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Wochenendmagazin 19|04

08.05.2004 | 10:00 Uhr |

Report: Point&Click - Die Rückkehr der Adventures +++ Auf der anderen Seite: AOL-Highspeed nicht für Macianer, Gateway vor dem Aus, Office 2004 vor dem Start +++ Macwelt Replay: Spielerischer Wochenrückblick +++ Kontroverse: Steiger und Müller über glänzende Geschäfte mit dem iPod und Lotto-Tippgemeinschaften

Point & Click: Die Rückkehr der Adventures

Baphomets Fluch 3, Black Mirror, The Westerner, Myst Uru oder IV Revelation und wie sie alle heißen: Die klassischen Adventures erleben derzeit eine Renaissance. Leider haben Macianer bei dem überraschenden Comeback meist das Nachsehen. Ein aktueller Überblick von Thomas Hartmann

Blade Runner Ray McCoy auf dem Dach des Polizeigebäudes. Für den Mac ist das Spiel zum Film von Ridley Scott nie erschienen.
Vergrößern Blade Runner Ray McCoy auf dem Dach des Polizeigebäudes. Für den Mac ist das Spiel zum Film von Ridley Scott nie erschienen.
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Eine persönliche Anmerkung zu Beginn: Meine eigenen "Abenteuer" auf dem Mac begannen 1995/96 auf einem Performa 5200 mit Myst und Daedalus Encounter - beide Spiele hatte Apple seinem Consumer-Rechner beigelegt. Dadurch auf den Geschmack gekommen, ging es in den nächsten Jahren weiter, insbesondere mit packenden Adventures wie Secrets of the Luxor, Amber - Journeys Beyond ; Star Trek - A final Unity, The Dig oder Zork: Nemesis. Vermutlich haben einige unserer Leser ähnliche Erfahrungen gemacht. Zwei Dinge sind daran auffällig: Es gab damals jede Menge aktueller Adventures für den Mac. Häufig erschienen sie im englischen Original, was die Wartezeit gegenüber heutigen Lokalisierungsverzögerungen erheblich und nebenbei die eigenen Englischkenntnisse aktuell hielt. Diese erfreuliche Situation indessen änderte sich recht schlagartig ab etwa 1997/98, als etwa das hervorragend gemachte Adventure "Blade Runner" nicht für den Mac erscheinen sollte. Das war besonders bitter, denn der Regisseur des dazugehörigen (und gleichnamigen) Originalfilms war Ridley Scott, Macianern auch bekannt als Macher des legendären Apple-Werbespots zur Einführung des Macintosh 1984. Aber auf solche sentimentalen Zusammenhänge nimmt die Spieleindustrie natürlich keine Rücksicht. Zudem der Mac-Markt damals in einer besonders heftigen Krise steckte, was eine aufwändige Portierung aus wirtschaftlicher Sicht immer weniger zu rechtfertigen schien.

Die Krise des Mac-Markts

Nicht eigentlich ein Adventure, aber doch mit erheblichen Rätselanteilen versehen schaffte es im gleichen Zeitraum auch "Jedi Knight 1" nicht auf den Mac. Dessen Vorgänger "Dark Forces" dagegen brachte Lucas Arts noch in einer eigenen Mac-Fassung auf den Markt. In diesem Stil ging es weiter, wobei auch das Adventure-Genre als solches sich auf dem aufsteigenden Ast befand, gleich ob PC oder Mac. 3D-Shooter, Rollen- und Strategiespiele waren die neuen Favoriten, das klassische Point&Click-Adventures wurden immer öfter tot gesagt. Daran konnten selbst die auf 3D-Hochglanz polierten Nachfolger von Myst (Riven, Myst III: Exile), die immerhin auch für Apple-Rechner zu haben waren, nichts ändern.
Die Abkehr vom Mac demonstrierte dagegen Lucas Arts mit seiner Weigerung endgültig, das erstmals mit kompletter 3D-Tastensteuerung zu spielende Adventure "Grim Fandango" (1998) zu portieren. Andere Abenteuer aus deren Spielewerkstatt wie "The Dig" hatten kurz zuvor auf dem Mac noch für Begeisterung gesorgt. Immerhin brachte Lucas Arts sämtliche vier Abenteuer von Monkey Island bis einschließlich Teil IV: Escape from Monkey Island auf unsere Apple-Rechner.

