922143

Wochenendmagazin 20|04

15.05.2004 | 10:00 Uhr |

Report: Wie die Echinger Rettungswache noch heute mit Hilfe des Newton Leben rettet - wenn die alte Hardware nicht streikt +++ Auf der anderen Seite: Äpfel mit Birnen und wie Microsoft sein Herz für Raubkopierer entdeckt +++ Macwelt Replay: Highlights von der E3 +++ Kontroverse der Woche: Steiger und Müller über Virengefahr, Sicherheit und schöne Stewardessen

Lebensretter Newton - Eine Erfolgsgeschichte


Seit sechs Jahren unterstützt Apples Handheld bayrische Rettungssanitäter bei ihrer Arbeit, nun bräuchte der Ur-Palm selbst einen Sanitäter. Das Apple keinen Nachfolger entwickelt hat ist unverständlich, zumindest hier bewährt der Rechner sich bis heute täglich. - von Ole Leitloff

Apple hat das Projekt längst begraben und auch wenn einige Mac-Fans noch immer auf einen Nachfolger des ersten Handheld-Computers warten, der Newton ist Geschichte. Und so hat der Taschen-PC mittlerweile seinen verdienten Platz neben anderen Apple-Erfindungen in der Münchner Pinakothek der Moderne eingenommen. Doch nicht alle Newton-Modelle lagern dort im Museum, stille Zeugnisse Cupertinischer Kreativitäts-Ruinen. Zwar war das Gerät, wie schon andere Apple-Produkte, seiner Zeit angeblich so weit voraus, dass es den Durchbruch nicht überlebte, aber in mehreren bayrischen Landkreisen dient der Newton noch immer als mobile Datenverwaltung bei Rettungseinsätzen - etwa in Eching im Landkreis Freisung bei München.

Der Newton im Krankenwagen

Über einen Karten-Slot, liest der Newton alle relevanten Personendaten, die auf Krankenkassen-Chip-Karte eines Patienten gespeichert sind, aus und verarbeitet sie weiter. Mit Hilfe der gut funktionierenden Blockbuchstaben-Handschrifterkennung, können die Sanitäter Eingaben per Stift jederzeit ergänzen. Die Daten überträgt der Palm-Vorgänger später in die Rettungszentrale an einen Rechner, der sie an die zentrale Abrechnungsstelle des Bayrischen Roten Kreuzes weitergibt. Standardinformationen wie Fahrzeugnummern und Ärztelisten gleicht der Newton dabei automatisch mit dem PC ab. Damit erspart der Newton den Rettungssanitätern Zeit, Papierarbeit und Platz, da alle Daten digital verwaltet werden. Die zehnjährige Aufbewahrungspflicht aller Patientendaten von Rettungseinsätzen würde meterweise Ordner füllen.

"Wenn er funktioniert, ist er super"

Doch mittlerweile kommt der Newton in die Jahre und der tägliche Einsatz im Rettungswagen hinterlässt seine Spuren. Der Leiter des Rettungsdienstes für Freising, Helmut Braselmann, kommentiert den Zustand der Newton-Rechner mit den Worten: "Wenn sie gehen, sind sie super." Leider verbringen die Geräte mittlerweile ein Drittel ihrer Zeit in der Reparatur. Geschwindigkeitsverlust, Eingabeprobleme und andere Fehlfunktionen machen den Newton nun selbst zum Pflegefall. Die Reparaturen übernimmt die eigene Medizintechnik des Bayrischen Roten Kreuzes. Da Apple die Entwicklung und den Support des Newton schon nach wenigen Monaten einstellte, sind BRK-Techniker im Laufe der Zeit zu Lötspezialisten und Bastlern geworden. Das war nicht immer so: Im Januar ’98 angeschafft, war der Newton damals durch seine geringe Größe und die Technischen Möglichkeiten nicht nur das beste Gerät, er war auch das günstigste, und Probleme gab es im Einsatz kaum. Die eigens für den Rettungsdienst entwickelte Software ist theoretisch auch heute noch erweiterbar und plattformunabhängig. Um die 50 bis 100 Rettungseinsätze speicherte der Newton damals ab.

iPod könnte vom Newton lernen

Der Newton war seiner Zeit sicherlich voraus, doch warum Steve Jobs die Entwicklung einstellte ist wenig verständlich, zumindest wenn diejenigen zu Wort kommen, die den Newton aus seiner Anfangszeit im Rettungsdienst beim BRK kennen. Während der erfolgreiche und bei Newton-Fans als halber Nachfolger gehandelte iPod den ARM-Prozessor des Newton übernommen hat, und sogar das Betriebssystem von einigen Newton-Programmierern stammen soll, versagt die Juke-Box, womit der Newton heute noch auftrumpft: Der Ausdauer. Noch nach sechs Jahren hält der kleine Taschen-Computer mit seinem Original-Akku vier Tage lang im Einsatz durch. Das soll ihm der iPod mit seinen nach zwei Jahren schwächer werdenden Akkus erstmal nachmachen. Und auch wenn die bayrischen Rettungssanitäter mittlerweile über die Anfälligkeit des Newton fluchen und nach den PDAs mit Datenfernübertragung mancher anderer Rettungsdienste schielen, der Techniker der den Newton immer wieder zusammenflickt meint nur: "Das Preisleistungsverhältnis war super und ein Nachfolger des Newton wäre auch heute noch engere Wahl. Die technischen Möglichkeiten des Newton sind genial." Schade Apple! Hätte die Firma doch wenigstens die Rechte an Sharp oder eine der anderen interessierten Firmen verkauft, die Rettungssanitäter würden es ihnen danken.

0 Kommentare zu diesem Artikel
922143