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Games für OS X

Bioshock Infinite im Mac-Test

06.09.2013 | 14:00 Uhr |

"Booker, hast du Angst vor Gott?" – "Nein, aber vor dir." Warum Booker DeWitt Angst vor der süßen Elizabeth hat, erfahren Sie vielleicht in diesem Test von Bioshock Infinite. Vielleicht aber auch nicht.

Die See ist stürmisch in den ersten Minuten des Ego-Shooters Bioshock Infinite , wir sind auf Drama eingestellt. Aber die beiden Gestalten, die mit uns im Ruderboot hocken, nehmen die dramatische Stimmung irgendwie nicht ernst. Sie tragen quietschgelbe Regencapes und schnattern und plappern und frotzeln wie ein altes Ehepaar. Vielleicht sind sie das sogar, ein altes Ehepaar. Aber wir können ihre Gesichter nicht erkennen. In der Ferne schält sich plötzlich ein Leuchtturm aus dem Regen, und man reicht uns eine Holzkiste. Darauf unser Name, darin eine Pistole, ein Schlüssel, ein mit Symbolen bekritzeltes Papier, Fotos einer jungen Frau und die Anweisung, die junge Frau nach New York zu schaffen.

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Bioshock Infinite beginnt also mit einer Hommage. Im ersten Bioshock haben wir unsere Kiste in einem Flugzeug geöffnet - kurz bevor die Maschine vom Himmel stürzte und wir durchs nachtschwarze Meer zu einem Leuchtturm geschwommen sind. Nun also abermals Kiste und Leuchtturm. Und wie schon beim ersten Teil gleich zum Auftakt Fragen über Fragen: Wer sind die beiden Witzbolde, die gerade munter über ein Gedankenexperiment tratschen und so tun, als wären wir gar nicht da. Warum sollen wir die junge Frau auf dem Foto überhaupt nach New York schaffen? Und was erwartet uns wohl in diesem Bioshock Infinite? Die beiden plappernden Gestalten winken eigentlich schon längst mit dem Zaunpfahl: ein Gedankenexperiment. Die Rahmenbedingungen sehen folgendermaßen aus: Als Privatschnüffler Booker DeWitt sollen wir die junge Elizabeth aus der fliegenden Stadt Columbia entführen. Unseren Auftraggeber kennen wir nicht; wir wissen auch nicht, was er mit Elizabeth vorhat oder warum er das Mädchen überhaupt haben will. Wir wissen nur, dass wir einen Auftrag haben und dass die fliegende Stadt Columbia ein ganz besonderer Ort sein muss. Auf geht's in die Wolken.

Die Karikatur eines Himmels

Unsere ersten Schritte durch Columbia machen wir staunend: Die Stadt ist wunderschön, die Idylle beinahe perfekt. Satte Farben, geschwungene Formen, imposante Gebäude, die sanft in der Luft wippen wie Korken auf einem See. Wir wollen loslaufen und diese herrliche Welt erkunden, jede Ecke und jeden Winkel. Doch die strahlende Pracht wirft lange Schatten. Schnell stellen wir fest, dass dieses Eden von fanatischen Christen dominiert wird. In strahlend weißen Kutten huldigen sie - Gott? Nein, sie beten vor grotesken Statuen von George Washington, Benjamin Franklin und Thomas Jefferson. Gott ist zunächst kein Thema in dieser ach so gottesfürchtigen Stadt.

Parade in Columbia: Zachary Comstock lässt sich als großer Heilsbringer und Prophet feiern.
Vergrößern Parade in Columbia: Zachary Comstock lässt sich als großer Heilsbringer und Prophet feiern.

Allgegenwärtig sind stattdessen die Helden der amerikanischen Unabhängigkeit - und natürlich der Prophet mit seinem mysteriösen Lamm. Dieses Lamm, der Jesus von Columbia, bleibt zunächst im Dunkeln - was man vom Propheten nicht behaupten kann. Zachary Hale Comstock hält von Demut ziemlich wenig; alle paar Meter zeigen Plakate sein weißbärtiges Konterfei, eine riesige Statue von Comstock winkt uns zu, als wir die Stadt betreten - und überragt die -Figuren von Washington und Co. natürlich um ein Vielfaches. Comstock hält auch nicht viel von Menschenrechten. Na gut, der definierende Satz "Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren." wurde erst 1948 mit der UN-Charta geschrieben, und BioshockInfinite spielt 1912.

