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iCalamus: "Wir haben keine Angst vor Mitbewerbern"

11.10.2006 | 10:18 Uhr |

Angekündigt war der DTP-Herausforderer schon seit einiger Zeit, jetzt kann man iCalamus in einer ersten Version herunterladen und kaufen.

Während der Name der Neuerscheinung Mac-Anwendern nicht unbedingt etwas sagt, dürfte er bei einigen ehemaligen Atari-Usern Erinnerungen wach rufen: Vielleicht haben sie in den 90er-Jahren noch Calamus verwendet, um ihre Dokumente zu setzen und in Form zu bringen. Wir haben die Wiedergeburt des Klassikers als Aufhänger benutzt, um Ulf Dunkel, dem Besitzer und Manager von invers Software, einige Fragen zu dem Projekt zu stellen.

Wann haben Sie damit begonnen, iCalamus zu entwickeln?

2003 haben wir bereits sehr ernsthaft darüber nachgedacht, Calamus SL auf Mac OS X zu portieren. Als wir aber einen Blick auf den Quellcode geworfen hatten, haben wir gemerkt, dass wir für die Portierung Jahre bräuchten - und das, ohne auch nur ans Hinzufügen neuer Funktionen zu denken. Gleichzeitig haben wir uns die atemberaubenden Möglichkeiten angesehen, die Cocoa und die Mac OS X-Entwicklungswerkzeuge bieten. Nach langen Überlegungen haben wir dann schließlich beschlossen, bei Null anzufangen und eine neue DTP-Applikation für Mac OS X zu entwickeln. Wir haben sie iCalamus genannt. Das "i" steht auch für "invert", denn die Philosophie steht der ihres Namensvetters konträr gegenüber. Calamus SL macht alles selbst und greift kaum auf das Betriebssystem zurück. iCalamus macht genau das Gegenteil und stützt sich zu hundert Prozent auf die Techniken von Mac OS X. Wir haben im November 2003 begonnen und nun, nach fast dreijähriger Entwicklung, Version 1.0 heraus gebracht.

Können Sie denen, die keinen Atari verwendet haben, erklären, was Calamus SL genau war?

Calamus ist ein Editor, der auf dem Atari ST/TT seit 1987 sehr bekannt ist. Zu dieser Zeit wussten andere Systeme noch nicht, was Vektorschriften und Druckauflösungen von 2540 dpi überhaupt sind. Calamus aber beherrschte solche Dinge damals bereits. Die Software konnte zwar nur mit Schwarz und Weiß arbeiten, aber den Anwendern gelang es, mit Computern mit einem Megabyte Arbeitsspeicher und einer Taktfrequenz von 8 Megahertz professionelle Dokumente zu erstellen. Calamus ist eine der ersten Applikationen in der Geschichte des Desktop Publishing. Calamus SL war dann die erste Version, die eine echte Farbunterstützung mitbrachte, das machte die Software sehr populär. Daraufhin wurde sie auf Windows portiert. 1995 hat das kanadische Unternehmen MGI Calamus aufgekauft, im Jahr 2000 ging MGI schließlich an Roxio über. Ich habe 2002 alle Rechte an Calamus von Roxio zurück gekauft, damals war die Software marktwirtschaftlich tot. Das hat allerdings nicht verhindert, dass es noch heute eine aktive Gemeinschaft von 4000 Calamus SL-Anwendern gibt. Ein Drittel von ihnen benutzt das Programm übrigens mit Hilfe von MagicMac, einem ATARI-Emulator, unter Mac OS oder Mac OSX.

Was hat Ihnen an den Entwicklungswerkzeugen, die Apple zur Verfügung stellt, so gefallen?

XCode ist eine gut ausgebaute Entwicklungsumgebung. Sie verfügt über alles, was man braucht, um schöne Applikationen wie iCalamus zu erstellen. Cocoa ist ein sehr reiches Interface für Entwickler. In der Praxis konzentriert sich Mac-OS X aber vor allem auf die Bildschirmausgabe, aus der Sicht eines DTP-Spezialisten fehlen wichtige Dinge. Wir mussten deshalb sehr viel selbst schreiben, was wir in Cocoa zu finden gehofft hatten. Etwa haben wir eine völlig neue Engine für die Darstellung von Schatten entwickelt, für die Formatierung von Texten und andere DTP-typische Funktionen, die sich in Cocoa nur auf sehr rudimentäre Weise implementiert finden.

Seit wann interessieren Sie sich für die Apple-Plattform?

Wie man bereits feststellen konnte, waren wir auf Ataris zuhause. 1994 haben die Atari-Anwender damit begonnen, sich mit dem Erscheinen von MagicMac, einem Atari-Emulator für Mac OS, für Apples Computer zu interessieren. Viele Anwender sind in der Folge auf Macs umgestiegen und haben auf ihnen weiterhin ihre Atari-Software ausgeführt. Seit dieser Zeit interessieren wir uns für alles, was mit dem Mac-Betriebssystem passiert. Allerdings hat Mac-OS Classic mit dem hervorragenden Mac-OS X nur wenig zu tun. Ich glaube, dass es das beste Betriebssystem ist, das jemals für den Anwender entworfen wurde. Es ist so durchdacht, dass sich die User um Nichts kümmern müssen, sie müssen das System einfach nur benutzen. Unter diesen Gesichtspunkten haben wir auch iCalamus entwickelt. Denken Sie nicht über die Software nach, benutzen Sie sie einfach. Veröffentlichen Sie Ihre Ideen ohne Einschränkungen.

