2242264

Airpods angehört im Praxis-Test

20.12.2016 | 09:38 Uhr |

Der Klang ist in Ordnung, der Sitz so einigermaßen. Zum Sport sind die AirPods aber nicht für jeden geeignet. Schade.

Da sind sie nun die Airpods und versprechen uns drahtlosen Musikgenuss, bequeme Handhabung und Siri im Ohr. Wir haben uns die Sache mal genauer angesehen und vor allem angehört. Doch schon bei den ersten Tests müssen wir feststellen: Das Urteil über die Lauscher kann nur subjektiv fallen. Weswegen ich hier die Form wechsle.

Ende Oktober hätten sie schon kommen sollen, aber von Apple nicht näher beschriebene Probleme haben die Auslieferung verzögert. An Äußerlichkeiten hat es nicht gelegen, die am 19. Dezember im Apple Store in München gekauften Airpods sehen genau so aus wie die Exemplare, die ich bei einem Briefing drei Monate zuvor kurz in den Ohren stecken hatte.

Ausgepackt und angesteckt innerhalb von Sekunden

Ich will auch nicht länger über die Gründe der Verspätung spekulieren und überprüfe lieber, ob die Airpods halten, was der Hersteller verspricht. In der Tat geht das Pairing so schnell, wie ich es so noch nicht erlebt habe, der dafür eigens verbaute Bluetooth-Chip W1 und sein proprietäres Protokoll sind der Grund für die Magie. Sobald sie aus der Schachtel genommen und damit aktiviert sind, tauchen die Airpods schon in der Systemeinstellung Bluetooth auf und sind mit einem Tipp einsatzbereit – schön.

Ein anderes Feature funktioniert ebenso, wie Apple es angekündigt hat. Nimmt man einen der Hörer aus dem Ohr, hört die Musik praktisch sofort zu spielen auf. Stöpselt man ihn wieder ein, geht es auch ebenso schnell weiter, der Griff zum iPhone, der Apple Watch oder der Tastatur für die Wiederaufnahme der Wiedergabe entfällt.

Ebenso beeindruckt, dass die Airpods quasi schon mit allen anderen der Apple-Geräte gekoppelt sind, welche die gleiche Apple ID nutzen. Ohne jedes weitere Zutun finde wir die Airpods sowohl in der Menüleiste des iMac als auch im Kontrollzentrum des iPad - die Einstellungen geraten über iCloud an alle angeschlossenen Geräte.

Screenshot vom Arbeitsrechner, der im Keller steht. Die AirPods waren noch nicht einmal in der Nähe, um sie mit ihm zu koppeln. Das erledigt die iCloud.
Vergrößern Screenshot vom Arbeitsrechner, der im Keller steht. Die AirPods waren noch nicht einmal in der Nähe, um sie mit ihm zu koppeln. Das erledigt die iCloud.

Anständiger Klang, nicht sehr laut

Für meinen subjektiven Soundtest habe ich mir natürlich „ Dark Side of the Moon “ und dazu Beethovens Fünfte in einer Aufnahme der Wiener Philharmoniker unter Sir Simon Rattle auserkoren. Laut, deutlich und klar höre ich jedes Instrument und jedes Geräusch genau dort, wo es hingehört. Mit Einschränkungen. Was die Lautstärke betrifft: Ich muss am iPhone ordentlich aufdrehen, um das Pink-Floyd-Gefühl zu bekommen. Und wenn ich die Airpods mit beiden Händen sanft tiefer in beide Gehörgänge drücke, dann wird der Sound vor allem im Bass lauter, deutlicher, klarer. Es ist das alte Dilemma, das man schon von Apples Kabel gebundenen Earpods kennt: Wenn die Lauscher nicht genau zum Ohr passen, fällt der Klang deutlich ab – und ich habe offenbar Ohrmuscheln, die nicht zu Apples Normohr passen. Die Earpods rutschen mir sogar schon im Sitzen ständig aus den Ohrwascheln raus, mit den Airpods ist es etwas besser, aber längst nicht optimal. Andere Hersteller bringen ihre In-Ears mit zwar unschönen aber sehr wirkungsvollen Plastiküberzügen in verschiedenen Größen, von denen dann meist eine einigermaßen passt. Bei Apple setzt man eher auf das genormte Ohr oder nimmt Kompromisse in Kauf. Schon im Sitzen hat man auf einer Seite besseren Klang als auf der anderen, je nachdem, wie man die Stöpsel in das Ohr gefummelt hat. Gerade bei klassischer Musik ein Unding. Die Airpods sind ja keineswegs klassische In-Ear-Stecker, die das Trommelfell von Außengeräuschen abschließen, aber einen besseren Sitz oder wenigstens adäquates Zubehör hätte ich mir schon erwartet.