Bis vor kurzem galten Adventures egal auf welcher Plattform als ziemlich altmodisch und technisch rückständig, besonders wenn es dabei im klassischen Stil der Mausklicks von einer Einstellung zur nächsten Bildszene ging. Zu den gelungenen Versuchen, das klassische Konzept mit aktueller Grafik- und Tastatursteuerung fortzuführen, gehörte jüngst Baphomets Fluch 3, dessen Vorgänger noch für den Mac zu haben waren. Für dieses Spiel, bei dem freilich die für manchen geübten Grafik-Abenteurer zu simplen Rätsel kritisiert wurden, ist bisher leider keine Portierung vorgesehen. Ob das derzeit mit hohem Aufwand und im klassischen Stil von Fans produzierte "Baphomets Fluch 2,5 - Die Rückkehr der Tempelritter" in einer Mac-Variante erscheinen wird, ist derzeit noch unsicher, aber nach Auskunft der engagierten Entwickler durchaus möglich.

Neue und kommende Adventures für den Mac

'In Memoriam' hat gezeigt, dass klassische Point
Vergrößern 'In Memoriam' hat gezeigt, dass klassische Point
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&Click-Adventures auch auf dem Mac eine Zukunft habenWie sieht es ansonsten auf dem aktuellen Adventure-Markt aus - welche Spiele sind bereits oder werden voraussichtlich bald für den Mac verfügbar sein? Ein recht gelungenes Beispiel von Ubisoft ist der Thriller "In memoriam", das als Hybrid-CD für PC und Mac erschien und auf Grund seiner spannenden Story und den notwendigen Recherchen im "echten" - teils von den Spielentwicklern eigens fingierten - Internet über manche Enttäuschungen der letzten Jahre hinwegtrösten konnte. :Wir haben es ausführlich vorgestellt.

Auch das wiederum eher klassische Grafik-Adventure "Alida" um eine geheimnisvolle Gitarren-Themeninsel garantiert dem eingefleischten Abenteurer auf dem Mac einige denkintensive Stunden mit schön gerenderten Locations. Dieses ebenfalls von Macwelt.de :rezensierte Spiel erschien zunächst für das klassische Mac-OS 9, dann für Mac-OS X und soll nun bald professionell publiziert und für beide Plattformen (Mac und PC) verfügbar sein.

In punkto Lernadventures sieht es recht gut aus: Zu zahlreichen Schul relevanten Themen (etwa Physikus, Chemikus, Bioscopia, Informatikus) gibt es Hybrid-Scheiben für Mac und PC von Heureka- Klett - kein Wunder, diese basieren im Wesentlichen auf den aus dem Mac-Bereich stammenden Multimedia-Tools Quicktime und Macromedia, sodass eine aufwändige Portierung entfällt. Andere spannende und lehrreiche Abenteuer desselben Verlags wie Historion oder Krimi-Lernadventures ("Brand am Hafen", "Chaos am Set") dagegen sollen auch zukünftig nicht auf den Mac portiert werden.

Sehr erfreulich ist dafür die Mitteilung, dass "Uru - Ages beyond Myst" nachträglich (Releasedatum laut Ubisoft noch unbestimmt) und das noch in Entwicklung befindliche "Myst IV - Revelation" zeitgleich mit der PC-Version im September dieses Jahres erscheinen sollen - insofern gute Aussichten für Adventure-Fans mit Apple-Rechner. Nur in den USA erhältlich ist derzeit der Nachfolger von "Riddle of the Sphinx I" namens "The Omega Stone", das es dort in einer Variante für Mac-OS X gibt. Bisher scheint laut Arktis.de das Interesse des Publishers The Adventure Company an einem Verkauf in Deutschland nicht übermäßig groß zu sein, der Rosendahler Versender bemüht sich aber weiterhin um eine Verkaufsversion für hier zu Lande.

