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Thermos - Thermometer-App im Test

09.12.2010 | 17:49 Uhr |

Seit kurzem gibt es im App Store das Dienstprogramm Thermos. Die Entwickler versprechen ein kleines Wunder. Ohne einen dedizierten Temperatursensor im iPhone gelingt es der App angeblich, die vor Ort herrschende Temperatur zu ermitteln. Wir messen nach

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Thermos ist optisch und im Funktionsumfang äußerst reduziert. Es bildet die Quecksilbersäule eines traditionellen Thermometers nach. Rote Anzeige auf grauer Oberfläche. Sechs Knöpfe übernehmen verschiedene Funktionen, sie wechseln zwischen Celsius und Fahrenheit oder rufen die Anleitung (FAQs) auf. Um die Messergebnisse zu verbessern, sollte sich der Anwender die Anleitung genau durchlesen. Denn vor der Nutzung gilt es die App mit mindestens zwei unterschiedlichen Messwerten zu kalibrieren. Während des Messvorgangs muss der Benutzer die Kamera des iPhone so gut wie möglich abdunkeln, etwa mit einem Stück Stoff. Die Temperatur des iPhone sollte nicht durch Wärmequellen, die die Umgebungstemperatur verfälschen, beeinflusst werden. Dazu zählen die Körpertemperatur oder eine starke Auslastung der CPU. Der Messbereich liegt laut Entwicklern zwischen +40 und -10 Grad Celsius (+104 bis +14 Grad Fahrenheit). Apple empfiehlt für das iPhone eine Betriebstemperatur von 0° bis 35 °C.

Kühlschrank, 6 Grad Celsius, das iPhone kühlt runter

Mit zwei Referenzthermometern zur Kontrolle, beginnt die App-Kalibrierung im Kühlschrank. Hier legen wir, nach ca. 45 Minuten Abkühlzeit, den ersten Richtwert für Thermos mit 6 Grad Celsius fest. (Beide Referenzthermometer stimmen überein). So kalt ist das Test-iPhone selten. Der Benutzer gibt nun die Temperatur ein und der Messvorgang startet automatisch. Wenn alles gut geht, weiß die App anschließend wie sich 6 Grad "anfühlen". Der zweite Referenzwert beträgt 18 Grad und sollte sich um mindestens 8°C vom ersten Referenzwert unterscheiden. Wiederum sind sich beide Kontroll-Thermometer nach der zugestandenen Aufwärmzeit einig. Wir erinnern uns an den Physikunterricht: Eine Temperaturmessung gelingt erst, wenn thermisches Gleichgewicht hergestellt ist. Auch das iPhone fühlt sich bei Raumtemperatur wieder deutlich angenehmer an. Zwei Richtwerte müssen für unseren App-Test genügen.

Die Richtung stimmt

Um eine Temperaturmessung mit Thermos und iPhone durchzuführen, platziert man das iPhone am besten auf einer ebenen Unterfläche. Ein Stück Stoff unter der Kameralinse sollte diese gut abdunkeln. Nach dem Antippen des etwas unscheinbaren Messknopfs nimmt die App die erste Messung vor. Etwa 10 Sekunden lang (die Dauer kann variieren) hört man nun mehrmals hintereinander das Auslösegeräusch der Kamera und der Bildschirm zeigt einen Platzhalter an. Anschließend erscheint die gemessene Umgebungstemperatur in der Anzeige. Sollte sie jedenfalls. Im Test erscheint erst einmal gar nichts, die Anzeige bleibt leer. Weitere Messvorgänge liefern ebenfalls keine Zahlen. Dieses Problem taucht mehrmals während der gesamten Testmessungen auf. Nur ein Neustart des iPhone löst das Problem. (Home-Button und Ein/Aus-Schalter gleichzeitig 10 Sekunden lang gedrückt halten). Thermos misst nach dem Hochfahren die Wohnzimmertemperatur mit 19,4°C. Die beiden Vergleichs-Thermometer messen 19 Grad, eine Kommastelle haben sie nicht. Die erste Messung stimmt also. Nun geht es ins deutlich kältere Schlafzimmer. Doch schon bei unserer zweiten Messung enttäuscht Thermos. Der viel versprechende Auftakt ist abrupt zu Ende. Die App liegt drei Grad neben den Werten der beiden anderen Messgeräte (16 Grad). Das ist zwar nicht allzu viel, aber auch mehrmals wiederholte Messungen führen zu unterschiedlichen Angaben. Allerdings erkennt das Programm, dass es tendenziell kälter ist als im Wohnzimmer. Die gemessenen Temperaturen kreisen um die 16-Grad-Marke. Unser nächster Messpunkt liegt im Arbeitszimmer. Hier ermittelt die iPhone-Applikation passable 16,7°C. Die Kontrollgeräte einigen sich auf 17 Grad.

Nur zwei Ausreißer?

Weitere Messungen in verschiedenen Räumen und mehrmals hintereinander zeigen: Bei geringfügig wechselnden Raumtemperaturen zwischen 16 und 19 Grad, ist die Genauigkeit von Thermos recht gut. Die App liegt häufig richtig und nie mehr als 3 Grad daneben. Der Ansatz scheint in diesem Temperaturbereich tendenziell zu funktionieren. Auch wenn die Zahlen nicht immer stimmen, ob es kälter oder wärmer ist als zuvor, erkennt das Programm. Zwei grobe Ausreißer gibt es allerdings. Alle Messergebnisse bei winterlichen Temperaturen auf dem Balkon sind komplett falsch. Selbst die Tatsache, dass es deutlich kälter als im Arbeitszimmer ist, kann das Tool nicht ausmachen. Die mehrfach ermittelten Werte des virtuellen Thermometers liegen bei 21 Grad. Es sind jedoch 10°C. Ein ähnliches Bild ergibt sich auf der Heizung. Hier liegt Thermos ebenfalls weit ab vom Schuss. Denn angeblich herrschen hier 15°C. Die beiden anderen Thermometer zeigen allerdings 36 Grad an. Eine Erklärung wie die App die Temperatur ermittelt geben die Entwickler nicht.

Fazit

Zwar erkennt die App tatsächlich unterschiedliche Temperaturen, die tendenziell in die richtige Richtung gehen, für eine brauchbare Temperaturmessung reicht dies aber nicht. Schwankungen und grobe Ausreißer machen die Bilanz kaputt. Die Messfehler sind mit drei Grad erstaunlich gering, wenn man bedenkt, dass Apple im iPhone gar keinen Temperaturfühler verbaut. Aber für ein Thermometer ist die Fehlerquote zu hoch, zumal Messungen bei extremeren Temperaturen im Test nur Fantasiewerte produzieren. Zumindest in der jetzigen Version scheint Thermos nur auf hiesige Raumtemperaturen spezialisiert zu sein.

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