Ohne gleich die ganz großen Applikationen nennen zu wollen, gibt es in ihrem Bereich doch viele Alternativen für Mac OS X, RagTime, Pages und SWIFT beispielsweise. Macht Ihnen die Konkurrenz keine Sorgen?

Jede dieser Applikationen hat ihre Vor- und Nachteile. Wir haben keine Angst vor unseren Mitbewerbern. Uns interessiert, was die Anwender mit iCalamus machen. Unsere Idee ist es, ihnen so viel Freiheit wie möglich zu geben. Wir sind fast sicher, dass nicht nur Anwender von DTP-Software iCalamus verwenden werden, sondern auch Leute, die einfach hübsche Dokumente erstellen wollen - ohne eine frustrierende Lösung wie Microsoft Word verwenden zu müssen.

iCalamus ist sowohl für Profis als auch für Einsteiger eine Alternative. Warum haben Sie eine Light-Version entwickelt?

Es ist immer ein gute Idee,wenn sie Demo-Versionen Ihrer Software anbieten. Die Leute gewöhnen sich daran, sie zu benutzen. Über die Idee einer Demoversion hinaus wollten wir unseren Anwendern aber etwas mehr bieten. Die Light-Version ist mit der kostenpflichtigen fast identisch. Es gibt nur wenige Einschränkungen: Sie können nur eine Seite pro Dokument verwenden. Außerdem taucht beim Drucken eine Zeile auf dem Papier auf, die zeigt, dass die Version nicht registriert ist. Auch kann man mit der Light-Version keines der externen Module benutzen, die es bald für iCalamus geben wird.

Viele Ihrer Konkurrenten rühmen sich damit, dass sie ihre Dokumente ins HTML-Format exportieren können. iCalamus kann das nicht, ist das Absicht?

Der Export ins HTML-Format ist ein Traum der 90er-Jahre. Damals hofften viele Leute noch, aus einem Dokument alles machen zu können. Heute wissen wir, dass HTML einfach ein anderes Stück des Puzzles ist. Wir müssten das HTML-Format bis zu seinen Grenzen und darüber hinaus ausreizen und strecken, um zu erzwingen, dass man ein iCalamus-Dokument im Web-Browser betrachten kann. Allerdings untersuchen wir die Möglichkeit, mit unserer Exportfunktion in Zukunft das Open-Document-Format zu unterstützen.

Was haben Sie jetzt weiter vor?

Wir haben iCalamus erst gerade auf die Welt gebracht. Das war eine schöne Geburt. Unserem Baby geht es gut, es spricht bereits sechs Sprachen und ist viel stärker, als wir, seine Eltern, es erwartet hatten. Wir werden nun alles dafür tun, um es groß werden zu lassen und ihm mehr Dinge beizubringen. Von einem technischen Standpunkt aus sind wir dabei, eine Architektur für Plug-ins auszuarbeiten. Wir versuchen, Entwickler für Mac OS X dafür zu begeistern und in Objective-C und Cocoa programmierte Module für iCalamus anzubieten. Außerdem hören wir genau auf die Anregungen unserer Kunden - iCalamus ist erst vor wenigen Tagen auf den Markt gekommen und hunderte von neuen Anwendern haben es bereits gekauft. Wir werden versuchen, die Funktionen einzubauen, die sie sich wünschen - sofern sie mit der Philosoophie von iCalamus konform gehen.

Wenn man sich die Architektur der Software anschaut, kann man davon ausgehen, dass Sie nicht planen, eine Windows-Version auf den Markt zu bringen. Richtig?

In der Tat werden wir keine Windows-Version entwickeln, es sei denn, jemand portiert Cocoa auf Windows. Aber ganz im Ernst: Wir glauben an das wirtschaftliche und technische Potential von Mac-OS X. Mit der neuen Generation von Intel-Macs und mit Boot Camp sehen wir mehr und mehr Leute switchen. Außerdem müssen wir natürlich auch darauf hinweisen, dass unsere Lösung für Windows, Calamus SL, noch immer existiert.

Eine letzte Frage muss man Ihnen fast stellen: Was halten Sie von der Schlacht zwischen Quark Xpress und Indesign?

Vor einigen Jahren war ich auf Besuch in Schottland. Alle Anführer der Clans, die in der Vergangenheit nicht an den Kriegen teilgenommen haben, haben noch immer ein Dach auf ihrer Burg. Die anderen hingegen haben ihr Haus und ihr Land verloren. Aus diesem Grund spielen wir nicht Krieg, wir stecken unsere Kräfte und unsere Energie lieber in unsere Produkte. Ich überlasse es anderen, polemische Kommentare über Quark und Indesign abzugeben. Wir bieten eine Alternative an, die an Funktionen, Leistung und Komfort weiter wachsen wird.

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