Sorry, Windows only

Windows only: Für das Adventure Black Mirror mit seiner Gruselatmosphäre gibt es keine Mac-Portierungspläne
Vergrößern Windows only: Für das Adventure Black Mirror mit seiner Gruselatmosphäre gibt es keine Mac-Portierungspläne
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Ungünstig sieht es nach unserer Recherche für einige weitere aktuelle Grafik-Abenteuerspiele aus, die durch ihren Erfolg beim Konsumenten auf dem PC-Markt derzeit wesentlich zur Renaissance des (mehr oder weniger) klassischen Adventures beitragen, an erster Stelle wäre das aus Tschechien stammende Grusel-Adventure "Black Mirror" zu nennen, das zwar mit ausschweifen Dialogen versehen ist, dafür aber eine beeindruckende und glaubwürdige Atmosphäre schafft, die Schritt für Schritt in die Horrorstimmung hinein führt. Unsere Schwesterzeitschrift Gamestar bewertete das Adventure, dessen Hauptfigur in der deutschen Version die Synchronstimme von Johnny Depp spendiert bekam, mit immerhin 80 Prozent Gesamtwertung. Das Spiel bekommt bereits Kultstatus - sogar ein Comic dazu, das die Vorgeschichte des Schlosses und Samuel Gordons beleuchtet, ist bereits im Internet als Fortsetzungsgeschichte erschienen. Passend dazu teilte der Online-Versandhändler Amazon.de - offensichtlich selbst überrascht - mit, dass erstmals ein Adventure den ersten Platz bei den Bestellungen in dessen Spielesektor einnahm. Ähnliches gilt für "The Westerner", das ebenfalls hohe Bewertungen in verschiedenen Spielemagazinen abstauben konnte. Keine Frage, gerade diese beiden Adventures würden auch Spiel freudigen Macianern großen Spaß bereiten.

Eine Anfrage beim deutschen Publisher dieser Abenteuerspiele DTP Publishment ergab leider ein klares "Nein" zu möglichen Mac-Adaptionen. Auskunft wie so häufig: Der Mac-Markt sei einfach zu klein in Deutschland. Kein schönes Schlusswort vor dem Fazit, aber leider ein wahres. So bleibt es dabei: Wer gern aktuelle Games inklusive den neuesten Adventures spielen will, braucht einen PC. Oder testet, sofern im Besitz von Virtual PC und einem möglichst schnellen Mac-Rechner, ob und inwieweit ein PC-Spiel in der Emulations-Umgebung läuft. Immerhin sind Grafik-Adventure, obwohl deutlich anspruchsvoller als früher, bei weitem nicht so ressourcenhungrig wie 3D-Action-Spiele und Shooter. Ein guter Tipp ist, sich eine meist verfügbare Demo aus dem Internet zu laden oder sie von einer Gamestar-CD aufzuspielen und zu prüfen, ob es klappt. So ist man vor dem Kauf auf der sicheren Seite.
Wünschenswert indes wäre eine Rückkehr zur Situation wie vor etwa acht Jahren. Doch solange die Marktanteile der Apple-Rechner in Deutschland und anderswo nicht deutlich steigen, dürfte das wohl utopisch bleiben.

Fazit

Nur der genügsame Mac-Spieler kann mit der Situation zufrieden sein oder sich wenigstens damit abfinden. Sogar die Adventure-Renaissance findet - von wenigen freilich wichtigen Ausnahmen abgesehen - weitgehend ohne Mac-Adaptionen statt. Hier hilft nur eine Teil-Askese oder die Flucht zum PC respektive einer Konsole. Ansonsten machen es Macianer wie gewohnt: Mit dem Prinzip Hoffnung - der Blick geht trotz allem immer wieder nach vorn.

Info: Eine schier unerschöpfliche Quelle für Beschreibungen und Links zu Rezensionen fast aller gängigen Adventures aus Vergangenheit und Gegenwart ist die sehr engagiert gemachte mehrsprachige Site Adventure-Archiv

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