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Zensur im Internet

25.03.2003 | 15:57 Uhr |

Durch den Krieg im Irak steigen die Besucherzahlen der Nachrichtenseiten rapide an. In Amerika hat jedoch ein Hosting-Provider bereits die ersten Bilder eines unabhängigen Nachrichtendienstes zensiert.

Journalisten sollen bei ihrer Arbeit Wahrheit und Menschenwürde achten. Privatleben und Intimsphäre Betroffener sind dabei besonders zu schützen, lauten die Regeln des fairen Journalismus, wie sie der deutsche Presserat fordert, das freiwillige Selbstkontrollorgan der Medien. Gleichzeitig aber heißt es im Artikel 5 des Grundgesetzes, "Zensur findet nicht statt". Gestern hat dennoch ein amerikanischer Hosting-Provider Bilder von Kriegsgefangenen und gefallenen Soldaten des Nachrichtendienstes Yellowtimes.org zensiert.

Norm gefallen


Lange Jahre war es gerade im deutschen Fernsehen Norm, keine Bilder von Leichen oder Sterbenden zu zeigen. Mit dem Einzug privater Fernsehsender und dem Sensationsjournalismus ist diese Norm gefallen. Zumal in Zeiten des Krieges. Dabei nimmt der derzeit tobende Irakkrieg eine besondere Rolle ein: Eine einzelne Stimme aus Bagdad, wie sie 1991 der frühere CNN-Reporter Peter Arnett (heute NBC) noch war, ist in der heutigen Medienwelt nicht mehr denkbar, erklärt die Süddeutsche Zeitung in ihrer gestrigen Ausgabe. Über 500 "embedded journalists" sind deshalb derzeit zusammen mit den Truppen in Irak unterwegs - mehr zum Zwecke der Militärpropaganda, denn der Wahrheitsfindung, wie nicht nur die Süddeutsche findet. So bescherten uns diese meist ehemaligen Generäle in den ersten Tagen des Krieges solche Bilder, wie sie sich die politischen Führer wünschten. Umso schockierender waren die Aufnahmen der Gegenseite vom Wochenende, als die so genannten Journalisten von Iraq TV Interviews offensichtlich stark verängstigter Kriegsgefangener und gefallener Soldaten präsentierten.

Zensur zwecklos


In den amerikanischen Medien wird diese Kriegspropaganda Saddam Husseins nicht sehr gerne gesehen. Die Live-Bilder, die auch Al Jazeera ausstrahlte, waren deshalb auch nur kurz zu sehen. Später entschied man sich, die Gesichter der Kriegsgefangenen unkenntlich zu machen. Zur Wahrung der Genfer Konvention, wie es in der Begründung heißt. Yellowtimes.org setzte sich dagegen selbst zum Ziel, Themen aufzugreifen, die in den Mainstream-Medien unberücksichtigt bleiben und postete Fotos von den Fernsehbildern. Der Provider fackelte nicht lange und veranlasste die Zensur der Bilder, allerdings ohne die Rechnung mit den Eigenheiten des Mediums zu machen. Man entschied sich, eine URL zu einem Mirror in Neuseeland zu veröffentlichen, der außerhalb der Reichweite des Providers lag. Heute ist die Domain von Yellowtimes.org gesperrt - auch das gehört zu den Schattenseiten des Krieges.
chr

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