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Logic Pro X im Test

22.07.2013 | 10:40 Uhr |

Apple hat seine Audioproduktionssoftware in der neuen Version Logic Pro X herausgebracht. Unsere Kollegen der Macworld US konnten das Programm schon testen und meinen, dass es nichts von seiner Klasse verloren hat – dafür aber mit guten neuen Funktionen glänzt.

Apples Abteilung für Musiksoftware hat sich in den letzten Jahren vorwiegend um Garageban d gekümmert, während Logic Pro nur einige Wartungsupdates bekommen hat und günstiger wurde. Mit Logic Pro X, das zusammen mit Main Stage 3 und der Fernsteuerungs-App für das iPad Logic Remote herausgekommen ist, ändert sich das nun. Langjährige Anwender werden zwar ob der Namensgebung gezuckt und sich an Final Cut Pro X erinnert haben, doch im Gegensatz zur Videoschnittsoftware ist Logic Pro X keineswegs eine komplette Neuentwicklung, der es an gewohnter Funktionalität fehlt. Lediglich das Aussehen der Audiosoftware ist an Final Cut Pro X angelehnt, Logic hat also nichts von seiner Kraft verloren wohl aber einige neue Funktionen hinzugewonnen.

Logic Pro X ist erstmals exklusiv im Mac App Store für 180 Euro zu haben, es gibt jedoch nur die Vollversion und keinerlei Upgrades zu kaufen. Systemvoraussetzung ist OS X 10.8.4 oder höher, will man alle mitgelieferten Instrumente und Samples laden, benötigt man 35 GB freien Platz auf der Festplatte, 5 GB müssen mindestens frei sein. Wer Plug-ins nutzt, sollte prüfen, ob die in 64 Bit geschrieben sind, 32 Bit unterstützt Logic Pro X nicht mehr. Rückwärtskompatibilität ist gegeben, Logic Pro X öffnet alte Projekte bis hin zu Logic 5.

Neue aufgeräumte Oberfläche

Logic, das Apple zusammen mit dem deutschen Hersteller Emagic im Jahr 2002 übernommen hat, genießt den Ruf, eine der komplexesten digitalen Audio-Workstations (DAW) zu sein. In den letzten Jahren hat Apple die Bedienung von Logic aber immer mehr vereinfacht und unternimmt mit Logic Pro X einen weiteren großen Sprung in diese Richtung. Die Transport-Kontrollen haben die Entwickler etwa mit den Bedienelementen für gebräuchliche Funktionen oben im Fenster angebracht, die Bibliotheken sind über die linke Seite zu erreichen und lassen sich mit einem Knopf schnell ein- oder ausblenden. Wie in Garageband hat nun jede Spur einen eigenen Volume- und Panoramaregler, generell sind die Bedienelemente etwas größer geworden und leichter zu finden. Für schnelles Arbeiten ist das neue Layout übersichtlicher und somit besser geeignet. Wer tiefer gehen will oder muss, findet seinen Weg über die zahlreichen Menüs in komplexere Werkzeuge. Wem Garageband nicht mehr genügt, bekommt nun eine vertraute Oberfläche präsentiert und muss sich nicht mehr völlig neu orientieren. Andere Änderungen betreffen die Logik. So sind etwa Elemente wie Effekte im Mixer in der Reihenfolge des Signalwegs angelegt, diese lässt sich per Drag-and-drop ändern. Einzelne Songteile lassen sich mit Arrangementmarkern leicht umpositionieren. Der von der iOS-Version von Garageband her bekannte Arpeggiator findet sich dort, wo er hingehört – im Bearbeitungsfenster der Softwareinstrumente.

Gruppierte Spuren und smarte Controller

Auch langjährige DAW-Nutzer werden Layoutneuerungen wie Track Stacks begrüßen. Projekte, die dutzende Spuren umfassen, werden auch auf großen Monitoren schnell unübersichtlich und erfordern viel Scroll-Arbeit. Logic Pro X lässt Spuren nun in eine Art von Ordnern gruppieren – etwa alle Percussion-Spuren. Die Inhalte kann man per Klick auf ein Dreieck ein- oder ausklappen. Mit einem einzigen Fader lässt sich nun die Lautstärke für alle Spuren ändern.

Ebenso neu ist die Möglichkeit, einzelne Spuren zu einer zusammenzufassen und eine Art von Submix anzulegen. Beispiel: Hat man mehrere Spuren mit in Logic erzeugten Instrumenten angelegt, lassen sich diese im Summing Stack derart gruppieren, dass sie mit einem einzigen Keyboard gleichzeitig zum Klingen gebracht werden können. Die Konfigurationsmöglichkeiten sind dabei groß: Tiefe Töne könnten andere Instrumente oder Instrumentenmixe ansprechen als hohe. Das Setting lässt sich als einzelnes Instrument abspeichern und in anderen Projekten verwenden, Logic Pro X erweitert so die Erzeugung von individuellen Sounds und Instrumenten.

