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Test DAW Reaper

23.05.2012 | 15:05 Uhr |

Die „Digital Audio Workstation“ (DAW) Reaper kann von der Leistung her spielend mit Logic Pro, Cubase und Ableton Live mithalten. Beim Preis zeigt sich Reaper sogar unschlagbar.

Reaper bedeutet zu deutsch so viel wie Sensenmann. Tatsächlich ist es aber ein Akronym für Rapid Environment for Audio Prototyping and Efficient Recording und eine Entwicklung von Justin Frankel, der in den Urzeiten vor iTunes den Standard-MP3-Player Winamp entwickelt und anschließend erfolgreich an AOL verkauft hat.

Ein Teil des Geldes steckt nun vermutlich in Reaper, was eine denkbare, aber nicht sonderlich wahrscheinliche Erklärung dafür ist, dass die Audio Workstation nun so günstig zu bekommen ist. Die Vollversion von Reaper liegt mit rund 170 Euro bei den früheren Preisen etwa von Logic Express und ist damit schon preiswert. Allerdings bekommt man Reaper als Privatperson für äußerst günstige 45 Euro und kann mit dieser Lizenz und mit Reaper sogar noch rund 15.000 Euro verdienen.

So klein, so günstig

Auch in einer anderen Hinsicht schlägt Reaper die Konkurrenz um Längen: Das Installationsprogramm ist gerade einmal 12 MByte groß, die Programmdatei mit knapp 44 MByte auch nicht viel größer. Zum Vergleich: Logic Pro verbraucht 620 MByte, Propellerhead Reason und Ableton Live mehr als ein GByte. Damit ist Reaper der ungekrönte Speicherkönig bei den Audio-Workstations dieser Zeit.

Wer nun befürchtet, dass das Programm bei so kleinem Preis und derart geringem Speicherbedarf allenfalls Lite-Kost liefert, täuscht sich gründlich. Reaper ist eine vollwertige Audio- und MIDI-Anwendung für die Produktion von Musik. Die App verbindet sich schon bei der Installation mit allen angeschlossenen Audiogeräten und virtuellen VST-, AU- und Rewire-Plugins im Rechner. Damit steht – bei praktisch nur durch den Arbeitsspeicher begrenzter Spurenzahl – ein vollwertiges Aufnahmestudio zur Verfügung, wenngleich Reaper, anders als die Mitbewerber, selber keine virtuellen Instrumente und Samplesounds mitbringt.

DAW Reaper

Reaper ist eine Digital Audio Workstation zur Produktion von Musik auf MIDI- und Audiospuren.


Preis: 45 EUR für Privatpersonen, ca. 54 CHF
Webseite: http://www.reaper.fm/
Note: 1,3
Aufnahmefunktionen (30%): 1,1
Spurenrouting (20 %): 1,1
Bearbeitungsfunktionen (30 %): 1,8
Preis-/Leistungsverhältnis (20%): 1,0

Vorteile: vollwertige DAW mit sehr flexiblem Routing, unschlagbar günstiger Preis, sehr geringer Speicherbedarf,

Nachteile: keine virtuellen Instrumente und Samples, kann CAF-Format von Apple nicht lesen, etwas altbackene Oberfläche

Alternativen: Logic Express, Cubase Elements, Garageband


Oberfläche bietet Open Source-Ambiente

Die Oberfläche von Reaper sieht etwas einfach aus und erinnert an Open Source-Software, um es mal böse auszudrücken. Funktional und aufgeräumt ist sie dennoch: Oben sieht man die MIDI- und Audiospuren, unten den Mix-Bereich, dazwischen die Transport-Sektion. Anders als bei Logic Pro, aber ähnlich wie bei Ableton Live hat man also alle wichtigen Funktionen sofort im Blick.

Wer von Logic oder Live kommt, muss sich ein bisschen an die Zuweisung von Spuren und die Bedienung gewöhnen, hat aber nach kurzer Zeit keine Probleme, Reaper flüssig mit Audio- und MIDI-Spuren zu bestücken. Besonders flexibel zeigt sich Reaper beim Routing der Ein- und Ausgänge für Audio- und MIDI-Signale sowie für das Erstellen umfangreicher Signalketten, die einfach hintereinander geschaltet werden. Wer seine Aufnahmen mit mehreren Audio-, Midi- und Effekt-Geräten gleichzeitig in ein komplettes Arrangement einspielen möchte, findet in Reaper einen guten Partner dafür.

