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iPad oder WePad - Verlage misstrauen Apples Macht

12.04.2010 | 06:27 Uhr |

Kann ein leuchtendes Tablett eine Branche aus dem Tief holen? Mit dem iPad-Verkaufsstart keimt unter Verlagen die Hoffnung, das Apple-Teil könnte der kriselnden Medienwirtschaft wieder etwas Luft verschaffen. Ein Berliner Unternehmen tritt in der kommenden Woche mit dem WePad gegen den Weltkonzern aus dem Silicon Valley an.

iPad Test2
Vergrößern iPad Test2

Einer ist schon jetzt vom Erfolg der Tablet-PCs überzeugt: Der Designer Mario García, der bislang sein Geld vor allem mit der Gestaltung von Blättern wie «Zeit» oder «Wall Street Journal» verdient. Der Amerikaner kann sich am iPad kaum sattsehen. «In den 40 Jahren, die ich für Zeitungen arbeite, gab es nur einmal eine vergleichbare Veränderung: Das war der Farbdruck», sagte er der «Bild am Sonntag». Das «Vier-Knöpfe-Wunder» sei perfekt, um Ereignisse lebhaft zu erzählen. Garcia arbeitet bereits am Design von iPad- Angeboten. Mehrere Konzerne stehen bereits mit kostenpflichtigen Applikationen für Tablet-PCs in den Startlöchern. Allerdings gibt es auch Zweifel, ob die neue Technik die Verluste an Lesern und Erlösen aus der gedruckten Welt ausgleichen könnte. In den USA sind große Blätter mit eigenen iPad-«Apps» schon auf dem Markt. Mit dem Gerät lasse sich das Leseerlebnis der gedruckten Zeitung sehr gut erzeugen, behaupten etwa die Entwickler der «New York Times». Mit einem Fingerstreich lassen sich Seiten blättern, Animationen, Videos und Fotostrecken abrufen. Auch in deutschen Medienhäusern grassiert das Tablet-Fieber. Axel Springer («Bild») kündigte schon vor dem Start in Deutschland eigene Anwendungen für den neuen Minicomputer von Apple an. Mit einem «Kiosk-App» sollen Nutzer «Die Welt», «Welt Kompakt» und «Welt am Sonntag» lesen können. Die digitalen Zeitungsausgaben kosten im Monatsabo zwischen 7,99 und 29,99 Euro.

Springer-Chef Mathias Döpfner sagte laut «Welt» in einer US-Talksendung, jeder Verleger sollte «sich einmal am Tag hinsetzen, beten und Steve Jobs dafür danken, dass er mit diesem Gerät die Verlagsindustrie rettet». Bezahlmodelle im digitalen Journalismus seien für ihn unausweichlich.

Gruner + Jahr ist ebenfalls auf den iPad-Zug gesprungen. Vorstandschef Bernd Buchholz präsentierte Ende März eine elektronische Ausgabe des «Stern». Das Magazin kann auf einem Tablet- PC gelesen werden, etwa auf dem Apple-Gerät oder dem WePad des deutschen Herstellers Neofonie. Der Berliner Entwickler will an diesem Montag (12. April) sein Gerät vorstellen - und hofft damit Apple etwas von dem Milliarden-Kuchen strittig zu machen. Die Zeichen dafür stehen nicht schlecht. Im Gegensatz zu Apple, das den «App»-Anbietern 30 Prozent des Umsatzes abknöpft, wirbt Neofonie mit einer offenen Plattform. Anders als Apple, das strenge Benimmregeln für Applikationen vorschreibt und etwa Nacktfotos untersagt, sollen Verlage über den WePad ihre Inhalte nach eigenen Vorstellungen gestalten und vermarkten.

Das WePad läuft auf dem Handy-Betriebssystem Android und verfügt im Gegensatz zum iPad über eine Kamera, USB-Anschlüsse und ist kompatibel mit der Flash-Software, mit der die meisten Internet- Videos abgespielt werden.

Beim Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) sieht man die WePad-Entwicklung mit Interesse. «Die Verlage haben gemischte Gefühle, sich in die Abhängigkeit von Apple zu begeben», sagt BDZV-Multimediaexperte Holger Kansky. Im System Apple sei die direkte Kundenbeziehung nicht vorgesehen und auch Zensurmaßnahmen von Apple seien aus Sicht der Zeitungsverleger nicht akzeptabel.

«Sind die Verlage bereit, reine Inhaltelieferanten zu sein und den digitalen Vertrieb und damit wertvolles Wissen über ihre Leser an Dritte abzugeben?», fragt Kansky. Darüber wollen Verlagsmanager Ende Mai in Berlin mit Anbietern von Plattformen für elektronisches Publizieren beraten. Der Bertelsmann-Konzern hat einen eKiosk für Mitte 2010 angekündigt, die Telekom und die Deutsche Post wollen nachziehen.

Zweifel, dass sich die Zwitter aus Smartphone und Netbook zu einer wichtigen Ertragssäule entwickeln könnten, gibt es auch. «Das iPad stellt sich als Technikspielzeug heraus», sagt der Medienökonom Jan Krone (Fachhochschule St. Pölten). Bei aller Euphorie bleibe die gedruckte Zeitung für Informationssuchende unerlässlich - auch wegen der Funktionsvielfalt des Rohstoffes Papier und seiner Robustheit. Krone stellt die Annahme in Frage, mit dem Handy, bei dem etwa für jede SMS bezahlt wird, werde die Hürde für «pay per click»-Angebote gesenkt. «Bei dem Telefon wurde historisch schon immer alles einzeln abgerechnet - vom Kauf des Apparats bis zu Anrufen». Klassische Massenmedien würden mit Abos «für wenig Geld ganz viel» bieten: für 30 Euro im Monat bekomme man etwa eine Tageszeitung oder das frei empfangbare TV-Programm - eine Folge der Kontrolle des Vertriebsweges. Die Trennschärfe zwischen Individual- und Massenkommunikation sei durch das Internet verwischt. «Ein iPad ist weder Telefon noch Fernseher», sagt Krone.

Bessere Chancen für eReader-Akzeptanz hätten Fachinformationen. «Je mehr Boulevard, desto geringer die Bereitschaft zu zahlen», sagt Krone. Die Verlage dürfen aber nichts unversucht lassen, nach neuen Erlösquellen zu suchen. «Sie sehen die Option, durch den digitalen Vertrieb, hohe Druck- und Vertriebskosten zu minimieren.» Skeptisch ist auch Internet-Guru Jeff Jarvis. «Das iPad ist rückständig», nur für den Konsum konzipiert, zur Kontrolle der Nutzer, die sich in einem geschlossenen «App»-Universum bewegen sollen, schreibt Jarvis in seinem Blog. Das Internet habe dem Nutzer die Kontrolle über den Medienkonsum gegeben und die Möglichkeit, Nachrichten zu kommentieren, mailen und verlinken. «All das geht mit dem iPad nicht.» (dpa)

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