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Faszinierend: Puzzle-Adventure Chromagun im Portal-Stil

24.06.2016 | 07:59 Uhr |

Hinter den berühmten Portal-Kniffelspielen steckt der Mainstream-Entwickler samt Vertriebsplattform Valve. Doch auch unabhängige Spieleschmieder bekommen Großartiges zu Stande.

Das beweist das abwechslungsreiche Game Chromagun des "Indie"-Entwicklers Pixel Maniacs . Ähnlich wie in Valves Meisterwerken Portal 1 und 2 wird man zu einem unfreiwilligen militärischen Versuchskaninchen in experimentellen Räumen gemacht. Aus denen man nicht nur entrinnen muss, sondern in denen auch unmittelbare Gefahren lauern, wie mit tödlichen Stacheln besetzten Drohnen, die den Spieler bedrängen, später unter Strom gesetzte Bodenplatten und sogar ein Feuer, vor dem man in aller Eile und dabei noch mit großer Geschicklichkeit fliehen muss.

Die Chromawumme: Farben statt Löcher

Selbst eine ähnliche Kanone wie in Portal ("Portal Gun") besitzen wir – aber wie der Name Chromagun schon andeutet, öffnet diese keine Löcher in Wänden, sondern verspritzt Farben, auf welche die Drohnen reagieren und zum Beispiel Aktivierungsfelder ansteuern, die Türen öffnen und Wege in den nächsten Level ermöglichen. Dabei muss man sich wieder wie in Schulzeiten mit der subtraktiven Farbmischung vertraut machen, denn schon bald verfügt unsere Waffe über die Grundfarben Gelb, Rot und Blau, die zusammen schwarz ergeben. Doch auch Grün, Lila und Ocker lässt sich damit anmischen, und auf diese sechs Farbvarianten – also rein oder gemischt – reagieren die passenden Drohnen. Schwarz macht gegenüber den Farben unempfindlich. Außerdem lassen sich die Farben nicht einfach überallhin sprühen, sondern nur auf ausgewiesene Wandfelder oder Bodenplatten. Damit steuert man die Drohnen manchmal wie im Parcours und in gebotener Vorsicht. Denn wenn sie über elektrisierte Bodenplatten schweben, sind sie hinüber und können nicht mehr benutzt werden. Was oft bedeutet, das Level von vorn zu starten. Was jederzeit gelingt, indem wir auf der Mac-Tastatur das ”Z“ etwas länger gedrückt halten. Dann startet man das Level wieder an eine der sterilen Treppenstufen in der Anlage des Chromatech-Labors. Nach Fehlversuchen, die tödlich enden können, kommentiert von einer Stimme ähnlich wie in Portal. Diese begleitet uns wie in Portal mit zynischen Anmerkungen oder falschen Versprechungen, erreicht aber nicht die Klasse und Originalität aus dem großen Vorbild.

Drohnenopfer

Manchmal stürzen wir die Drohnen auch gezielt ins Verderben, indem wir sie durch geschickte Farbkombinationen auf die elektrisierten Bodenplatten führen, was diese und die Drohnen neutralisiert. Das ist nötig, damit wir selbst eine solche sonst tödliche Schwelle überwinden können. Ein echter Makel des Spiels ist, dass ein Fehler wie die vorzeitige Vernichtung einer Drohne, oder wenn Wandfelder nicht mehr umzusprühen sind, nicht mehr zu heilen ist. Man muss dann definitiv von vorn anfangen, denn selbst kann man Einfärbungen durch die Chromagun nicht rückgängig machen. Manchmal hat man viel Mühe eingesetzt, um einen bestimmten Status zu erreichen. Gelegentlich gehen die Rätsel über mehrere Räume, bisweilen sogar mit Monitorüberwachung der Drohnen. Das kann dann schon ärgerlich sein, wenn ein kleiner Fehler zur vollständigen Wiederholung führt. Zum Glück aber sind die einzelnen Level nie sehr groß, sodass es selten mehr als wenige Minuten dauert, um zum alten Stand zurückzukehren.

