angebot für den Download von Musik etablieren, tut sich der Platzhirsch im digitalen Musikbusiness mit den neuen Möglichkeiten des Streamings noch schwer. Seit Oktober letzten Jahres betreibt Apple den eigenen Streamingdienst iTunes Radio, bisher aber nur in den USA. Zwar war einer Marktuntersuchung zufolge iTunes Radio ein halbes Jahr nach seinem Start mit 20 Millionen registrierten Nutzern und einem Marktanteil von acht Prozent schon die Nummer drei, vom Durchbruch scheint iTunes Radio aber noch weit entfernt. Wie könnte Beats Music Apple zu mehr Umsatz helfen?

Beats Studio: Um Kopfhörer wird es bei der Übernahme eher nicht gehen. Obwohl die hochpreisigen und margenträchtigen Produkte von Beats gut zu Apples Portfolio passen würden
Vergrößern Beats Studio: Um Kopfhörer wird es bei der Übernahme eher nicht gehen. Obwohl die hochpreisigen und margenträchtigen Produkte von Beats gut zu Apples Portfolio passen würden
© Beats

Mit Streaming alleine ist nicht viel verdient, Abonnenten von iTunes Match (25 US-Dollar im Jahr) können den Dienst werbefrei anhören, alle anderen müssen sich ab und an Werbespots anhören, die auch nur bei entsprechend hoher Reichweite für den Anbieter lukrativ sind. Weit mehr hätte Apple vom Straming, wenn die Hörer durch das Programm neue Musik entdecken, die sie auch besitzen wollen. Die Algorithmen à la "Wer dieses Album kauft, kauft auch Musik von ...", die Apple etwa in den Genius-Listen von iTunes einsetzt, helfen nur bedingt weiter. Zwar treffen diese den Musikgeschmack des Kunden meist recht gut - aber will man nochmals kaufen, was man so ähnlich schon kennt? Beats Music verfolgt hier einen anderen Ansatz: "Kuratoren" statt bloße Algorithmen. Ausgangsbasis für die Empfehlungen der Musikredaktion des Dienstes sind zwar auch die aktuell gehörten Songs, doch soll die menschliche Komponente Irrtümer vermeiden helfen und vor allem Empfehlungen geben, die wirklich überraschen. Beats Music ist der derzeit einzige Dienst, der auf diese Art und Weise arbeitet, Apple würde sich vorwiegend Musikexpertise einkaufen und keine Kopfhörer oder Kundendaten. Schon jetzt beschäftigt der iTunes Store eine Redaktion, die unter anderem Musikempfehlungen gibt - nicht von ungefähr ist seit heute das für Freitag angekündigte neue Album von Coldplay im Stream gratis zu hören . Um sich von konkurrierenden Diensten abzuheben, braucht Apple mehr dieser exklusiven Veröffentlichungen. Und hier könnte vor allem Jimmy Iovine mit seinen zahlreichen Kontakten in die Musikindustrie helfen. Keine Sorge: Ein hypothetischer Dienst iTunes Beats Radio würde keineswegs so klingen, als hätte von nun an der Hip-Hopper Dr. Dre zu sagen, was wir alle hören sollen, nämlich vor allem G-Funk...

iTunes Radio: Ob Eddy Cue auf der WWDC etwas Neues zu Apples Streamingdienst sagen wird? Immerhin hat seinerzeit der iTunes Music Store auch über ein Jahr nach Europa gebraucht.
Vergrößern iTunes Radio: Ob Eddy Cue auf der WWDC etwas Neues zu Apples Streamingdienst sagen wird? Immerhin hat seinerzeit der iTunes Music Store auch über ein Jahr nach Europa gebraucht.

Neuheiten zur WWDC

Rund um iTunes Radio war es nach dessen Vorstellung im letzten Sommer ruhig geworden, der Dienst solle "zu einem späteren Zeitpunkt" nach Europa kommen. Die WWDC Anfang Juni wäre womöglich Anlass, eine neue Version von iTunes Radio vorzustellen. Schon länger kursieren Spekulationen, iTunes Radio könnte eine eigene App bekommen, anstatt Teil der Musik-App zu sein. Die Integration in iOS 8 könnte Apple zudem Anlass geben, den Service jedem Käufer eines neuen iPhone, iPad oder iPod Touch freien Zugriff auf den Streamingdienst zu geben - zumindest auf ein Jahr befristet.

Mit einem Beats-Kauf würde sich Apple-CEO Tim Cook nicht zuletzt aus dem langen Schatten seines Vorgängers Steve Jobs begeben. Auch zu Lebzeiten des Apple-Gründers hatte das Unternehmen von Zeit zu Zeit kleinere Unternehmen gekauft, nicht alle Innovationskraft war von Apple selbst gekommen. Doch waren die Übernahmen kurz nach der Jahrtausendwende eher unspektakulär, vor allem kleinere und mittlere Softwarehersteller waren auf dem Speiseplan Apples gestanden - etwa der Logic-Hersteller Emagic. In den letzten Jahren hatte Apple seine Einkaufstouren erheblich erweitert, allein 15 Firmen hatte der Mac-Hersteller im vergangenen Jahr geschluckt. Die größte war die des Herstellers von Bewegungssensoren Prime Sense für angeblich 360 Millionen US-Dollar, sollte Apple tatsächlich Beats für den genannten Preis von 3,2 Milliarden schlucken, wäre das die bei weitem teuerste Akquise in der Geschichte Apples.

Aus Sicht der nervösen Investoren muss Tim Cook in diesem Jahr mit spektakulären Neuheiten aufwarten, die wieder mehr Wachstum versprechen. Beats würde kaum etwas zu den "neuen Produktkategorien" beitragen, die der Apple-CEO seit geraumer Zeit verspricht, Apple aber dabei helfen, im Musikgeschäft auch weiterhin solide Geschäfte zu machen - die spektakuläre Neuentwicklungen erst ermöglichten.

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