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iPod in der Zwickmühle

29.10.2003 | 13:42 Uhr |

Apples iPod hat zweifelsohne Maßstäbe gesetzt und Nachahmer auf den Plan gerufen. Dell versucht es mit Kampfpreisen, Microsoft mit einem multimedialen Betriebssystem.

Mehr als eine Million iPods hat Apple seit der Premiere des digitalen Musikplayers im Oktober 2001 verkauft, im letzten Quartal allein 336.000 Stück. Wer anfangs noch den MP3-Player als wenig chancenreich in der Mac-Szene betrachtete, da diese doch nach einem Newton-Nachfolger gierte, sieht sich getäuscht. Das Gegenteil ist der Fall. Während sich der iPod als State-of-the-Art für eine vollkommen neue Gattung mobiler Geräte erweist, hat der "klassische" Handheld-Computer ausgedient. Nach den jüngsten IDC-Zahlen hat der PDA-Markt im dritten Quartal nur noch mehr leicht zugelegt, für das Gesamtjahr 2003 ist sogar ein gewaltiger Schwund zu erwarten, wenn im Weihnachtsgeschäft nicht noch ein Wunder geschieht. Smartphones entziehen mit ihren vom PDA übernommenen Funktionalitäten dem Markt immer mehr die Grundlage, in dem sie einen neuen schaffen.

Konvergenz wird auch ein immer wichtigeres Thema für Apple, dessen iPod nicht nur dem Abspielen von Musik dient. Als Hülse für digitale Musik mit seiner nahtlosen Anbindung an Betriebssystem, Jukeboxsoftware und Musikdownloaddienst bleibt der iPod Maß aller Dinge. Der Angriff erfolgt aber von zwei Seiten. Dell kopiert das Konzept und bietet seine Jukebox deutlich günstiger an und Microsoft schafft mit einer Weiterentwicklung seines Betriebessystems für Portable, Windows CE.NET, eine Plattform für die mobile Verfügbarkeit digitaler Medien, die zahlreiche Hersteller bereits in Lizenz genommen haben.

Dell, Spezialist darin, andere entwickeln zu lassen, günstig einzukaufen und unter seiner Marke weiter zu verkaufen, bringt dieser Tage eine eigene Adaption des iPod-Gedankens heraus. Von Creative als MP3-Jukebox mit Festplatte ursprünglich entwickelt, verkauft Dell das Gerät nun als Dell DJ, mit Kapazitäten von 15GB und 20 GB zu Preisen von 250 Dollar und 330 Dollar. In Round Rock am Stadtrand der texanischen Hauptstadt Austin sieht man das als die richtige Strategie an, wie Dells leitender Manager für Consumer-Produkte Adam Mucci der Zeitung Austin American Statesman zu Protokoll gab: Das Wichtigste Kaufkriterium sei immer noch der Preis und da habe Apple das schlechtere Angebot. Mit einem von Musicmatch betriebenen Download-Dienst, den Dell unter seinem Namen zur Verkaufsförderung seiner digitalen Jukebox anbietet, verfolgen die Texaner Quasi-Standards. Man wolle nicht wie Apple mit AAC seinen Kunden einen bestimmten Player und einen genau definierten Musikdienst aufzwingen, sondern mit Windows Media 9 das Format unterstützen, in dem alle anderen legalen Musik-Services ihre Songs bereit halten.

Es schient wieder einmal so zu gehen, dass Microsoft mit seiner Marktmacht und Dell mit seiner Billigheimer-Philosophie die Standards setzen. Wenn sich Mucci da nicht täuscht, erst kürzlich hat Musicmatch-CEO Dennis Mudd in Erwägung gezogen, auch auf AAC zu setzen, falls sich das Format weiter verbreiten würde. Und eine Million Downloads im iTunes Music Store innerhalb der ersten drei Tage sprechen eine deutliche Sprache.

Ein anderes Bedrohungsszenario baut Microsoft für die zweite Jahreshälfte von 2004 auf. Bis dahin - und nicht, wie eigentlich avisiert, schon für das Weihnachtsgeschäft 2003 - sollen erste tragbare Geräte auf den Markt kommen, die dem in Redmond definierten Standard Portable Media Center (PMC)gehorchen. Bereits im Januar 2003 als Media2Go vorgestellt, soll die Weiterentwicklung von Windows CE.NET als "Windows für iPods" mobile Geräte treiben, die Medien aller Art unterwegs verfügbar machen. Zu den ersten Lizenznehmern von PMC gehören View Sonic, Creative, Samsung und Sanyo, welche die zugehörige Hardware frühestens zum Schulanfang, wenn nicht gar zur Weihnachtszeit 2004 in den Handel bringen. Die Windows-iPods werden entgegen ihrem Vorbild auch Filme abspielen oder Fernseh- und Radiosendungen aufzeichnen können.

Aber Apple hat noch ein Jahr Zeit, um den iPod in diese Richtung weiter zu entwickeln. Mit Zubehör und seiner neuen Treiber-Software dient der iPod schon jetzt als Bilderspeicher und Diktiergerät. Und ob Dells Angriff nicht doch von den falschen Voraussetzungen ausgeht, und den Anwender ein nahtlose Integration und eine einfache Bedienung ein paar Dollar mehr wert ist, bleibt abzuwarten. Der Markt bestraft nicht immer nur die Innovatoren, sondern manchmal auch diejenigen, die zu spät kommen.

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