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Zerschlagung von Grundig befürchtet

15.04.2003 | 09:09 Uhr |

Nürnberg (dpa) - Jahrelang hatten Management und Belegschaft bei Grundig auf eine erfolgreiche Rettung gehofft - doch am Ende blieb dem traditionsreichen Elektronik-Hersteller nur der Gang zum Insolvenzrichter. Mit dem am Montag gestellten Insolvenzantrag erreicht die 57-jährige Geschichte des Nürnberger Traditionsunternehmens ihren vorläufigen Tiefpunkt. Selbst radikale Sanierungsmaßnahmen hatten die Verlustfahrt des Unternehmens nicht mehr stoppen können. Als dann auch noch die Suche nach einem finanzkräftigen Investor scheiterte, zog der neue Grundig-Chef Eberhard Braun die Notbremse.

Der Insolvenzantrag kam keineswegs überraschend. Nach dem Platzen der Verhandlungen mit dem türkischen Elektronik-Konzern Beko in der vergangenen Woche war der Schritt unausweichlich geworden. Zu lange schon hatte das Management die Grundig-Kreditgeber mit immer neuen, aber stets erfolglosen Sanierungsstrategien hingehalten. So mischten sich bei den weltweit knapp 3800 Grundig-Beschäftigten am Montag Enttäuschung mit der Sorge um die Einheit des Unternehmens. Groß ist die Angst, dass selbst die Reste des einstigen Elektronik-Riesen noch zerschlagen und damit weniger rentable Firmenteile stillgelegt werden könnten.

Eine Sonderlösung ist beispielsweise für die lukrative Autoradio-Sparte denkbar. Die im portugiesischen Braga angesielte so genannte Grundig Car InterMedia Systems beschäftigt etwa 800 Mitarbeiter. Zu 25,1 Prozent ist daran bereits die japanische Fujitsu Ten beteiligt. Car Intermedia hatte erst unlängst einen Großauftrag für das geplante Lkw-Mautsystem in Deutschland erhalten und gilt deshalb als zukunftsweisend. Vor allem bei Automobil-Zulieferern besteht angeblich großes Interesse. Auch für die in Nürnberg ansässige Produktion von Satelliten-Kopfstationen gebe es mögliche Käufer.

Als interessant gilt auch die in Bayreuth beheimatete Bürokommunikationssparte mit rund 170 Beschäftigten. Schließlich hat auch der Markenname Grundig nach Einschätzung von Branchenkennern einen beträchtlichen Wert. Seit mehr als einem halben Jahrhundert steht "Grundig" für "deutsche Wertarbeit". Hinzu kommt das engmaschige Vertriebsnetz von Grundig, das den Nürnberger Konzern lange Zeit für den taiwanesischen Elektronik-Hersteller zu einem attraktiven Partner gemacht hatte - bevor die Verhandlungen Anfang März an unterschiedlichen Preisvorstellungen scheiterten.

Ungewisser denn je ist hingegen die Zukunft des Wiener Grundig- Fernsehgerätewerks. Die Fabrik, die erst im Vorjahr die in Nürnberg stillgelegte Produktion übernommen hatte, hat sich in den vergangenen Monaten als unüberwindbare Verkaufs-Hürde erwiesen. Längst werden TV- Geräte in der Türkei und im Fernen Osten billiger produziert. Die Zeit für die TV-Produktion in Mitteleuropa zu den hier üblichen Lohnkosten ist nach Branchen-Einschätzung längst abgelaufen.

Dennoch setzen Belegschaftsvertreter auf den Grundig- Vorstandssprecher Braun. Denn zumindest nach Ansicht des Nürnberger Wirtschaftsprüfers Bernd Rödl gilt Braun nicht als "Zerschlager, sondern als Retter". Dass sich auch ambitionierte Unternehmens-Retter gelegentlich betriebswirtschaftlichen Zwängen beugen müssen, zeigte der Fall des Flugzeugherstellers Fairchild-Dornier. Hier konnte Braun als Insolvenzverwalter eine Zerschlagung nicht ganz verhindern.

Grundig-Konkurrenten wittern derweil die Chance einer günstigen Übernahme. So soll die Grundig-Führung nach einem Bericht der Financial Times Deutschland gemeinsam mit dem türkischen Konzern Beko bereits an einer Auffanglösung basteln. Dabei sollen die Türken angesichts der desolaten Lage bei Grundig nicht nur auf einen Schnäppchen-Preis hoffen, sondern auch auf die Entlastung von rund 200 Millionen Euro Grundig-Pensionsverpflichtungen. Ein Grundig-Sprecher wollte sich dazu zunächst nicht äußern. Anderen Spekulationen zu Folge hat inzwischen auch Sampo neue Gesprächsbereitschaft angedeutet.

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