2105513

Affinity Photo im Test

11.08.2015 | 10:00 Uhr |

Der Funktionsumfang von Affinity Photo ist beachtlich und deckt die wichtigsten Bereiche ab, die auch Photoshop bietet. Wir zeigen, ob es als Alternative taugt

Affinity Photo ist die erste wirklich ernstzunehmende Alternative zu Photoshop. Nach über fünf Jahren Entwicklung und einer öffentlichen Beta-Phase, an der laut Entwickler Serif über 230 000 Anwender mitgemacht haben, gibt es dieses funktionsreiche Bildbearbeitungsprogramm nun ausschließlich im Mac App Store zu kaufen. Und ausschließlich für den Mac, denn eine Windows-Version bietet Affinity für keine seiner Apps an. So nutzen die Apps von Serif alle Systemvorteile von OS X aus, beispielsweise Open GL, Grand Central Dispatch und Core Graphics. Außerdem unterstützt Affinity Photo das Force Touch Trackpad, so kann man es beispielsweise zum drucksensitiven Malen verwenden. Eine iCloud-Unterstützung ist auch an Bord, zudem ist es für 64 Bit optimiert und versteht sich auf Retina-Displays.

Die wichtigsten Funktionen von Affinity Photo
Vergrößern Die wichtigsten Funktionen von Affinity Photo

Gerade einmal 50 Euro kostet Affinity Photo. Das ist im Vergleich zu Photoshop sehr günstig, denn so braucht man keine monatlichen Abo-Gebühren zu bezahlen, für die Adobe pro Monat mindestens zwölf Euro verlangt. Übrigens dürfte auch das bei Mac-Anwendern beliebte Programm Pixelmator die Konkurrenz von Affinity Photo spüren, trotz geringerem Preis.

Grundbedienung

Einem Umsteiger von Photoshop wird es in vielen Bereichen nicht schwer fallen, sich in Affinity Photo zurechtzufinden. Dabei ist Affinity Photo keine Kopie von Photoshop, auch wenn es durchaus optische Parallelen gibt. Vielmehr verfolgt Affinity Photo eine eigene Bedienführung, ohne die Bediengewohnheiten von Photoshop und die allgemein üblichen Bedienkonzepte und Tastaturbefehle zu vernachlässigen. So bietet Affinity Photo insgesamt vier Arbeitsbereiche (Persona), zwischen denen man oben links wechselt. Auf drei Arbeitsbereiche gehen wir später noch detailliert ein. Der vierte Arbeitsbereich (Export Persona) dient dem Export von Fotos.

Affinity Photo Leistungsvergleich

Die Filter von Affinity Photo und Photoshop haben eine unterschiedliche Wirkungsweise, bei teilweise sehr ähnlichen Ergebnissen. Wir haben die Geschwindigkeit der Filter miteinander verglichen, die sich am ähnlichsten sind und vergleichbare Ergebnisse liefern.

Anwendung (Bild öffnen): Affinity Photo 6,4 / Photoshop CC 6,4

Polarkoordinaten: Affinity Photo 2,6 / Photoshop CC 0,9

Rauschen entfernen: Affinity Photo 9,1 / Photoshop CC 5,4

Tilt-Shift: Affinity Photo 2 / Photoshop CC 3,8

Die Art, mit den Paletten umzugehen, unterscheidet sich kaum von Photoshop: So kann man beispielsweise die Ebenenpalette durch Herausziehen als schwebendes Fenster platzieren oder durch Ziehen an die linke oder rechte Seite wieder „ankleben“. Und aktiviert man „Fenster > Modularer Modus“, wandelt Affinity Photo alle Elemente zu schwebenden Fenstern um. Photoshop bietet die sehr nützliche Funktion, verschiedene Arbeitsbereiche als Voreinstellung speichern zu können. Das ist mit Affinity Photo zwar nicht möglich, doch dafür lässt sich unter „Ansicht > Symbolleiste anpassen“ die obere Symbolleiste nach eigenen Bedürfnissen gestalten – ganz ähnlich, wie es beispielsweise auch bei Safari möglich ist.

Photo Persona

Das Herzstück von Affinity Photo ist der Arbeitsbereich „Photo Persona“. Hier findet sich ein Photoshop-Anwender schnell zurecht. Links befindet sich wie gewohnt die Werkzeugpalette und rechts die Fenster beispielsweise für Ebenen, Kanäle oder Anpassungen. Etwas ungewohnt mag es anfangs sein, dass der Farbwähler für Vorder-und Hintergrundfarbe nicht unterhalb der Werkzeugpalette, sondern rechts oberhalb der Ebenenfenster seinen Platz findet. Die Werkzeuge sind meist an dem Ort, an dem man sie auch bei Photoshop findet. Einige Werkzeuge bedient man jedoch grundlegend anders. Werkzeuge wie Tilt-Shift und Iris-Weichzeichnung findet man beispielsweise etwas versteckt im Unschärfefilter „Tiefenschärfe“.

Die vorinstallierten Filter sind umfangreich und bieten eine gute Qualität. Ein Photoshop-Umsteiger wird hier kaum etwas vermissen, zumal Affinity Photo auch Photoshop-Plug-ins unterstützt, auch eigene Pinselformen kann man übernehmen. Ein Highlight für die Beauty-Retusche findet man unter „Filter > Frequenzen trennen“, und das alleine könnte für einige Porträt-Fotografen der Grund sein, auf Affinity Photo umzusteigen. Denn hier gelingt auf Knopfdruck, was in Photoshop einiges an Handarbeit beziehungsweise an speziell angepassten Skripten bedarf: Das Aufteilen eines Fotos in einer Ansicht mit hoher Frequenz und in niedriger Frequenz. So lassen sich zum Beispiel Hauttöne optimal anpassen und korrigieren sowie Hautunreinheiten entfernen, ohne die Struktur der Hautoberfläche zu ändern.

