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Bewegungssteuerung Leap Motion im Test

25.07.2013 | 10:26 Uhr |

Im Spielebereich ist Gestensteuerung bereits ein alter Hut, für den produktiven Einsatz am Mac oder PC dagegen Neuland. Wir haben mit Leap Motion den ersten Controller mit Bewegungserkennung ausprobiert – mit gemischten Gefühlen.

Noch vor Jahren wäre ein Produkt wie Leap Motion kaum denkbar gewesen. Doch mit der Einführung von Kinect für Microsofts Spielekonsole Xbox 360 oder dem Playstation-Pendant Move sind Tools zur Erkennung von Bewegungen im Raum in den Wohnzimmern angekommen. Mit Leap Motion folgt nun der Sprung an den Schreibtisch – ob das gelingt?

Motion-Sensoring fürs Büro

Leap Motion ist Gerät zur Bewegungs- und Gestenerkennung und präsentiert sich dabei als kleines, schickes und unauffälliges Kästchen, das kaum die Größe einer Sardinenbüchse erreicht – so stört dann auch das zusätzliche Stück Peripherie auf dem Schreibtisch nur wenig. Leap Motion soll dabei nach Aussagen der Entwickler Maus und Tastatur nicht ersetzten, sondern ergänzen. Die Verbindung zum PC oder Mac (ein Entwickler-Kit für Linux ist derzeit noch in Arbeit) erfolgt über eines der beiden mitgelieferten USB-Kabel – das kürzere Kabel eignet sich prima für den Einsatz mit einem mobilen Rechner, während das längere Kabel für die Benutzung mit einem Desktop-Rechner ausgelegt ist.

Der Leap-Motion-Controller erzeugt ein dreidimensionales Feld in dem Bewegungen registriert werden.
Vergrößern Der Leap-Motion-Controller erzeugt ein dreidimensionales Feld in dem Bewegungen registriert werden.
© Leao Motion

Platziert wird der Leap Motion Controller zwischen dem Anwender und dem Display, so dass genügend Freiraum über dem Sensor verfügbar ist. Denn: Zur Erkennung von Handbewegungen und Gesten erzeugt Leap Motion über dem Controller ein knapp 60 Zentimeter hohes Feld für die Erkennung. Diese funktioniert dank dreier Infrarot LEDs und zweier, in den Controller eingebauter Kameras erstaunlich präzise und erinnert dabei an eine Abwandlung von Microsofts Kinect-Sensor für die Xbox 360 – nur eben deutlich genauer. Dank der mitgelieferten Software erkennt die Leap-Motion-Sensorik neben ganzen Händen auch einzelne oder mehrere Finger.

Airspace dient als Software-Zentrale.
Vergrößern Airspace dient als Software-Zentrale.

Alles eine Frage der Software

Das Kernstück des Leap-Motion-Paketes ist aber nicht der Controller selbst, sondern die zugehörige Software, denn diese ist für die Umsetzung der von der Sensoreinheit gesammelten Informationen in Bewegungen am Bildschirm zuständig. Und da hat Leap Motion gleich ein ganzes Paket geschnürt: Zunächst wird ein Treiberpaket installiert, das für die Erkennung des Sensors und das Ein- und Abschalten der Erkennung zuständig ist. Über ein Menüleisten-Plug-in kann so das Verhalten des Sensors gesteuert, der Status überprüft oder Einstellungen angepasst werden – derzeit allerdings nur in englischer Sprache.

Praktisch: Im Fall ungünstiger Lichtverhältnisse oder wenn die Hochglanzoberfläche des Sensors verschmutzt ist, wird man per Push-Benachrichtigung in der Mitteilungszentrale darüber informiert. Daneben gehört zur Leap-Motion-Grundausstattung auch die Software Airspace. Sie dient als Sammelstelle für alle Leap-Motion-kompatiblen Apps, die man sich im angeschlossenen Airspace-Store laden kann. Dort gibt es neben kostenlosen Apps auch kostenpflichtige Inhalte und Spiele – wie zum Beispiel das vom iPhone her bekannte „ Cut the Rope “.