Grafik schlicht, aber flott und passend

Insgesamt präsentiert sich das Spiel in acht Kapiteln mit insgesamt 57 Leveln in unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden. Das bedeutet zirka fünf bis sieben Stunden Netto- Spielzeit, je nachdem, wie viel Zeit man sich lässt oder braucht. Die Steuerung über Tastatur und mit der Maus oder einem Touchpad gelingt dabei größtenteils problemlos, obwohl manche Abschnitte zeitsensitiv sind, da kann man sich in der Eile leicht mal ”verhaken”. Besonders viel Spaß machen uns die Level, die unmittelbar nach dem Feuerausbruch folgen. Hier ist man in ziemlicher Finsternis mit einer auf der Chromagun zugeschalteten Taschenlampe unterwegs und muss manchmal mehr ahnungsvoll als wissend die Drohnen passend steuern. Die Atmosphäre in diesen Abschnitten ist wirklich toll.

Und lässt ein bisschen die etwas schlichte und eintönige Grafik des Spiels vergessen. Sie ist völlig angemessen, das sei gleich dazu gesagt, wir sind schließlich in einem sterilen Labor unterwegs. Die meisten Farben mit den Wänden oder Decken sind einfach hell, wir blicken manchmal durch Dachluken nach draußen zum Himmel. Natürlicher spritzen wir mit Farben und sehen überall die unterschiedlich kolorierten Drohnen. Aber das war's auch schon. Dafür lädt das Spiel selbst auf unseren iMac von 2010 so flott, dass wir die Tipps der Ladescreens zum nächsten Level so schnell kaum lesen können. Und flüssig läuft das Spiel auch auf unserem leicht betagten Apple-Rechner mit einer Auflösung von 1920 x 1080 und auf höchster Detailstufe. Die Begleitmusik im Hintergrund ist elektronisch zurückhaltend und angenehm, lenkt vom Spielgeschehen nicht ab. Dazu kommen im Wesentlichen die Sounds der Türen und elektrischen Böden und natürlich die leicht sadistische Stimme aus dem Off.

Empfehlung für Rätselfans mit Ironie

Die Ähnlichkeit zu manchen Aspekten von Portal wurde schon angesprochen, das geht bis hinein in die ironischen Kommentare und einer Überwachungskamera in vielen Räumen, die uns kalt beobachtet. Und ähnlich wie in Portal kann man sie, hier allerdings mit einem Farbspritzer, meistens außer Gefecht setzen. Was keinen Unterschied für das Spiel macht, aber ein inneres Bedürfnis befriedigt… . Trotz der vielen Analogien ist Chromagun 1.2 in seiner konsequenten Umsetzung des eigenen Spielprinzips mit den Farben (die es auch in Portal 2 gibt, aber dort eine ganz andere Funktion einnehmen) durchaus selbstständig und macht Tüftlern, die schon die Valve-Spiele mochten, zweifellos Spaß. Bei den milden Systemvoraussetzungen (ab OS X 10.8 auf 2.0 GHz Dual Core-Mac mit 2 GB RAM Arbeitsspeicher und einer Grafikkarte ab NVIDIA GT 460 oderAMD Radeon HD 5550 1024 MB VRAM) sowie dem geringen Preis von 13 Euro im Mac App Store    oder bei Steam   kann man nicht viel falsch machen. Für iOS gibt es das Game in einer Vorgängerversion übrigens schon länger.

Fazit

Bis zum Ende wird man in Chromagun gut unterhalten und stellenweise herausgefordert. Dass das Spiel nicht von einem ganz großen Entwickler kommt, merkt man daran, dass es immer nach demselben Muster verfährt, das heißt die Geschichte wird nicht wirklich ausgespannt, und es gibt keine anderen Schauplätze, außer im Empfangsbüro mit einem menschlichen Gegenüber. Dennoch – Fans von Puzzlespielen und Adventures sollten sich Chromagun als echte Indie-Perle nicht entgehen lassen.

 

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