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'Zwei Jahre im Verborgenen gearbeitet'

16.01.2002 | 00:00 Uhr |

Warum der iMac mit Flachbildschirm nicht schon wensentlich früher fertig war, hat jetzt Apples Chefdesigner dem Independent Magazine verraten. Die ersten Entwürfe fanden keinen Gefallen bei Steve Jobs.

München/Macwelt - Fast unwirklich kam Jonathan Ive die Macworld Expo in San Francisco vor, wie Apples Chefdesigner Charles Arthur vom britischen Independent Magazine verriet. Zwei Jahre habe man vollkommen im Verborgenen am neuen iMac gearbeitet, erst wenige Stunden vor dessen Premiere war die Wahrheit über das neue Design in Gestalt einer zu früh online gestellten Time-Titelgeschichte an die Öffentlichkeit durchgesickert: "Und jetzt steht er hier überall, und große Plakate hängen herum. Ich kann mich nicht daran gewöhnen."

Skeptisch war der gebürtige Brite Ive, ob der von Steve Jobs als "beste Sache, die wir je gemacht haben" vollmundig vorgestellte Rechner beim Publikum ankommen würde. Erste Eindrücke sammelte Ive direkt nach der Keynote, als er im Publikum umherstreifte. Nur wenige Stunden später konnte er Charles Arthur zufrieden erzählen, dass die Leute den Rechner mehrheitlich angenommen hätten. Dreieinhalb Jahre zuvor bei der Premiere des originalen iMac seien die Meinungen weiter auseinander gegangen, sechs Millionen verkaufte iMacs später klingt der Jobs-Spruch "Er sieht aus wie von einem anderen Planeten - einem Planeten, auf dem bessere Designer wohnen" mehr als gerechtfertigt.

Ein neuer iMac mit Flachbildschirm hätte eigentlich viel früher das Licht der Öffentlichkeit erblicken sollen. Bereits vor zwei Jahren sei dem Apple-CEO und seinem Chefdesigner angesichts fallender LCD-Preise klar gewesen, dass ein komplett neu gestalteter iMac mit Flachbildschirm das ursrüngliche Modell ablösen müsse. Ives handverlesenes Designer-Team ging zunächst lediglich von der TFT-Prämisse aus und versuchte die Komponenten des Rechners hinter den Bildschirm zu montieren. Doch arbeiten Festplatte, CD-RW und DVD-Laufwerke langsamer, wenn sie vertikal angebracht sind, die Hitzeentwicklung des Prozessors erfordert einen lautstarken Lüfter. Einer der Vorzüge von TFT-Displays, ihre durch geringes Gewicht erlangte Mobilität, ist durch eine starre Konstruktion dahin. Den ersten Entwurf eines "flachen" iMacs im Herbst 2000 nahm Steve Jobs dementsprechend wenig begeistert auf.

Normalerweise rechnen Apple-Mitarbeiter mit dem schlimmsten, wenn Steve Jobs als Reaktion auf ihre Arbeit sich sofort auf dem Weg nach Hause macht und um Begleitung bittet. Doch stand dem Apple-Boss nicht der Sinn nach einer spontanen und spektakulären Kündigung seines Chef-Designers, sondern nach einem Spaziergang durch den Gemüsegarten seiner Frau, bei dem er Ive anregte, neu über die Komponenten und deren Verbindung nachzudenken. "Jedes Bauteil sollte sich selbst gerecht werden," ein Credo, das Jobs während der Keynote zur Macworld Expo aussprach, war geboren. Also musste man das Display wieder vom Rest des Computers befreien.

Dass man Main Board, Festplatte und Laufwerk horizontal in eine Halbkugel unterbringen wolle, habe bald darauf fest gestanden, beteuert Ive gegenüber dem Kollegen vom Independent Magazine. Nur so habe man genügend Platz für einen in alle Richtungen schwenkbaren Monitor und verschwende möglichst wenig Standfläche. Bei der Formgebung habe nicht Pixars berühmte Schreibtischlampe Pate gestanden, sondern die Sonnenblume. Technische Schwierigkeiten habe lange der Hals gemacht, denn dieser sollte nicht nur beweglich sein, sondern den Monitor in der gewählten Position halten und jahrelang klaglos funktionierten. Von Anfang an rechneten die Designer auch damit, dass Anwender ihren iMac gewissermaßen am Schlafittchen packen würden, doch die Verbindung würde die Last des 9 kg schweren Computers tragen können.

Beim originalen iMac sei das Ziel nicht gewesen, anders auszusehen, sondern den besten integrierten Computer für Consumer zu bauen. "Wenn daraus als Konsequenz eine andere Form erwächst, dann ist das halt so", meint der 35-jährige. Vor dreieinhalb Jahren sei es leicht gewesen, anders zu sein, mit dem neuen iMac habe man eine ungleich schwierigere Aufgabe vor sich. "Wir wollen besser sein. Das haben wir mit dem neuen iMac versucht." pm

Info: Independent Magazine

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