Spiele wie das vom iPhone bekannte Cut the Rope machen einen Großteil des App-Angebotes aus.
Vergrößern Spiele wie das vom iPhone bekannte Cut the Rope machen einen Großteil des App-Angebotes aus.

Natürliche Bedienung

Ebenfalls im Airspace-Store zum kostenlosen Download erhältlich ist das eigentliche Herzstück von Leap Motion, die Software Touchless. Erst diese App fügt die Betriebssystemsteuerung und damit die Kontrolle über den Mauszeiger von PC und Mac zum Funktionsumfang hinzu – und das in zwei Komplexitiätsstufen „Basic“ und „Advanced“. Die Touchless-Software erzeugt zwei zusätzliche „Schichten“ zur Interaktion vor dem Display, eine Touch-Zone und eine Hover-Zone.

Die Zonen der Bewegungserkennung von Leap Motion.
Vergrößern Die Zonen der Bewegungserkennung von Leap Motion.

Während wir durch Bewegung unseres Zeigefingers in der Hover-Zone den Mauszeiger bewegen können, müssen wir zum Klicken den Finger näher ans Display heran und damit in die Touch-Zone führen. Als optisches Feedback wird der Mauszeiger dabei von einem in Form und Größe flexiblen Kreis eingerahmt und hervorgehoben. Nähert man sich dem Display, wird der Kreis kleiner und damit genauer, außerdem verändert sich beim Übergang in die Touch-Zone die Farbe des Kreises nach Grün.

Dank Mitteilungen in die Mitteilungszentrale von Mountain Lion wird man aufgefordert, die Oberfläche zu reinigen.
Vergrößern Dank Mitteilungen in die Mitteilungszentrale von Mountain Lion wird man aufgefordert, die Oberfläche zu reinigen.

Mit dem Basic-Kontrollschema können Sie einfachere Eingaben tätigen, den Mauszeiger bewegen oder Scrollen. Dabei erkennt der Leap-Motion-Controller bis zu drei Finger: einen zum Bewegen des Mauszeigers, zwei Finger zum Scrollen (die Finger müssen in den Touch-Bereich geführt werden) und drei Finger zum Benutzen von Exposé und Spaces. Dieses einfachere Kontrollschema funktioniert weitestgehend zuverlässig und mit guter Erkennung – manchmal sogar zu fein und empfindlich. Ein Problem, das vor allem beim erweiterten Schema zum Tragen kommt, denn hier erkennt Leap Motion noch feinere Gesten und Bewegungen. Beispielsweise lässt sich durch seitliche Wischbewegungen mit vertikal gehaltener Hand vor dem Screen zwischen den Spaces von OS X wechseln – genauso, wie man es auch auf dem Touchpad eines Macbooks machen würde. Hält man die Hand dagegen horizontal und bewegt sie nach oben und unten, lässt sich das Exposé nutzen. Beides funktioniert selten beim ersten Anlauf, denn schon ein angewinkelter Daumen kann als ausgestreckter Finger erkannt werden.

Der Sensor selbst ist kaum größer als ein Feuerzeug.
Vergrößern Der Sensor selbst ist kaum größer als ein Feuerzeug.
© Leap Motion

Ohne Berührung = ohne Sinn?

Bis hierhin klingt das Ganze eigentlich ganz gut. Die Technik ist ausgesprochen innovativ und macht meist, was sie soll. Aber: Wenn doch die Software nach Aussagen von Leap Motion der wirklich „magische“ Bereich des Produkts sein soll, warum finden sich dann nur so wenige Apps im Airspace-Store? Tatsache ist: Die wirklich brauchbaren Anwendungen – gerade für den produktiven Einsatz – fehlen im Moment, und das mehr als schmerzlich. Und verfügbaren Apps können mit den hauseigenen Apps von Leap Motion nicht mithalten.

Im Airspace-Store findet sich die Leap-Motion-kompatible Software.
Vergrößern Im Airspace-Store findet sich die Leap-Motion-kompatible Software.

