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Web-Werber erfinden immer aggressivere Reklame

28.06.2002 | 11:44 Uhr |

Hochspannung im Stadion, das spielentscheidende Golden Goal steht bevor, Millionen von Menschen sitzen gebannt vor ihren Fernsehern. Doch bevor es zur dramatischen Entscheidung kommt, läutet es zunächst zur Werbepause. Was viele Fernsehzuschauer oft zur Verzweiflung bringt, haben Werbeagenturen nun auch für das weltweite Datennetz entdeckt. Schließlich kämpft die Internetwirtschaft inmitten einer ausgeprägten Kostenlos-Kultur um tragfähige Geschäftsmodelle und einträgliche Werbeeinnahmen. Doch so manch neues Konzept bewegt sich auf einem schmalen Grat zwischen Akzeptanz und Frust des Internet-Nutzers.

Immer einfallsreicher sind die Firmen geworden, die ihre Angebote im Internet präsentieren. Es hat sich herumgesprochen, dass die traditionelle Form der Bannerwerbung am Rand des Website-Angebots das vorbeisurfende Publikum nicht ausreichend zum Einkauf motiviert. Die Reaktion hieß zunächst Pop-up. Jeder Websurfer kennt die Fenster, die sich unerwünscht öffnen und dann nur mühsam wieder schließen lassen - manchmal auch überhaupt nicht, dann muss die Reklame eben bis zum Ende angesehen werden.

Wir finden sie ärgerlich, so lautete unlängst die Botschaft zum Thema Pop-up-Anzeigen auf der Site der populären Suchmaschine Google. Die Werbefenster wurden dann verbannt - eine vorläufig einsame Entscheidung. Für die Mehrzahl der Website-Betreiber lautet die Argumentation immer noch: Wir bieten gebührenfreies Material, und dafür müssen die Besucher unserer Sites eben zahlen, indem wir sie zum Anschauen von Werbung zwingen.

Als Weiterentwicklung der Pop-ups gibt es nun eine besonders irritierende Variante der Online-Werbung: Eine Harry-Potter-Eule streift über den Bildschirm und verdeckt den dahinter befindlichen Text. Oder es gibt Reklametricks wie die virtuelle Anstreichertruppe, die unlängst im Dienst von Intel farbige Streifen auf dem Bildschirm von Websurfern verteilte. Solche Zeichentricksequenzen versperren dann oft etwa zehn Sekunden lang den Blick auf den Inhalt der angewählten Website. Die Länge dieser so genannten shoshkeles-Spots wurde von der New Yorker Marketingfirma United Virtualities nach langen Tests festgelegt. Man bemüht sich, die Websurfer nicht mit übermäßig langen Reklamesequenzen zu verschrecken.

Diese Anzeigen sind ein aggressives Ärgernis, dem man nicht entgehen könne, sagt Gary Ruskin von der US-Verbraucherorganisation Commercial Alert. Ruskin befürchtet, dass auch die nur zehn Sekunden währenden Werbespots abschreckend wirken, weil sie immer häufiger auftauchen. Man müsse sich fragen, ob ein solches Bombardement von Anzeigen möglicherweise die Internetnutzer eher dazu bringt, das Netz weniger zu nutzen, argumentiert Ruskin.

Die Hersteller der shoshkeles-Anzeigen lassen sich von solchen Bedenken nicht bremsen. Sie arbeiten bereits an der nächsten Generation von Werbeideen für das Internet. Bei United Virtualities entwickelte man ein Programm, das den Webbrowser komplett zur Werbeoberfläche umfunktioniert. Auf den grauen Funktionsleisten am oberen Rand des Browsers würden sich Anzeigen dauerhaft einnisten. United Virtualities beteuert, dass die Werbefunktionen vom User problemlos abgestellt werden können. Und um die Harmlosigkeit der neuen Technologie zu betonen, erhielt auch diese einen putzigen Namen: Der lautet Ooqa Ooqa, und es handelt sich angeblich wie auch bei shoshkeles um den Spitznamen einer Tochter des Firmengründers. dpa

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