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Was die Apple-Bilanz für die Zukunft bedeutet

27.07.2016 | 12:26 Uhr |

Apple hat gegenüber Vorjahr deutlich verloren und hat das auch für das nächste Quartal angekündigt. Muss man sich Sorgen machen?

Auf den ersten Blick klingen die Zahlen katastrophal: 12,5 Prozent weniger Umsatz! 27 Prozent weniger Gewinn! Alle drei wesentlichen Hardwareprodukte verkaufen sich schlechter als vor einem Jahr! Von der Apple Watch als nächstem großem Ding längst keine Rede mehr! Das Ende scheint nah...

Das ist gewiss zu kurz gedacht, nicht nur weil in Zeiten wie diesen uns ganz andere Katastrophen beschäftigen sollten als die Bilanz einer kerngesunden Firma. Zudem ist eher der kurze, hektisch Takt der Börsen Grund für die Panik als Apples aktueller Erfolg auf den Weltmärkten. Bei einem Umsatz von 42 Milliarden US-Dollar und einem Gewinn von annähernd 8 Milliarden US-Dollar ist Apple allenfalls auf ein hohes Niveau zurückgegangen und gewiss nicht in den Abgrund gestürzt.

Man muss genauer auf die Bilanz schauen – und dabei entdeckt man zwar durchaus beunruhigende Indizien, aber auch, wo Apple eigentlich hin möchte. Der Gerätemarkt scheint gesättigt, die installierte Basis ist zwar so groß wie noch nie in Apples Geschichte, aber die Bereitschaft der Kunden, sich jedes Jahr oder in anderen kurzfristigen Zyklen neue Geräte anzuschaffen, sinkt. Denn seien wir ehrlich: Was will Apple an Mac, iPhone und iPad noch spektakulär verbessern, damit Nutzer aktueller Geräte wieder vor dem Erstverkaufstag vor den Apple Stores campieren? Womöglich ein wasserdichtes iPhone? Aber dazu werden wir erst in sechs Wochen mehr wissen.

In der Bilanzpressekonferenz hat Tim Cook daher auch betont , Apple ziehe nach wie vor stark Neukunden und Wechsler an, die noch nie zuvor ein Smartphone oder iPhone besessen hatten. Aber auch dieser Kundenkreis wird irgendwann erschöpft sein. Daher folgte die zweite Botschaft an die Finanzanalysten: In einigen Märkten habe man zweistelliges Wachstum feststellen können, das auf die nahe Zukunft hoffen lässt. Mit Blick auf die politische Landkarte dienen die Erwähnungen von Brasilien, Russland und der Türkei aber nicht gerade der Beschwichtigung. Eher noch lohnt der Blick auf Indien, wo Apple noch ganz am Anfang steht und China, wo Apple massive Ausschläge sowohl nach oben als auch nach unten bereits bilanzieren konnte.

Geräte werden unwichtig

Mit Geräten, wie wir sie heute kennen, wird Apple aber nicht mehr wesentlich wachsen. Daher erzählt die Bilanz ihre wichtigsten Geschichten in zwei Teilbereichen, die meist abseits des Rampenlichts stehen: Services einerseits und Forschung und Entwicklung andererseits.

Der Services-Bereich, in den Apple auch seine Einnahmen mit App Store, iTunes und Apple Music packt, ist erneut stark gewachsen und wäre mit seinem Quartalsumsatz von vier Milliarden US-Dollar schon unter den 100 größten Firmen der USA zu finden. Für den Bereich Forschung und Entwicklung (Research & Development, R&D) hat das Unternehmen gegenüber dem Vorjahr seine Investitionen um mehr als 20 Prozent gesteigert – eben entgegen den Umsatztrend.

Woran Apple nun forscht, verrät Tim Cook nur sehr vage. Das seien einerseits neue Produkte und andererseits Weiterentwicklungen bestehender Produkte, wofür Apple genau Geld ausgebe, bleibt geheim. Nur bezüglich einer Grundlagenforschung lüftet Apple ein wenig den Schleier: Künstliche Intelligenz. Schlaue und selbst lernende Algorithmen setzt Apple bereits ein, ab Herbst wird die breite Öffentlichkeit erfahren, wozu diese dienen. Siri soll immer mehr zu einer echten Assistentin anstatt zu einer raffinierten Datenbankabfragemaschine werden, die neue Fotos-App erkennt nicht nur Gesichter, sondern auch Landschaften und allerlei Gegenstände. Das iPhone soll insgesamt schlauer werden und schon vor den Besitzern wissen, welche Dienste sie an dieser Stelle und zu dieser Zeit gebrauchen könnten. Möglich mache das unter anderem die massive Auswertung der Nutzerdaten, unter Einbeziehung jedoch des Schutzes der Privatsphäre .

Mac, iPhone, iPad, Apple Watch und selbst das Apple TV sind nahtlos miteinander verwoben. Wenn Apples Strategie aufgeht, eine führende Service-Company mit hoher Expertise in der Nutzung künstlicher Intelligenz zu werden, ist es in wenigen Jahren egal, welche Geräte Apple baut und wie viele es davon verkauft. Umsätze und Gewinn werden dann womöglich auch planbarer und die Ausschläge nach oben und unten fallen geringer aus. Dann werden auch Geschichten über "massive Gewinneinbrüche" und "Panik bei Anlegern" endlich mal weniger.

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