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Was das Problem mit iCloud ist

15.02.2016 | 16:20 Uhr |

Mobile Me war nach Eingeständnis von Steve Jobs persönlich keine "Sternstunde" Apples. Aber auch der Nachfolger tut sich schwer.

Apple funktioniert als Hardware-Unternehmen ausgesprochen gut: iPhones und iPads sind in beiden Kategorien (mit)führend in Sachen Qualität und Leistung. Die Macbooks haben vor allem durch das Macbook Air seit 2011 enorm zugelegt. Doch mit der Abschaffung des stationären Hauptgeräts gewinnt ein Bereich immer mehr an Bedeutung: Die Umgebung im Browser.  Apple hat zuerst Mobile Me in den Sand gesetzt und versucht seitdem mit der iCloud wieder alles gut zu machen. Wie gut das bisher klappt erforschen wir in diesem Artikel.

Apples Software-Probleme

"Apple hat ein Problem mit seiner Software!" lautet ein immer aufdringlicher werdendes Narrativ. Zuletzt hatte Walt Mossberg mit einem Beitrag die Diskussion weiter angeheizt, seltsame Bugs in iOS tun ihr Übriges. Apple steuert dagegen, Craig Federighi und Eddy Cue etwa erklären dem Journalisten John Gruber (Daring Fireball) geduldig, dass die zunehmende Verbreitung von Apple-Produkten einen Anstieg von Berichten über Fehler nach sich zieht.

In einer losen Serie gehen wir der Frage nach, was an Berichten über Software-Bugs und Ungereimtheiten in der Benutzerführung dran ist - und wo echter Verbesserungsbedarf besteht.

Bisher erschienen:

Was das Problem mit iTunes ist

Die häufigsten Probleme und Lösungen in Apple Mail

Wir erinnern uns an den Sommer 2011: Die einzelnen Dienste (Mail, Kontakte, Kalender) haben einen Neuanstrich verpasst bekommen. Mit den Notizen und Erinnerungen haben zwei weitere Anwendungen Einzug in die iCloud-Reihe erhalten. Apple hat außerdem die alten Mobile-Me-Dienste ausgemistet , und durch neue Mechanismen ersetzt. Nach über vier Jahren lässt sich eine Zwischenbilanz ziehen: iCloud scheint bisher bei weitem besser zu funktionieren als Mobile Me vor ein paar Jahren. Jedoch reicht dies nicht ganz dafür aus, das beste Online-Angebot zu sein.

Woran iCloud krankt

Apple-Nutzer selbst stören sich noch immer an vielen Kinderkrankheiten von iCloud. Da wäre zum Einen die immer noch fehlende Übersicht aller Dateien, die gerade aktualisiert oder heruntergeladen werden. Den jeweiligen Status findet man nur manchmal hinter einem Dateiennamen und nicht in einer allgemeinen Statusleiste.

Diese Datei-basierte Statusanzeige reicht bei Weitem nicht aus. Denn manchmal passiert nach dem Verschieben in den neu eingeführten iCloud-Ordner gar nichts. Selbst bei Apples eigenen Programmen wie Pages oder Numbers muss der Nutzer warten, bis womöglich alle verfügbaren Dateien angezeigt werden. Ein Blick zu Dropbox oder Google zeigt, wie es anders geht. Dort gibt ein Symbol in der Menüleiste Auskunft über anstehende, abgebrochene oder abgeschlossene Dateisynchronisationen.

Diese grundlegende Unsicherheit schafft kein Vertrauen, und viele Nutzer loggen sich via Browser bei iCloud ein, ein um Gewissheit zu erlangen. Auch bei Drittanbietern stoßen die iCloud-Dienste auf Unmut. Bekannte Entwickler wie Omni Group und Agile Software statten die eigenen Anwendungen nur zögerlich mit einer iCloud-Anbindung aus, da es in der Vergangenheit vermehrt Probleme damit gab .

Apple scheitert an einer durchgehenden Designsprache

Die Online-Anwendungen hingegen sind selbst im Verhältnis zu denen der Konkurrenz stabil. Dort spielt Apple die eigenen Stärken aus: Auf Einfachheit konzentriert und keine halbgare Online-Variante. Das Aussehen und die Handhabung von Mail, Pages, Numbers und Co stehen den Desktop-Varianten in Kaum etwas nach. Vor allem Pages und Numbers machen im Vergleich zu den kargen Google- oder komplizierten Microsoft-Alternativen mehr Spaß.

Das große Aber: Die Online-Welt setzt auf Vielfalt. Der große Vorteil ist das Teilen und Zusammenarbeiten von mehreren Personen. Auch wenn Apple bei der eigenen Textverarbeitungs-Reihe die Möglichkeit nachgereicht hat, die Konkurrenz aus Mountain View und Redmond haben Teilen im Blut. Vor allem Google weiß mit öffentlichen und privaten Links zu gefallen.