Da hilft es auch nichts, dass beispielsweise mit der App Swish ein an sich sehr gut gemeinter App-Switcher mit ebenfalls an sich gut gedachten Gesten zum Regulieren der Lautstärke oder zur Steuerung von iTunes verfügbar ist. Denn die Software erkennt die Gesten schlecht oder gar nicht und kommt sich nebenbei noch mit Leap Motions eigener Touchless-Software ins Gehege. Einige der verfügbaren Spiele dagegen – gerade diejenigen mit besonders simplen Arten der Bedienung – machen durchaus für ein paar Minuten Spaß. Aber warum nur ein paar Minuten? Wenn man mit Maus und Tatstatur arbeitet, liegen die Unterarme in der Regel auf dem Schreibtisch auf, was kaum anstrengt.

Der Sensor muss vor dem Rechner platziert werden.
Vergrößern Der Sensor muss vor dem Rechner platziert werden.

Mit Leap Motion dagegen hat man die Hände in der Luft, was auf Dauer wenig komfortabel ist und die Arme schnell schwer werden lässt. Hinzu kommt, dass vor allem OS X in keiner Weise für die Bedienung per Touch-Eingaben geeignet ist: In Safari mit Touchless zwischen Browsertabs zu wechseln ist beinahe ein Ding der Unmöglichkeit, von der Steuerung von Menüleisten-Plug-ins gar nicht zu sprechen. Die Flächen und Menüelemente sind in OS X einfach zu klein für Leap Motion. Unter Windows 8 dagegen profitiert Leap Motion von einem generell für Eingaben mit den Fingern konzipierten Betriebssystem.

Empfehlung: Leap Motion

Auch auf die Gefahr hin, dass diese Einschätzung dem sehr innovativen Produkt als solchem nicht gerecht wird: Aber das Versprechen des Herstellers, Workflows natürlicher zu machen, kann nur bedingt eingehalten werden, denn dafür ist die Software schlicht nicht gut genug. Klar: Die Technik von Leap Motion ist toll. Sofort nach dem Einrichten stellt sich gerade bei Gadget-Liebhabern der „Wow-Effekt“ ein. Aber so schnell der Wow-Effekt aufkommt, verpufft er auch wieder – vor allem beim Blick auf den App-Store von Leap Motion. Nur ganz wenige Apps erfüllen Ihren Zweck wirklich zufriedenstellend, viel zu oft kranken die Anwendungen trotz der prinzipiell präzisen Erkennung an falschen oder gar nicht erkannten Gesten und Bewegungen. Und die Leap-Motion-eigene App Touchless leidet vor allem unter OS X an den viel zu kleinen Menüelementen, die einer vernünftigen und produktiven Interaktion im Wege stehen.

Mit etwas Übung mit der äußerst sensiblen Erkennung kommt man aber nach ein paar Tagen halbwegs vernünftig klar – die Frustschwelle für Neulinge ist aber sehr hoch. Immerhin: Seit dem Marktstart am 22. Juli sind fast jeden Tag Patches nachgereicht worden, die die Erkennung verbessern und die Toleranz des Sensors heben sollen. Wenn Leap Motion am Ende auch kommerziell eine Erfolgsgeschichte werden soll, muss sich aber auch im Softwarekaufhaus noch einiges tun. Ansonsten läuft Leap Motion nämlich Gefahr, nach einem kurzen „Wow“ in einer Schublade zu verschwinden – und dafür ist das Gerät definitiv zu schade!

Steckbrief: Leap Motion

Hersteller: Leap Motion

Preis: 79 US-Dollar (plus Versand)

Note: 3,3

Vorzüge: faszinierendes Konzept mit „Wow“-Effekt, an sich präzise Erkennung, verhältnismäßig günstiger Preis

Nachteile: teilweise eklatante Aussetzer bei Drittanbieter-Software, geringe Auswahl an Apps, Ermüdend, OS X für Touch-Steuerung nur bedingt geeignet

Alternative: keine

Bezugsquellen: Leap Motion

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