Es gibt auch Funktionen, die sich nicht intuitiv erschließen. Wer zum Beispiel die Instrumentenzuordnung in einem Track ändern möchte, findet erst im Handbuch Informationen, wie das geht. Das ist bei anderen Programmen deutlich einfacher.
Audio-Dateien lassen sich bei Reaper per Drag&Drop einbinden. Die meisten Formate erkennt die DAW, das Apple Loop-Format Core Audio File (CAF) aber nicht, so dass diese Bibliotheken bei Reaper nicht zur Verfügung stehen. Schade!

Bei der Aufnahme in Loops nimmt Reaper automatisch im Overdub-Modus auf, so dass bei jedem Schleifendurchgang eine neue Audio- oder MIDI-Spur erzeugt wird. Man kann dann alle Versionen behalten oder einzelne davon löschen, wenn man sie nicht mehr braucht. Beim Abspielen schaltet man leicht zwischen den einzelnen Takes hin und her – sehr praktisch, sehr komfortabel, bei den Mitbewerbern nicht ganz so einfach.

Vorbildliches, flexibles Routing

Die Routing- und Aufnahmefunktionen sind bei Reaper insgesamt sehr praxisnah gestaltet, was den Menschen entgegenkommt, die sich mehr mit der Musik als mit der Aufnahmetechnik beschäftigen wollen.

Im Vergleich zu den wesentlich teureren Mitbewerbern sind die Bearbeitungsfunktionen bei Reaper dagegen etwas dünn ausgefallen. Es gibt einen Editor für die Bearbeitung der MIDI-Spuren, der praktischerweise auch das grafische Editieren von Controller-Werten mit der Maus zulässt. Logische und Makrofunktionen bietet dieser Editor aber nicht. Einen Noteneditor sowie eine Möglichkeit, die Audiospuren zu bearbeiten, findet man bei Reaper ebenfalls nicht. Fairerweise muss man aber sagen, dass auch die Mitbewerber nicht gerade Spezialisten für Audio- und Notenbearbeitung sind, sondern allenfalls Basisfunktionen dafür an Bord mitführen.

Bleibt die Ausgabe: Für das Abmischen einzelner Spuren stehen Equalizer , Kompressoren und andere Effekte bereit, die sich als Ketten leicht einzelnen Spuren zuordnen lassen. Anschließend kann man die Spuren einzeln oder im Mixdown exportieren. Dafür bietet die DAW Sampling-Rates von acht (LoFi) bis zum Studiostandard 192 kHz, dazu Stereo-, sowie 4, 6 und 8-Kanal-Mischungen an. Das reicht für alle Fälle, zumal für den Export auch unterschiedliche Ausgabeformate von Wav über Audio-CD bis zu OGG oder MP3 zur Verfügung stehen.

Fazit

Als DAW kann Reaper spielend mit den großen Brüdern wie Logic Pro, Steinberg Cubase oder Ableton Live mithalten. Da fehlt nix! Wer virtuelle Instrumente und Effekte an Bord zu finden hofft, sucht allerdings vergeblich und ist auf Drittanbieter angewiesen, von denen es allerdings reichlich und Produkte in Studioqualität gibt. Vorbildlich verhält sich Reaper beim Routen von Ein- und Ausgängen sowie Effekten auf einzelne Spuren. Das ist im Detail mitunter kompliziert, aber das ist dann eben der Preis für die maximale Flexibilität beim Zuordnen der Ressourcen. Flexibel ist Reaper auch beim Handling von Tastaturbefehlen und Makros, was die erfahrene Bedienung sehr einfach macht, den Anfänger aber auch nicht überfordert; niemand muss sich gleich in den Tiefen des Programms verlieren.

Für professionelle Studios wird Reaper kaum eine Alternative sein, hier werden Platzhirsche wie Logic Pro oder Pro Tools eifersüchtig um ihre Vorherrschaft kämpfen. Wer aber was zwischen Garageband und den Highend-Tools nach einer Alternative sucht, findet bei Reaper alles, was er braucht für ambitionierte Recordings-Sessions. Und das zu dem Preis: Klasse!


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