Wenn Comstock also Schwarze, Asiaten oder Indianer für minderwertig hält, dann ist er gewissermaßen ein Abbild seiner Zeit; schließlich hielt auch der in Columbia verhasste Abraham Lincoln die von ihm befreiten Sklaven nicht für gleichwertig. Das ist also das wahre Gesicht der fliegenden Stadt: ein wunderschöner Ort voller hässlicher Fratzen. Die Karikatur eines von Menschen geschaffenen Himmels. Durch den wir durch müssen, um Elizabeth aus ihrem Gefängnis zu befreien. Was wir nach dem ersten Spieldrittel auch erfolgreich erledigen, da kann Comstock noch so zottelbärtig zürnen.

Quantenphysikalische Philosophie

Damit aber genug Konkretes zur Story, denn je mehr wir andeuten, desto mehr müssten wir erklären; und kämen doch zu keiner Antwort. Bioshock Infinite beherrscht die Kunst, uns immer wieder mit spannenden Fragen anzufüttern, uns vermeintliche Antworten zu präsentieren, die sich kurz darauf als Trugschlüsse herausstellen und stattdessen neue Fragen aufwerfen. Das Spiel ähnelt einem Puzzle, bei dem wichtige Teile fehlen und andere scheinbar nirgendwo passen. Nach dem Finale verlassen Sie Bioshock Infinite entweder mit einem "Was zum Geier ist gerade passiert?" oder mit einem "Wow".

Den sogenannten Patrioten fliegt immer zuerst der Kopf weg.
Vergrößern Den sogenannten Patrioten fliegt immer zuerst der Kopf weg.

Der Vergleich mit Lost bietet sich förmlich an, denn genau wie die US-Serie drückt sich Infinite beim packenden Finale um klare Antworten und spielt uns den Ball gleich wieder zurück: Es lässt nicht nur alle bohrenden Fragen unbeantwortet, sondern packt gleich noch ein paar neue obendrauf - von teils metaphysischer Tragweite. Wer jetzt "Metawas?" denkt oder seine losen Enden gerne zu einem handlichen Paket zusammengeschnürt hätte, der kann durchaus zu der Überzeugung gelangen, dass sich die Autoren beim Finale großflächig in Philosophie, Quantenphysik und Symbolik verzettelt haben. Wer hingegen gerne interpretiert, wer offene Enden mag und ohnehin lieber seine eigenen Antworten findet, für den ist Bioshock Infinite ein Fest.

Überflüssiges aus der Flasche

Aber das Spiel ist nicht nur Gedankenexperiment und wilder Philosophie-Mischmasch, es ist auch ganz viel Shooter; mehr noch als es sein Unterwasser-Vorgänger in Rapture war. Bis auf ganz wenige Momente, die wir an dieser Stelle nicht entzaubern wollen, verzichtet Infinite auf moralische Entscheidungen. Little Sisters töten oder nicht? Solche Dilemmas suchen wir vergeblich. Stattdessen geht's mit Bleispritzen in offene Auseinandersetzungen. Über große Strecken mit Elizabeth an unserer Seite. Die ersten Schießereien müssen wir allerdings ohne die reizende Begleiterin bestreiten, aber dafür drückt uns das Spiel schon früh unsere erste Spezialfähigkeit in die Hand.

Mit einem Schluck aus einer grünen Flasche verleiben wir uns "Beherrschung" ein und können anschließend Automaten und Menschen manipulieren. Beherrschen wir einen Automaten, dann spuckt er Geld aus oder wechselt kurzerhand die Seite, falls es sich um ein stationäres oder fliegendes Geschütz handelt. Von uns beherrschte Menschen wechseln ebenfalls die Seite und begehen nach Abklingen des Effekts einen sehr spektakulären (und teils extrem brutalen) Selbstmord. Ja, auch dieses Bioshock ist nun wirklich kein zimperliches Spiel.

Nachdem die Einwohner Columbias sich bei einer Feier verausgabt haben, geht's an den Strand.
Vergrößern Nachdem die Einwohner Columbias sich bei einer Feier verausgabt haben, geht's an den Strand.

Im weiteren Verlauf kommen insgesamt noch sieben Fähigkeiten hinzu: So können wir Krähenschwärme beschwören und auf Gegner hetzen, Brandbomben in unseren Händen materialisieren und damit um uns werfen, Feinde in die Luft schleudern und sie dort für eine Weile wehrlos rumhängen lassen oder Geschosse abfangen und sie dem Absender zurückschicken. Die jeweiligen Flaschen liegen übrigens auf unserem Weg, wir müssen sie also nicht kaufen. An den Bioshock-typischen Automaten erstehen wir stattdessen Munition und Upgrades für unsere Waffen sowie Verbesserungen für unsere Fähigkeiten (Beherrschung kostet dann beispielsweise weniger, Brandbomben verursachen höheren Schaden, von Krähen dahingeraffte Feinde werden zu Krähenfallen für weitere Feinde).

