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Sprachsoftware: Mit Dragon Anywhere dem iPhone diktieren

04.04.2016 | 09:00 Uhr |

Auf iPhone und iPad kann man mit Siri Texte diktieren. Deutlich komfortabler geht das mit dem kostenpflichtigen Dragon Anywhere.

Wer Siri häufig nutzt, weiß, dass man damit relativ normale, das heißt alltägliche Texte, gut per Stimme eingeben kann. Manche E-Mails sind so deutlich flotter erstellt, als wenn man sie tippt. In Apples Spracherkennung fehlt aber völlig die Möglichkeit, Wörter zu korrigieren und das Vokabular selbstständig zu erweitern. Hier muss man dann doch immer wieder dieselben Begriffe per Hand eingeben oder korrigieren. Besser will das Dragon Anywhere von Entwickler Nuance machen. Diese App leistet im Prinzip für iOS-Geräte, was Dragon 5 auf dem Mac verspricht. Letzteres haben wir bereits getestet . Übrigens lassen sich Begriffe oder sogar Makros, die man in einem der beiden Nuance-Produkte angelegt hat, mit der jeweils anderen Version auf Mac respektive iOS-Gerät synchronisieren, so dass sie dann überall zur Verfügung stehen. Das klappt in unserem Test auch recht gut.

Diktieren nur wie in einer ”Blase“

Wie mit Siri können wir auch mit Dragon Anywhere längere Texte diktieren. Dieses bietet dafür einen eigenen einfachen Texteditor unter optionaler Nutzung der Apple-Standardtastatur. Direkt in eine andere Applikation kann man damit aber nicht diktieren – das schränkt den Alltagsnutzen deutlich ein, beispielsweise wenn man damit direkt auf eine E-Mail innerhalb der Nachricht antworten wollte. Möglicherweise liegt diese Einschränkung an Apples Vorgaben, die bestimmte Systemfunktionen für Drittanbieter begrenzen.

Mit gezielten Sprachbefehlen, die man freilich erst einmal lernen und beherrschen muss, lassen sich mit Dragon Anywhere im Unterschied zu Siri Wörter korrigieren und hinzufügen. Formatierungen wie kursiv, fett oder unterstreichen sind damit ebenfalls möglich. Dies probieren wir unter anderen im Vergleich zu Siri aus, indem wir zwei jeweils gleiche Texte aus Harry Potter (den Anfang von Band 1: ”Stein der Weisen”) und aus der letzten Macwelt-Ausgabe (September 2015) über eine Kaufberatung zu damals aktuellen Apple-Produkten per Stimme eingeben. Während die Erkennungsrate bei beiden Diktierprogrammen durchaus vergleichbar ist, auch darin, dass Namen wie Dursley nicht automatisch erkannt werden, spielt Dragon Anywhere seine Stärken dann aus, wenn eine Überschrift fett geschrieben sein soll oder bestimmte Wendungen kursiv erwünscht sind.

Dazu muss man nicht einmal die Tastatur aktivieren, sondern einfach nur die entsprechenden Wörter per Stimme markieren und den passenden Sprachbefehl geben. Auch den Namen ”Dursley”, den wir jetzt schon in Dragon Anywhere fehlerfrei diktieren, lässt sich die Nuance-Spracherkennung beibringen. Außerdem springen wir in der App flott zwischen Absätzen, Zeilen und Wörtern hin und her und gelangen auch nach einer Korrektur oder Formatierung per Stimme wieder ans Ende des Dokuments. Die Dokumente – und auch dies lässt sich über die Stimme bewerkstelligen – werden auf Wunsch direkt in eine neue E-Mail kopiert, oder als Anhang übertragen. Gleichermaßen lässt sich der Text in die Zwischenablage kopieren (und damit dann etwa nach dem Einsetzen eine E-Mail zumindest indirekt beantworten) oder in Evernote oder der Dropbox speichern. Zur Weiterbearbeitung ist zudem die Übergabe an Pages oder Microsoft Word und andere Apps möglich. Nur das direkte Speichern in der iCloud findet keine Unterstützung.

