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Zu wenige Ingenieure

07.03.2001 | 00:00 Uhr |

Der Mangel an Informatikern, Ingenieuren und
anderen Akademikern gefährdet zunehmend den Wirtschaftsaufschwung in
Deutschland. Jedes sechste Unternehmen aus Industrie und
Dienstleistung klagt inzwischen über Fachkräftemangel und muss
deswegen fest eingeplante Innovationsprojekte strecken oder
abbrechen. Dies zeigt der neue Bericht der Bundesregierung «Zur
technologischen Leistungsfähigkeit Deutschlands», den
Bundesforschungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) am Mittwoch dem
Kabinett vorlegte.

Dabei hätten gerade Forschung und Entwicklung für Zukunftsprodukte
in den letzten drei Jahren wieder «zu neuer Stärke gefunden», sagte
Bulmahn. Die Wirtschaft hat ihre Investitionen dafür um 21 Prozent
gesteigert. Mehr als sechs Prozent ihres Umsatzes erzielen deutsche
Unternehmen inzwischen mit Marktneuheiten, vor allem im Bereich der
Biotechnologie, der Informations- und Kommunikationsbranche - aber
auch im klassischen Sektor Fahrzeugbau.

Der aktuelle Fachkräftemangel wird als «größtes Hemmnis» für die
weitere Entwicklung bezeichnet. Allein in der Informations- und
Kommunikationsbranche werden einer aktuellen Untersuchung zufolge bis
Ende nächsten Jahres bis zu 350 000 Spezialisten benötigt, davon rund
50 Prozent mit akademischer Ausbildung. Bereits im ersten Halbjahr
2000 konnte dort schon fast jede zweite offene Stelle nicht besetzt
werden. Es fehlten 93 000 Spezialisten, zum größten Teil Akademiker.

Immer mehr Betriebe förderten deshalb Umschulung und Weiterbildung
ihrer Mitarbeitet. Zwar sei die Zahl der Studienanfänger in
Informatik, Elektrotechnik und Maschinenbau in jüngster Zeit
gestiegen - allein in Informatik gab es zum Wintersemester ein
Drittel mehr Studienanfänger - doch reiche dies immer noch nicht aus.
Abiturienten reagierten bei ihrer Studienentscheidung in der Regel
erst ein bis zwei Jahre verspätet auf die Signale des Arbeitsmarktes,
sagte Bulmahn.

Die Ministerin gab der jahrelangen Sparpolitik beim Bafög
Mitschuld an der geringen Studienneigung der jungen Menschen. «Wenn
in Deutschland nur 28 Prozent eines Jahrganges die Hochschule
besuchen - dann passt das nicht mehr zum Anspruch einer modernen
Industrienation», sagte Bulmahn. Im Durchschnitt der OECD-Staaten
studieren inzwischen 40 Prozent eines Jahrganges. In USA, Japan und
Frankreich sind dies heute deutlich mehr.

Dabei weist Deutschland unter den großen europäischen Ländern die
höchste Dichte an innovativen Unternehmen auf. Inzwischen meldeten 40
Prozent der Unternehmen, dass sie mit mindestens einem Produkt als
erstes auf dem Markt seien. Die Zahl der Patentanmeldungen habe in
fast allen Branchen deutlich zugenommen. Beim Automobilbau stammten
45 Prozent der Anmeldungen beim EU-Patentamt aus Deutschland.

Auf den Fachkräftemangel reagieren die Unternehmen verschieden:
Ingenieurstellen werden dem Bericht zufolge lieber unbesetzt gelassen
als fachfremd besetzt. In der Computer- und Medienbranche werden
dagegen Abstriche gemacht und auch Studienabbrecher mit Teil-
Kenntnissen eingestellt. Alternativ werden gerne auch Elektro- und
Maschinenbauingenieure, Mathematiker und Physiker genommen, was
wiederum zu Engpässen in anderen Branchen führt.

Viele Unternehmen gingen heute direkt in die Hochschulen und
würben um Fachkräfte, heißt es weiter. Zwei von fünf Unternehmen
würden bei Erleichterung der Arbeitserlaubnis wie bei der Green-Card-
Regelung auch mehr Ausländer einstellen.

20 bis 25 Prozent des jährlichen Wirtschaftswachstums in
Deutschland werden heute dem zunehmenden Einsatz der Informations-
und Kommunikationstechniken zugerechnet. «Die Zukunftsmusik» im
deutschen Pharmasektor spiele die Biotechnologie. Patente und
Innovationen kommen dabei verstärkt direkt aus den Hochschulen, oft
auch in Verbindung mit kleineren Unternehmen. Die Pharmakonzerne
konzentrierten sich auf die teurere klinische Forschung.

Zehn Jahre nach der Vereinigung hätten die Unternehmen in den
neuen Bundesländern inzwischen an ihre alten technologischen
Kompetenzen aus DDR-Zeit anknüpfen können. Sie verzeichneten
beachtliche Erfolge in den Bereichen Optik, Fahrzeugbau,
Medizintechnik und Polymere (Kunststoffe). Allerdings seien die
Exporterfolge im Vergleich zu den alten Ländern immer noch begrenzt.
dpa

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