Das dafür nötige Kleingeld wiederum finden wir überall: in Automaten (Beherrschung, Sie wissen schon), in Schubladen, in Tresoren, in Leichen, in Geldbeuteln. Wer in Bioshock Infinite nicht genug Klimpermünzen im Säcklein hat, um nach Herzenslust einzukaufen und upzugraden, der macht was Grundlegendes falsch. Das Blöde daran: Wir brauchen den ganzen Spezialkräftekram eigentlich gar nicht. Als reiner Ballermann kommen wir mindestens genau so leicht durch das Spiel, nur eben weniger spektakulär; wobei die Spezialfähigkeiten ohnehin nicht sonderlich kreativ sind, das Experimentieren macht zum Beispiel bei Dishonored deutlich mehr Spaß.

Bioshock Infinite ist deshalb selbst auf dem höchsten von drei anfänglichen Schwierigkeitsgraden zu einfach. Den "bockenden Bronco2 (schleudert Gegner in die Luft) beispielsweise zücken wir hauptsächlich, um die Kämpfe optisch cooler und somit unterhaltsamer zu gestalten. Spannender wäre es in jedem Fall, wenn unsere Gegner die immerhin dick in Columbia auf Plakaten und in Shows beworbenen Kräfte ebenfalls nutzen würden. Aber das tun bedauerlicherweise nur verschwindend wenige. Infinite verhält sich zum ersten Bioshock also ganz ähnlich, wie sich das erste Bioshock zu System Shock 2 verhielt: viele Spielelemente wurden vereinfacht, die dezenten Rollenspiel-Elemente so weit zurückgefahren, dass sich das Ergebnis nun endgültig wie ein Ego-Shooter spielt. Wer's anspruchsvoller möchte, der muss Bioshock Infinite erst auf Leicht, Normal oder Schwer durchspielen, erst dann gibt's Zugriff auf den sogenannten 1999er-Modus. Der unterscheidet sich aber nicht so stark von den anderen Modi, auch wenn die Kämpfe dann doch spürbar härter werden. Nach einem virtuellen Tod ohne das für Wiederbelebungen an Ort und Stelle nötige Kleingeld geht's eben am letzten Speicherpunkt weiter. Also so, wie es in anderen Spielen eigentlich immer üblich ist. Toller wäre es obendrein, der 1999er-Modus wäre von vornherein verfügbar.

Göttliche Elizabeth

Noch einfacher werden die Auseinandersetzungen übrigens, wenn sich Elizabeth an Bookers Seite gesellt. Die Lady mit dem bezaubernden Lächeln und dem sanften Gemüt entpuppt sich nämlich flott als "Godmode"-Sidekick. Immer in Bookers Nähe, aber glücklicherweise nie im Weg (sehr gute Arbeit, liebe Entwickler), wirft sie uns Medizinpakete, Munition oder Salze zu, wenn irgendwas davon ausgehen sollte. Salze? Ja, Salze. Das ist nämlich das Zeug, das unsere Spezialkräfte antreibt. Später dürfen wir Elizabeth sogar darum bitten, stationäre Geschütze, neue Waffen oder eine Kiste mit Gesundheitspäckchen in die Landschaft zu pflanzen. Die Gute kann das Zeug nämlich über sogenannte Risse aus anderen - jetzt bloß keine Spoiler auspacken - "Dimensionen" nach Columbia teleportieren. Das ist clever gedacht und peppt die Kämpfe ordentlich auf, reduziert aber gleichzeitig den Anspruch und macht das Leveldesign sehr durchschaubar. Biegen wir um eine Ecke und es blinkt uns ein potenzieller Riss ins Auge, dann wissen wir schon: Gleich kommen wieder ganz viele Gegner.

Die Spezialkräfte schlummern in Bioshock Infinite in Flaschen.
Vergrößern Die Spezialkräfte schlummern in Bioshock Infinite in Flaschen.

Trotzdem ist Bioshock Infinite kein kurzes Spiel. Wer jede Ecke inspiziert, jeden Tresor knackt, jeden Hot Dog (Gesundheit) futtert und überhaupt jeden Stein gesehen haben will, der wird sicher über zwölf Stunden mit dem Titel beschäftigt sein. Und es gibt eine Menge zu sehen, auch wenn's mit dem Übersehen schwierig werden dürfte. Denn Bioshock Infinite ist ein ziemlich linearer Shooter - auch wenn wir mal rechts und links vom direkten Weg abkommen dürfen und auch, wenn wir einige Abschnitte mehrmals besuchen müssen. Die Wolkenschienen bleiben nämlich in der Regel ein Gimmick für groß angelegte Kampfgebiete, alternative Routen gibt's selten, und geschlichen wird quasi nie.