Dazu gibt es aber eine positive Kehrseite: Dadurch, dass die Airpods nicht passgenau den Gehörgang abschließen, bin ich für Außengeräusche empfänglich. Hilft bei der Kommunikation im Büro ungemein und könnte auf der Straße Leben retten. Wer sich nur auf die Musik konzentrieren will, sollte einen anderen Kopfhörer nutzen - und dann nicht mehr durch die Gegend spazieren.

Fester Sitz ist etwas anderes

Das soll mit den Airpods auch aus anderen Gründen ganz gut gehen. Wie  Apple verspricht, bleiben sie bei der sanften Bewegung eines Spaziergangs in den Ohren bleiben. Naja, das funktioniert bei mir nur gut einen Kilometer, dann verabschiedet sich der linke Stecker aus dem Ohr und landet – glücklicherweise auf dem Pflaster des Bürgersteigs an der Ludwigstraße und nicht im nächsten Gulli. Da die Musik sofort stoppt, sehe ich ihn noch fallen und finde ihn trotz der Dunkelheit eines Dezemberabends gleich wieder. Ein Ersatzhörer würde 69 US-Dollar kosten, ob wir das noch im Budget haben?

Derart vorgewarnt, nehme ich auf der morgendlichen Joggingrunde eine Sicherheitsvorkehrung vor: Die Wollmütze reicht mir über die Ohren, was bei minus 2 Grad Celsius auch aus anderen Gründen praktisch ist. Wie bitter nötig das ist, merke ich, als ich vor der Haustür noch ein paar Schritte in sicherer Entfernung von Gullis ohne Mütze laufe. Mitgezählt habe ich nicht, aber zehn Schritte waren's wohl nicht, bis das Ding wieder aus dem (linken) Ohr fällt.

Um fair zu bleiben: Andere Tester hatten diese Probleme nicht, bei denen bleiben die Stöpsel auch beim Joggen fest in den Ohren sitzen. Wir werden das mit einem anderen Tester reproduzieren. Ich habe einfach Pech mit der Anatomie meines (linken) Ohrs und werde mir die Airpods also gewiss nicht kaufen. Denn es kommt irgendwann mal wieder die Zeit, in der man ohne Mütze oder Stirnband durch die Gegend läuft. Oder man schafft Abhilfe. Zubehörspezis aufgepasst, hier ist eine Geschäftsidee für Euch: Ich wünsche mir ein weißes oder buntes Sicherungsband, in das man die Airpods an ihrem Arm einspannt - ohne das Mikro zu verdecken - und das man sich um den Nacken legen kann. Anders kann ich persönlich mir die Airpods nicht im Einsatz vorstellen.

Siri im Ohr

Für den ultimativen Musikgenuss nehme ich als besser einen gut abdichtenden Over Ear mit ordentlich großer Membran. Für den Sport einen mit Bügeln um die Ohren und einem Sicherungsband. Aber im Alltag im Büro oder zu Hause? Da bietet sich Siri als Alleinstellungsmerkmal an. Wobei auch das ist nichts Neues, die von mir zuletzt getesteten Bluetooth-Kopfhörer sprechen alle mit der Sprachassistentin des iPhone und des Mac. Über die Airpods ruft man sie mit einem Doppeltipp auf. Diesen muss man aber schon recht kräftig ausführen – immerhin sitzen die Dinger dann wieder besser im Ohr. Bei unserem Exemplar klingt Siri aber enttäuschend dumpf. Wir verstehen zwar alles, was sie sagt, die Soundqualität fällt aber sehr stark gegenüber der der Musik ab, die ja wirklich in Ordnung ist. Das Mikrofon ist so gut oder schlecht wie erwartet, unsere Gegenüber am Telefon versteht uns so einigermaßen. Aber die Sprachqualität eines Telefonats hängt von vielen Faktoren ab, ich will nicht kleinlich sein. Mit den Airpods telefonieren, das passt also. Und ja, nach Ende des Gesprächs hebt die Musik wieder zu spielen an. So habe ich das erwartet.

