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Web trifft Gutenberg

03.04.2001 | 00:00 Uhr |

Angesichts des Trends zu elektronischen
Publikationen haben deutsche Bibliothekare in Bielefeld die
verstärkte Konzentration auf das Internet in öffentlichen und
wissenschaftlichen Bibliotheken gefordert.

Zum Auftakt des 91. Deutschen Bibliothekartags sagte Karl Wilhelm
Neubauer, der Direktor der Universitätsbibliothek Bielefeld, am
Montag, die Gepflogenheiten für gedruckte Literatur müssten auch für
den elektronischen Bereich gelten. Ziel sei die «digitale
Bibliothek». Bisher sind nur rund die Hälfte aller öffentlichen
Bibliotheken in Deutschland an das weltweite Netz angebunden.

Bei der Entwicklung der Informations- und Wissensgesellschaft
mahnte Neubauer in eine stärkere politische Unterstützung an. Den
Fachleuten müsse mehr Gehör verschafft werden. Ohne deren Hilfe könne
auch der gebildete Bürger die Masse der im Internet angebotenen
Informationen nicht bewerten. Mit Nachdruck räumte der Direktor einer
Verbesserung der Internet-Infrastruktur an den Bibliotheken derzeit
Vorrang vor einer Ausweitung des Buchbestandes ein. «Die Millionen
müssen in das Netz und nicht in den Kauf neuer Bücher investiert
werden», sagte Neubauer.

An dem von drei Fachverbänden veranstalteten viertägigen Kongress
unter dem Motto «Bibliotheken - Portale zum globalen Wissen» nehmen
nach Auskunft der Initiatoren rund 2 300 Experten aus dem In- und
Ausland teil. Etwa 100 Firmen aus dem Bibliotheks- und Verlagsbereich
sowie der Informationsindustrie präsentieren ihre Dienstleistungen in
einer Ausstellung.

Nach Darstellung des Vorstandsvorsitzenden des Deutschen
Bibliotheksverbandes, Arend Flemming, sind derzeit etwa 50 Prozent
der insgesamt 3 800 öffentlichen Bibliotheken in Deutschland ans
Internet angeschlossen. Im bevölkerungsreichsten Bundesland
Nordrhein-Westfalen verfügten knapp 200 Bibliotheken über einen
Zugang zur weltweiten Datenautobahn.

Vor weiteren Stelleneinsparungen beim Bibliothekspersonal warnte
der Vorsitzende des Vereins Deutscher Bibliothekare, Wolfgang
Dittrich. Bei einer Reduzierung der Belegschaft sei die Qualität der
Fachinformation in den wissenschaftlichen Bibliotheken ernsthaft
gefährdet. Nach Einschätzung Dittrichs können Hochschulbibliotheken
vor dem Hintergrund der Euroschwäche und den Preissteigerungen der
Verlage auch immer weniger Publikationen kaufen. «Die Löcher in den
Beständen werden von Jahr zu Jahr größer», sagte er. Für viele
Benutzer sei eine sinnvolle Recherche kaum mehr möglich. Dittrich
forderte Bund und Länder dazu auf, einen festen Etat für den Erwerb
von Publikationen einzurichten. dpa

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