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Zukunftspreis 2000 für MP3-Erfinder

20.10.2000 | 00:00 Uhr |

Der Deutsche Zukunftspreis 2000 geht an die
Erfinder des Datenformats MP3, das Musik vor der Datenübertragung
komprimiert. Bundespräsident Johannes Rau überreichte die mit einer
halben Million Mark dotierte Auszeichnung am Donnerstagabend auf der
Expo in Hannover an Professor Karlheinz Brandenburg
(Ilmenau/Thüringen). Mit ihm wurden Bernhard Grill und Harald Popp
geehrt.

Die innovative Technik hatte vom Fraunhofer-Institut für
integrierte Schaltungen im fränkischen Erlangen aus ihren Siegeszug
um die Welt angetreten. Mit ihr können Musikdateien so stark
komprimiert werden, dass sie sich in Hifi-Qualität über das Internet
verschicken lassen.

Rau würdigte die drei Forscher bei der Übergabe der Auszeichnung
im Deutschen Pavillon als «Pioniere für ein neues Denken in
Deutschland». «Ich bin glücklich darüber, dass es in Deutschland so
viel Entdeckerfreude gibt», sagte der Bundespräsident. Zuvor hatte er
auch kritische Töne angestimmt. «Wir müssen in Deutschland ein Klima
schaffen, in dem es reizvoll ist, sich der Zukunft zu öffnen.» Noch
könne Deutschland nicht mit den USA konkurrieren. Vor allem die
Hochschulen müssten internationaler werden. Durch bürokratische
Hemmnisse werde häufig verhindert, dass fähige Leute nach Deutschland
kämen.

Eine Jury aus Vertretern von Wissenschaft und Wirtschaft hatte zur
Endausscheidung vier Kandidaten ausgewählt. Bei den
wissenschaftlichen Entwicklungen der anderen Bewerber ging es um ein
Verfahren, mit dem auf schonende Weise Bilder von der Lunge gemacht
werden können (Universität Mainz), einen neuen Prozess zur
Papierproduktion (Augsburger Firma Haindl) und elektronische
Sensoren, die ohne Strom auskommen (Firma Siemens). Die Aufzeichnung
der Veranstaltung sollte am Freitagabend um 22.20 Uhr im ZDF
übertragen werden.

«Geträumt haben wir von diesem Augenblick, daran geglaubt haben
wir nicht», meinte Prof. Karlheinz Brandenburg nach der Preis-
Verleihung. Unter seiner Leitung wurde MP3 am Fraunhofer Institut für
Integrierte Schaltungen (IIS-A) in Erlangen entwickelt. Seit Mai
dieses Jahres leitet Brandenburg die Fraunhofer Arbeitsgruppe für
Elektronische Medientechnologie an der Universität Ilmenau
(Thüringen).

Die Thüringer Wissenschaftsministerin Dagmar Schipanski (CDU)
gratulierte zum Zukunftspreis. Damit werde bestätigt, «dass wir mit
Prof. Brandenburg einen hervorragenden Wissenschaftler und Forscher
für Thüringen gewonnen haben». «Tina Turner aus der Armbanduhr - Wem
haben wir's zu verdanken? - Drei Franken», scherzte Entertainer
Thomas Gottschalk, der eine Patenschaft für MP3 übernommen hatte und
per Video vor der Preisverleihung eingespielt wurde.

Das kleine Kürzel MP3 hat von Erlangen aus die Musikwelt
revolutioniert. Experten sprechen auch von «der größten Revolution
seit Erfindung der Schallplatte». Das Kürzel steht für «Motion
Picture Experts Group audio layer 3» und ist ein Standard zur
Audiocodierung. Mit MP3 werden Musikdateien über eine Telefonleitung
übertragen - und das zwölf Mal schneller als normal. Die Musiksignale
werden dabei auf einen Bruchteil der ursprünglichen Datenmenge
reduziert. Nach Angaben des Fraunhofer Instituts ist MP3 heute
Bestandteil vieler Computer, nach Schätzungen Brandenburgs werden mit
MP3-Geräten rund zwei Milliarden Mark Umsatz gemacht.
dpa

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