Wenn man die Airpods übrigens aus ihrer Schachtel nimmt, in der sie auch aufladen - die Schachtel selbst bezieht ihre Energie über das mitgelieferte USB-Lightning-Kabel – sind sie zwar mit dem nächsten Gerät verbunden, aber die Musik muss man schon noch selbst starten. Etwaige andere Tonausgaben – Navigationsansagen, Telefonate, kommen freilich gleich auf die Airpods.Siri benötigt man übrigens auch, um die Musik lauter zu machen, einen eigenen Regler haben die AirPods nicht. Aber man kann ja auch an iPhone und/oder Apple Watch die Lautstärke regeln - Siri verlangt für jeden kleinen "Lauter"- oder "Leiser"-Schritt ein neues Kommando, das ist etwas unpraktisch.

Die AirPods und ihre Schachtel haben keine Ladeanzeige. Dafür poppt auf dem iPhone dieser Screen auf, sobald man die Schachtel öffnet.
Vergrößern Die AirPods und ihre Schachtel haben keine Ladeanzeige. Dafür poppt auf dem iPhone dieser Screen auf, sobald man die Schachtel öffnet.

Zwei Ohren hören mehr als eins

In der besten Zeit des iPod hatte Microsoft mit dem Zune zu kontern versucht, jenem hässlich-braunem Ding, das nur in den USA verkauft wurde und nicht einmal dort besonders lang. Damals Alleinstellungsmerkmal des Zune: Man konnte Musik bequem vom einem zum anderen teilen und so gemeinsam die neuesten Songs oder einen ganz speziellen hören. Genial in seiner Interpretation des Lebens und der Technik wischte Steve Jobs diesen USP aber weg: Wenn man mit seiner Liebsten einen Song gemeinsam hören will, dann gibt man ihr doch einen Teil der Ohrhörer. Da es diese damals nur mit Kabel ging, kam man der Dame auch noch räumlich näher...

Wir probieren das in den heutigen Postkabel-Zeiten mit den Airpods aus und ja: Steckt sich die Kollegin den rechten Airpod ins Ohr, spielt auf beiden Hörern das Orchester weiter. Nur hört sie von Beethovens Fünfter (vierter Satz) nur die auf der rechten Seite sitzenden Musiker (mehr Bass), während ich mich mit dem linken Kanal (mehr Diskant) begnügen muss. Man könnte natürlich über die Bedienungshilfen von iOS den Soundausgang auf Mono stellen, aber bitte: bei Beethoven?

Ich wollte ja auch gar nicht drahtlos anbandeln, sondern etwas testen: Ja, die Airpods lassen sich auch unabhängig voneinander betreiben, in dem Fall also in zwei verschiedenen Köpfen. Die Verbindung hält ungefähr die komplette Bluetooth-Reichweite, erst an der gut zehn Meter Luftlinie entfernten Feuertür endet die Musik. Interessanter Weise auch auf meinem linken Kanal, wobei ich doch das iPhone mit dabei habe. Aber auch in anderen Fällen kann man ein Airpod alleine verwenden, entweder im Auto als Freisprechanlage. Das andere Pod muss dann in der Schachtel bleiben. Vorteil dieses Settings: Die Gesprächsdauer verdoppelt sich. Während wir den einen Airpod leer quasseln, bekommt der andere frische Energie. Hängt also die Schachtel an einer Steckdose, wird auf diese Weise die Gesprächsdauer quasi unendlich lang, sofern das Telefon da mitmacht. Denn in der Grundeinstellung ist es den Airpods egal, welche Seite den Mikrofondienst übernimmt, in den Bluetooth-Einstellungen lässt sich aber eine Seite dauerhaft festlegen. Dort können wir auch abstellen, dass die Musik automatisch stoppt, wenn wir einen Hörer absetzen. Aber: Wozu? (Sofern man mit zwei gesunden Ohren gesegnet ist. Einseitig Hörbehinderte schätzen diese Einstellung ungemein.)

Fazit

Weiter oben hatte ich es schon geschrieben: Ich werde mir die Airpods nicht kaufen, meine Ohren sind dafür nicht geeignet – mit dem Sound war ich aber meist zufrieden. Das Fehlen von Adaptern oder Sicherungsbändern halte ich für fahrlässig – die Hoffnung auf findige Dritthersteller bleibt. Das Konzept kann mich also nur abstrakt überzeugen, wessen Ohren dem Apple-Standard entsprechen, der wird gewiss seine Freude haben. Aber die Behauptung, dass die Airpods selbst beim Sport nicht aus den Ohren fallen, lässt sich nicht für jeden Nutzer aufrecht erhalten.

0 Kommentare zu diesem Artikel
2242264