Macht aber nichts, denn zu einem kompletten Schlauch à la Call of Duty wird Bioshock Infinite dann doch nicht, und Irrational hat sich verflixt viel Mühe gegeben, uns immer wieder mit neuen und beeindruckenden Aussichten zu verwöhnen. Das Herrenhaus von Comstock? Wow! Die Ausstellung über Boxerkrieg und Wounded Knee? Wow! Die Taufhalle? Wow! Wir geben es zu, wir finden es eigentlich gar nicht schlimm, dass die Schießereien vergleichsweise simpel und flott ausfallen, denn so kommen wir schneller zum nächsten Highlight, zur nächsten merkwürdigen, spannenden, verwirrenden Begebenheit.

Englisch, intelligent, unterhaltsam

Mit Elizabeth ist Irrational Games dabei ein kleines Kunststück gelungen. Sie bewegt sich die meiste Zeit so natürlich um uns herum und durch die Spielabschnitte, als würde da jemand in unserem Computer sitzen und sie steuern. Sie redet mit uns in Situationen, in denen wir auch mit ihr reden würden, sie macht uns auf Besonderheiten aufmerksam, sie bringt uns zum Lachen und weckt gleichzeitig den Beschützerinstinkt. Was nicht zuletzt an der tollen Vertonung liegt. Passende Stimme, tolle Intonation, eine ausgezeichnete Arbeit der deutschen Sprecherin.

Ein Bioshock-Spiel ohne Elektrobrutzler? Undenkbar! Die Stromladung legt Gegner für eine Weile lahm oder erledigt sie gleich ganz.
Vergrößern Ein Bioshock-Spiel ohne Elektrobrutzler? Undenkbar! Die Stromladung legt Gegner für eine Weile lahm oder erledigt sie gleich ganz.

Die hohe Qualität macht diesbezüglich aber nicht bei Elizabeth halt, auch die anderen Charaktere werden durch ihre Sprecher tatsächlich lebendig. Allen voran übrigens Booker selbst, der nicht als stumme Marionette durch Columbia läuft, sondern mit einem herrlichen Bassorgan glaubwürdig kommentiert. Schade in diesem Zusammenhang aber, dass die vielen, vielen Plakate, Inschriften und Notizen nicht übersetzt sind. Wer des Englischen nicht mächtig ist, der muss leider auf ziemlich viel Atmosphäre verzichten. Oder hässliche Untertitel (in den Grafikoptionen) hinzuschalten.

Bioshock Infinite ist also genau das, was wir uns erhofft hatten - und befürchtet haben. Wir hatten eine intelligente, vielschichtige Handlung und eine fantastische, atemberaubende Spielwelt erwartet und ja, das trifft beides zu. Wir hatten eine Vereinfachung der Spielmechanik befürchtet, und ja, auch das trifft zu. Aber: Letzteres stört uns überraschenderweise kaum. Der Shooter-Part ist nämlich trotz seiner Anspruchslosigkeit noch immer sehr unterhaltsam - und schlicht das Element, das Bioshock Infinite überhaupt zu einem Spiel werden lässt. Viel lieber wäre der Titel ein reines Gedankenexperiment, das merkt man ihm häufig an. Das wäre uns auch recht, allerdings hätte Bioshock Infinite so nie den Weg auf GameStar.de gefunden und wäre kein Thema in der Spielewelt. Und das wäre uns nun wieder gar nicht recht.

Steckbrief: Bioshock Infinite

Hersteller: 2k Games, Aspyr

Preis: 35,99 Euro (Mac App Store)

Altersfreigabe: ab 18 Jahren

Note: 1,4 Sehr gut

Grafik (25%): 1,4

Sound (25%): 1,4

Umfang (25%): 1,6

Bedienung (25%): 1,3

Vorzüge: imposante Architektur, gute Effekte, schräg-tolles Story-Gerüst

Nachteile: insgesamt sehr schlauchig, matschige Texturen

Alternative: Borderlands 2

Anforderungen:

  • OS: 10.8.4 (Mountain Lion)

  • Prozessor: 2.2 GHz Intel Core 2 Duo (Dual-Core)

  • Speicher: 4 GB RAM

  • HDD: 30 GB

  • Video-RAM: 512 MB

  • Grafikkarte: ATI Radeon HD 3870 / NVidia Geforce 640M

Bezugsquellen: Mac App Store

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