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Eigenlob im Web kommt als Bumerang zurück

06.10.2010 | 07:29 Uhr |

Bewertungen von anderen Internet-Nutzern wirken authentisch. Viele vertrauen solchen Kommentaren mehr als der Firmenwerbung - solange es nicht zum Missbrauch kommt wie jetzt beim Tablet-Computer WeTab.

"Ich muss meine vorige Rezension korrigieren: Das WeTab ist nicht gut, sondern sehr sehr gut", schrieb ein gewisser "Peter Glaser" bei den Kundenrezensionen im Online-Shop von Amazon. Nach mehr als einer Woche kam heraus, dass es sich beim Verfasser der Lobeshymne auf den Tablet-Computer um einen der beiden Geschäftsführer der Herstellerfirma handelte: Der Blogger Richard Gutjahr schaute sich den Account von "Peter Glaser" genauer an und stieß dahinter auf WeTab-Manager Helmut Hoffer von Ankershoffen.

Amazon handelte sofort und entfernte die Eigenlob-Kommentare. "Bei Manipulationsversuchen handelt es sich - in Relation zu der Gesamtheit der Rezensionen - um einen sehr selten auftretenden Vorgang", erklärte am Dienstag eine Amazon-Sprecherin auf Anfrage.

In der Branche wird diese Einschätzung bestätigt: "Aus unserer Erfahrung sind gefälschte Beiträge eher selten", sagt Projektleiter Jan Krömer von der Firma Infospeed GmbH in Köln, die sich mit dem "Social Media Monitoring" beschäftigt und für Kunden das Online-Meinungsbild ermittelt. Auch groß angelegte Verleumdungskampagnen von Wettbewerbern habe er noch nicht erlebt.

Die Vorkehrungen gegen Missbrauch sind allerdings kaum verlässlich. Ein Test der Stiftung Warentest mit Hotelbewertungen ergab: "Die meisten Bewertungsportale ließen sich täuschen und veröffentlichten zumindest einen Teil der fingierten Bewertungen." Zwei Faktoren sind es, die den Missbrauch begrenzen: Zum einen haben laut Krömer schon vor der WeTab-Affäre einige abschreckende Beispiele gezeigt, dass die enorme negative Wirkung größer ist als der erhoffte Nutzen von Eigenlob-Kommentaren. Zum anderen "bringt ein einzelner Beitrag auf Amazon kaum etwas", wie Infospeed beim Monitoring von manchmal mehreren tausend Nutzerbeiträgen feststellt. "Je mehr Beiträge es insgesamt gibt, umso sicherer kann man sein, dass das Meinungsbild auch echt ist", erklärt Experte Krömer.

Zudem gibt es Unterschiede in der Qualität von Nutzerkommentaren. "Ein 140-Zeichen-Tweet von einem unbekannten Nutzer hat nicht so viel Gewicht wie der Testbericht eines mir bekannten Nutzers in einem Forum", sagt Krömer im Gespräch der Nachrichtenagentur dpa. Twitter und Facebook dienen eher dazu, auf ein neues Produkt aufmerksam zu machen. Vor einer Kaufentscheidung und bei der gezielten Suche nach Informationen finden Bewertungsportale wie ciao.de und Diskussionsforen besondere Beachtung.

Ciao.de setzt auf die Selbstreinigungskraft des Netzes. Der E-Commerce-Leiter des Portals, Harald Schiffauer, sagt: "Die Zahl der Missbrauchsfälle ist sehr gering, und wenn etwas passiert, reagiert die Community sehr schnell." Wenn ein Beitrag auffallend werblich wirke, werde dies von den Nutzern gemeldet und von den Mitarbeitern überprüft. "Auf offenen Plattformen kann generell ein Missbrauch der Möglichkeit zur freien Meinungsäußerung nicht gänzlich ausgeschlossen werden", heißt es bei Amazon. Der Großteil von bisher mehreren Millionen Kundenrezensionen zeige aber, dass diese Plattform so genutzt werde, wie sie gedacht sei - als Hilfestellung für die Kaufentscheidung anderer Kunden. "Sollten wir über einen Manipulationsverdacht in Kenntnis gesetzt werden, so recherchieren wir umgehend und ergreifen entsprechende Maßnahmen", erklärte die Sprecherin. Eine verdeckte Eigenbewertung sei "nicht nur unangenehm und nachteilig für das eigene Markenimage, sondern grundsätzlich auch rechtswidrig", erklärte der Stuttgarter Rechtsanwalt Carsten Ulbricht in einem Blog-Beitrag unter Hinweis auf das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG). Verbraucher wie auch Mitbewerber verdienten Schutz vor "geschäftlichen Handlungen, die ihren werblich- kommerziellen Charakter gegenüber dem umworbenen Verbraucher verschweigen".

Für Hoffer von Ankershoffen ist das Eigenlob als Bumerang zurückgekommen. Er entschuldigte sich für sein von ihm als Fehler bezeichnetes Verhalten und erklärte am Montagabend, er lasse seine Aufgaben als Geschäftsführer bei der WeTab GmbH bis auf weiteres ruhen.

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