Internetverbindung auch hier ein Muss

Genauso wie bei Siri können wir Texte direkt in das Mikrofon des iPhones oder iPads eingeben oder das Headset nutzen. Und wie Siri benötigt auch Dragon Anywhere Internetzugang. Ist dieser gut, erscheint der diktierte Text fast sofort. Insgesamt bemerken wir mit der Zeit, dass auch die Texterkennung bei frei gesprochenen Worten besser ist als mit Siri – dort müssen wir nach unserer Erfahrung deutlich öfter Korrekturen anbringen, was sehr viel aufwendiger ist, wenn man dafür jedes Mal mit der Tastatur arbeiten muss.

Doch auch Dragon Anywhere ist keineswegs ohne Macken. So friert die App in unserem Test gelegentlich im Hilfebereich bei der Anzeige von Navigation und anderen Optionen ein. Zum Glück wird der Text automatisch gespeichert, so dass hier kein Verlust entsteht. Lästig ist das bisweilen trotzdem. Im laufenden Text kann man sich aber auch wichtige Befehle per Stimme anzeigen lassen.

Kosten und Systemvoraussetzungen

Billig ist Dragon Anywhere freilich nicht. Während Siri kostenlose Beigabe des iOS-Systems von Apple ist, zahlt man für die Nuance-Spracherkennung 20 Euro – und das monatlich! Nimmt man es im Abo, werden für beispielsweise zwölf Monate satte 204 Euro fällig. Ob das ein ”hervorragendes Preis-Leistungsverhältnis” ist, wie der Anbieter behauptet, mag man bezweifeln, auch wenn sich die App dafür auf unterschiedlichen Geräten und Systemen (einschließlich Android) nutzen lässt und die Zielgruppe vorwiegend geschäftliche Anwender sind. Dennoch bedeutet das, dass man nach beispielsweise drei Jahren für dieselbe App über 600 Euro gezahlt hätte, aber nach dem für eine Diktier-App unserer Meinung nach sehr ungewöhnlichen Abo-Modell kann man diese nicht mehr weiter nutzen, wenn man sie nicht weiter bezieht. Wenn schon, sollten die Abo-Gebühren doch deutlich günstiger sein.

Eine kostenlose Demoversion steht nur für eine Woche zur Verfügung. Die Systemvoraussetzungen dafür liegen laut Entwickler auf iPhone und iPad bei mindestens iOS 8.1 (auf iPad 3 und höher, iPhone 5 und höher oder iPad Mini 1 und höher) sowie Android-Smartphones und -Tablets ab Version 4.4. Wie gesagt, ist außerdem ein aktives WLAN (WiFi) oder unterwegs eine mobile Datenverbindung erforderlich. Und dies ist angesichts des hohen Preises auch ein gewichtiger Kritikpunkt: Hat man beispielsweise im Hotelzimmer mal kein oder nur schlechtes WLAN auf einem iPad ohne 3G-Datenverbindung (und auch diese kann zu schwach sein), ist das Programm völlig nutzlos.

Fazit

Wer auch auf seinem iPad oder anderen iOS-Geräten halbwegs professionell oder einfach nur komfortabler als mit Siri diktieren möchte, kommt an Dragon Anywhere nicht vorbei. Insgesamt sind die Hürden zum Erlernen neuer Wörter sowie die Navigation innerhalb eines Textes und dessen Formatierung gut gelöst. Wie immer bei Sprachsoftware ist am Anfang eine gewisse Lernkurve zu bewältigen, bis man Sprachbefehle verinnerlicht hat. Wieder einmal müssen wir beklagen, dass diese Sprachanweisungen nicht immer mit der Mac- oder Windows-Version der Nuance-Spracherkennung identisch sind. Dies würde es Anwendern, die auf verschiedenen Systemen sprachtechnisch mit Nuance-Produkten zu Hause sind, deutlich erleichtern. Äußerst kritisch sehen wir zudem die hohen Abo-Gebühren, dies auch angesichts der Tatsache, dass Dragon Anywhere nur im eigenen Editor funktioniert und bei fehlender Internetverbindung mit der teuren App gar nichts mehr geht…

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