Apples einstige Stärke, allen Anwendungen ein gleiches Bediengefühl zu verleihen, ist mit der iCloud fast völlig verschwunden. Notizen löscht man über anderen Weg als einen Eintrag in der Erinnerungen-App. Die Schaltflächen sehen in Notizen, Mail und Erinnerungen jeweils anders aus, und befinden sich auch nicht an gleicher Stelle. Lediglich Numbers, Pages und Keyone verhalten sich ähnlich untereinander.

Die eigenen Online-Anwendungen fühlen sich jeweils anders an. Bei der Notizen-App geben Symbole und Menünamen klare Hinweise. Hat sich der Nutzer jedoch die verschiedenen Arbeitsschritte gemerkt…
Vergrößern Die eigenen Online-Anwendungen fühlen sich jeweils anders an. Bei der Notizen-App geben Symbole und Menünamen klare Hinweise. Hat sich der Nutzer jedoch die verschiedenen Arbeitsschritte gemerkt…
… muss er diese mit der nächsten Anwendung sofort wieder anpassen. Die Erinnerungen-Anwendung im Browser verhält sich wieder komplett anders, und Meüeinträge verstecken sich hinter anderen Schaltflächen.
Vergrößern … muss er diese mit der nächsten Anwendung sofort wieder anpassen. Die Erinnerungen-Anwendung im Browser verhält sich wieder komplett anders, und Meüeinträge verstecken sich hinter anderen Schaltflächen.
Selbst die Zentrale (die Verwaltung der Apple ID), kommt in einem völlig anderen Nutzererlebnis daher. Mit großem Hintergrundbild und verschachtelten Menüeinträgen könnte man meinen, die Anwendung kommt von einem ganz anderem Hersteller.
Vergrößern Selbst die Zentrale (die Verwaltung der Apple ID), kommt in einem völlig anderen Nutzererlebnis daher. Mit großem Hintergrundbild und verschachtelten Menüeinträgen könnte man meinen, die Anwendung kommt von einem ganz anderem Hersteller.

Wie es besser geht, macht vor allem Google seit der Einführung des Material Designs vor. Die eigens entwickelte Designsprache hat in allen Anwendungen Gültigkeit. Auch stellen die Entwickler die Elemente in diversen Open-Source-Bibliotheken zur Verfügung. Somit schafft man es als erstes Unternehmen, sowohl mobil als auch im Web ein einheitliches Bild abzugeben. 

Was die Konkurrenz besser macht

Nicht erst seit der misslungenen Twitter-Aktion von Tim Cook wissen Anwender: Online und Kommunikation sind nicht unbedingt Apples Stärken. Online-Dienste haben mit Fehlzeiten und Bugs zu kämpfen, werden öfter aktualisiert und verhalten sich komplett anders als jährlich aktualisierte Desktop-Software. Google und Microsoft glänzen hier mit Twitter-Konten, Blogs und Status-Boards.  Vor allem Google veröffentlicht gefühlt jede Woche ein neues Online-Experiment und einen Blog, in dem man die Nutzer hinter die Kulissen blicken lässt.

Drittanbieter können auf Google- und Microsoft-APIs, also Entwicklerschnittstellen, zurückgreifen. Außerhalb von iOS und OS X sieht es bei Apple in Sachen APIs hingegen düster aus. Klar, dies ist von Apple so gewollt, und jahrelang so gepflegt worden. Zum Problem wird es hingegen, wenn die eigenen Dienste nicht reibungslos funktionieren, und verärgerte Nutzer fest stellen, wie schwer es ist, die eigenen Daten zu anderen Anbietern zu wechseln.

Google gibt hier ein Musterbeispiel und bietet mittlerweile eine einheitliche Konsole zum Verwalten und Downloaden der eigenen Daten an . Wir wollen jedoch nicht verschweigen, dass viele der Dienste kostenlos, aber die Daten der Nutzer zu Werbezwecken ausgewertet und die Ergebnisse anderen Firmen verkauft werden.

Fazit

Apple lässt bereits andeuten, dass nach Apple Music noch mehr Android Apps geplant sind . Angesichts des großen Marktanteils von Android Smartphones ist das auch wenig verwunderlich. Damit könnte Apple sich aber noch mehr Probleme ins Haus holen. Die Produktpalette wird immer breiter, und Apple scheint zunehmend mit Stabilität und Qualität der eigenen Dienste zu kämpfen – auch wenn die SVPs Craig Federighi und Eddy Cue dieser Darstellung vehement widersprechen .

Außerdem sollte man sich in Cupertino der neuen Marktlage und Benutzerbedürfnissen bewusst sein: Offenheit und Zugänglichkeit. Bislang pflegt Apple die Außendarstellung noch immer mit dem perfekten Bild der eigenen Firma anstatt transparent Fehler und Zukunftspläne preis zu geben. Tim Cook stehen also spannende Jahre bevor: Entweder man bleibt der eigenen DNA treu und bringt verschlossene, aber qualitativ hochwertige Produkte heraus, oder aber Apple öffnet sich und schlägt den gleichen Weg wie Google und Microsoft ein.

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