873298

"Yettie" löst den "Yuppie" ab

22.08.2000 | 00:00 Uhr |

Er ist zwischen zwanzig und dreißig, ist schnell,
flexibel, arbeitet freiwillig auch nachts und am Wochenende: Der
«Yettie». «Er ist ein Kind der New Economy und definiert sich über
seine Beschäftigung in der IT-Branche», charakterisiert Betty Siegel,
Soziologin vom Hamburger Trendbüro, den neuen Typus des Arbeitnehmers
in der Welt der neuen Medien.

«Die Arbeit ist der Sinn an sich.» Im Gegensatz zum «Yuppie» der
80er Jahre bedeuten ihm Anzug und Krawatte nur wenig: «Sein
Markenzeichen ist das Understatement.»

Dies gilt zumindest rein äußerlich. Innerlich wissen die
«Yetties», die «young, entrepreneurial, tech-based» (die jungen,
unternehmerisch und technisch orientierten) Internet-Eliten genau was
sie wollen und müssen: Sich selbst vermarkten.

Dabei werde der Arbeitnehmer im Bereich der
Informationstechnologie (IT) immer mehr der Unternehmer seiner
eigenen Arbeitskraft, sagt der Industriesoziologe Günter Voß von der
Technischen Universität Chemnitz. «Und jeder einzelne ist gezwungen,
sich selbst als Produkt immer wieder neu zu entwickeln und zu
verkaufen.» Das habe es bisher noch nie gegeben.

Absolute Flexibilität und das Leben zwischen mehreren Städten sind
für Hagen Kühn bereits seit mehr als zwei Jahren Alltag: Der 34 Jahre
alte Projektleiter eines mittelständischen Software-Unternehmens
pendelt jede Woche zwischen London, Frankfurt und dem Hauptsitz
seiner Firma in Sankt Georgen im Schwarzwald. «Es ist ein irrsinniges
Gefühl, am größten derzeit laufenden internationalen E-business-
Projekt mitzuarbeiten», erklärt Kühn seine Motivation. Klar leide die
Familie darunter. Aber so eine Chance könne man sich andererseits
auch nicht entgehen lassen, bekennt er fasziniert.

Rund 1,8 Millionen Deutsche arbeiten derzeit in der IT-Branche.
Das sind nach Angaben des Bundesverbandes für Informations- und
Kommunikationssysteme ungefähr fünf Prozent aller Beschäftigten. Bis
zum Jahr 2003 sollen es 2,4 Millionen Menschen sein. Die so genannte
New Economy verlangt viel:

«Acht-Stunden-Tag oder 40-Stunden-Woche gelten in der IT-Branche
schon lange nicht mehr», sagt Werner Senger, Geschäftsführer des
Verbandes. Dafür werde mit einem Einstiegsgehalt von oft über 100 000
Mark Jahresgehalt aber auch sehr gut verdient. Viele Unternehmen des
Neuen Marktes hätten es sich außerdem zum Grundsatz gemacht, die
Beschäftigten mit Aktienoptionen direkt am Erfolg zu beteiligen.

Sabine Söllheim, Produktmanagerin bei einem schwäbischen Software-
Unternehmen, betrachtet die Flexibilität als Vorteil: «Wer fit ist,
kann in unserem Bereich ganz schnell ganz weit aufsteigen.» Durch
ständiges Lernen steige die Selbstsicherheit der IT-Spezialisten
ungemein. «Allerdings muss man aufpassen, dass sie nicht zu
selbstbewusst werden.» Die Kehrseiten der IT-Welt sieht Marit van
Santen, Frau eines Firmengründers: «Wir führen oft eine Partnerschaft
per E-mail und am Telefon. Ganz zu schweigen von den
Einsamkeitsgefühlen am Wochenende.»

Wie «New Economy» im Unternehmen ganz praktisch aussehen kann,
erzählt Jens Jahn, kaufmännischer Leiter einer hessischen Firma für
Design im Internet: «Wir haben einen Goody-Man, der sich um das
leibliche Wohl unserer Mitarbeiter kümmert.» Damit diese keine Zeit
mit Essengehen verplempern, kauft der «Goody-Man» Obst, Gemüse,
Süßigkeiten und andere Leckereien für alle ein. Zusätzlich gibt es
auch Entspannung für müde Rücken gratis: Zwei Mal die Woche kommt
eine Masseurin, um sie wieder fit zu machen.

Wohin die Entwicklung einmal führen soll, ist nach Auffassung von
Andreas Boes noch nicht absehbar. Der Soziologe der Technischen
Universität Darmstadt hat für eine Studie innerhalb von zwei Jahren
rund 200 Gespräche mit Beschäftigten und Experten in der IT-Branche
geführt. «Ich glaube, der Börsen-Rausch geht vorüber», bilanziert er.
«Außerdem bleibt abzuwarten, wie lange die Menschen das Dilemma
zwischen Beruf und dem absoluten Verzicht auf ein soziales Leben und
Familie noch aushalten.»
dpa

0 Kommentare zu diesem Artikel
873298