Bald eine Alternative zur Creative Cloud

Affinity ist dabei, für manch einen eine Alternative zur Adobe Creative Cloud zu werden. Denn Affinity Photo wird ergänzt durch das Grafikdesignprogramm Affinity Designer, das bereits auf dem Markt ist und das Pendant zu Adobe Illustrator darstellt. Komplettieren soll die Affinity-Produktreihe der Affinity Publisher, der nächstes Jahr in den Ring zu Adobe Indesign und Quark Xpress steigt.

Doch abgesehen von diesem Highlight bietet Photoshop mehr Tools und bessere Automatiken, beispielsweise das inhaltsbewahrende Verschieben eines Objekts oder das automatische Freistellen von scharfen Motiven vor unscharfem Hintergrund. Auch sucht man bei Affinity Photo vergebens nach einer HDR-Funktion sowie einem Panorama-Tool.

Test: iMac Retina 5K 3,3 GHz

Liquify Persona

Photoshop bietet den sehr beliebten Verflüssigenfilter, mit dem man beispielsweise die Proportionen von Porträts gefälliger machen kann. Auch Affinity Photo kann mit einem entsprechenden Werkzeug punkten, dieses ist sogar ein elementarer Bestandteil seiner Bedienführung. Denn einer der vier Arbeitsbereiche ist dem Liquify Persona gewidmet. Der Funktionsumfang deckt sich in etwa mit dem Verflüssigen-Werkzeug von Photoshop und auch die Bedienung ist ganz ähnlich. Doch ein Nachteil bleibt: Während Photoshop das Verflüssigen-Werkzeug mit einem Radius von bis zu 15 000 Pixel verwenden kann, ist bei Affinity Photo bei 1024 Pixel schluss.

Develop Persona

Ein Foto im Raw-Format öffnet Affinity Photo automatisch in seiner digitalen Dunkelkammer „Develop Persona“, vergleichbar mit Adobe Camera RAW von Photoshop. Erst nachdem Grundeinstellungen vorgenommen wurden und man oben links auf „Entwickeln“ geklickt hat, gelangt man zu „Photo Persona“, dem Hauptteil des Programms. Doch auch Fotos in anderen Formaten lassen sich klaglos mit Develop Persona öffnen, und selbstverständlich unterstützt Affinity Photo Tiff-Bilder mit 16 Bit Farbtiefe.

Noch keine Alternative

Das mittlerweile 25 Jahre alte Photoshop setzt nach wie vor den Maßstab für alle Bildbearbeitungsprogramme. Doch Affinity Photo ist bereits jetzt auch für Profi-Fotografen die einzige ernst zu nehmende Alternative. Noch ist der Funktionsumfang geringer und die Qualität der Filter teilweise schlechter als bei Photoshop, doch die erste Version hinterlässt schon mal einen sehr guten Eindruck. Denn schon jetzt erfüllt Affinity Photo die allermeisten Anforderungen, die einen Umstieg von Photoshop voraussetzen. Dabei darf man nicht vergessen, dass Affinity Photo einmalig knapp 50 Euro kostet. Dagegen gibt es Photoshop nur im Abo, so kostet das Fotografen-Abo inklusive Lightroom fast 12 Euro pro Monat. Es bleibt spannend, wie sich Affinity Photo weiter entwickelt und wie Adobe darauf reagiert. Markus Schelhorn

An die Qualität von Adobe Camera RAW beziehungsweise Lightroom kommt die Raw-Entwicklung von Affinity Photo jedoch nicht heran. Im Gegensatz zu Photoshop fehlen Develop Persona noch einige nützliche Werkzeuge, mit denen man beispielsweise Objektivfehler automatisch ausgleichen kann. Bislang sind auch keine Kameraprofile für die Raw-Bilder integriert, mit denen man Kamera-eigene Raw-Feineinstellungen vornehmen kann. Die Auswahl unter „Profile“ ist noch leer. Die Detaileinstellungen zur Schärfe und zur Rauschunterdrückung arbeiten wirkungsvoll, die Lichter und Tiefen lassen sich aber nicht so gut korrigieren wie in Adobe Camera RAW.

Affinity Photo

Respektable erste Version der günstigen Photoshop-Alternative

Note: 2,0 (gut)

Preis: 50 €, 50 CHF

Leistungsumfang (40 %): 1,9

Qualität (30 %): 2,0

Geschwindigkeit (20 %): 2,2

Lokalisierung (10 %): 1,8

Vorzüge: Sehr gute Integration in OS X, für professionelles Arbeiten ausgelegte Funktionen, einfache Beauty-Retusche, unterstützt PSD-Dateien und Photoshop-Plug-ins, günstiger Preis

Nachteile: Teils mäßige Ergebnisse bei Autokorrekturen, keine Vektorenfunktion, keine Panorama-und HDR-Automatik

Ab OS X 10.7

Alternative: Adobe Photoshop , Pixelmator , Acron , Gimp

Serif

25 Top-Apps für OS X El Capitan

0 Kommentare zu diesem Artikel
2105513