Mit Smart Controls will Logic Pro X die Einstellung von Instrumenten erleichtern. Anstatt eine Fülle von Reglern anzubieten, geben die einfachen Smart Controls Zugriff auf die von bestimmten Instrumenten am häufigsten benutzten Parameter. Die Smart Controls lassen sich jedoch individuell zuweisen.

Mehr Bass, mehr Rhythmus

Hatte sich Apple bei der letzten Version Logic Pro 9 vor allem um Sounds für Gitarristen mit einer großen Vielfalt von Verstärkern, Boxen und Effekten verdient gemacht, bekommen nun Bassisten und Schlagzeuger neue Soundoptionen serviert. Bassisten können sich nun wie die Kollegen mit den dünneren Saiten ihre eigenen Rigs zusammenstellen, Basis sind die drei Verstärker Modern Amp, Classic Amp und Flip-Top Amp, die zusammen mit sechs Kabinetten und drei Mikrofonarten variantenreiche Soundtüftelei erlauben. Auf das Bass-Rig können auch Softwareinstrumente und Midi-Spuren zugreifen.

Logic Pro X liefert für den Rhythmus nicht nur wie bisher zahlreiche Schlagzeug-Loops, sondern 15 virtuelle Drummer. Die Sounds haben renommierte Studiomusiker eingespielt. Logic Pro X bietet die vier Stile Rock, Alternative, Songwriter und R&B an, die 15 Drummer haben Namen: Einfach eine Kombination daraus wählen und schon steht eine Schlagzeuspur zur Konfiguration bereit. Max etwa ist ein Punk-Trommler, Logan ein gesetzterer Retro-Rocker mit entsprechendem Kit. Das Schlagzeug von Max oder Logan lässt sich im Detail mit Instrumenten konfigurieren, ein von den Smart Drums von Garageband für iOS bekanntes Panel lässt auf seinen Achsen eine Lautstärke und eine Komplexität setzen. Einzelne Instrumente des Schlagzeugs lassen sich komplett abschalten und die Elemente des Setups beliebig kombinieren und etwa in Sachen Dämpfung oder Tonhöhe konfigurieren. Auf Wunsch „hört“ sich der virtuelle Drummer die anderen Spuren des Projekts an und passt Einsatz und Rhythmus darauf an – eine Loop würde in einer Generalpause weiter scheppern, der virtuelle Schlagzeuger eben nicht. Und anders als so mancher echte Trommler beherrscht der virtual Drummer von Logic Pro X auch „krumme“ Takte wie 5/4, 7/8 oder 12/8. Taktwechsel mitten im Stück ist ebenso möglich, der virtuelle Schlagzeuger ließe sich also vom permanenten Wechsel zwischen 7/8 und 9/8 in der Eingangssequenz von Tubular Bells (Mike Oldfield) nicht verwirren.

Knapp daneben ist nicht vorbei

Seit Logic Pro 9 lassen sich die Aufnahmen rhythmisch ungenauer Schlagzeuger, Bassisten oder Gitarristen mit der Funktion Flex Time auf das Taktmaß anpassen – nicht immer ist es gewünscht, dass die Basstrommel kurz vor der Eins einsetzt und das Treiben anfängt. Mit Logic Pro X bekommen nun auch Sänger – oder Blechbläser – eine Bearbeitungsmöglichkeit bei ungenauer Intonation. Mit Flex Pitch lassen sich nun einzelne Stimmen in der Tonhöhe justieren – nicht nur einzelne Töne, sondern auch ganze Passagen. Dabei zeigt ein teilweise gefüllter Balken an, wie nahe ein Ton an der richtigen Note ist. Die Korrekturen sind aber nicht nur in Feinheiten möglich, wenn etwa der Sänger den Ton nicht ganz getroffen hat, sondern auch radikal. Einzelne Töne lassen sich auch um größere Intervalle verschieben und so ganze Melodien ändern. Logic Pro X analysiert Aufnahmen nach ihrer Tonhöhe – und kann so auch den eingesungenen Part als MIDI-Spur ausgeben – das Doppeln mit einem anderen Instrument ist somit leicht gemacht.

Neue Instrumente und Effekte

Für Freunde der Klänge der Siebziger und Achtziger bringt Logic Pro X das Softwareinstrument Retro Synth. Dieses bringt alle Regler, Oszillatoren und Filter, die auch auf den Wavetable- und FM-Synths von Moog, Korg, Yamaha oder Waldorf zu finden waren. Neue Versionen bekommen die Klavier-Plug-ins Vintage B3 (der berühmten Orgel Hammond B3 nachempfunden), Vintage Electric Piano und Vintage Clav. Alle drei Instrumente überzeugen mit ihren Sounds und den Einstellmöglichkeiten dafür – und klingen dabei ziemlich echt.

Gitarristen finden sieben neue Effektpedale, etwa ein neues Delay, der Overdrie-Effekt Tube Burner, das Tremolo Wham, den Verzerrer Grit, den Pitcher Dr. Octave (hey - wir Gitarristen wollen auch mal die Basslinie spielen, eine Oktave unter unserer Reichweite!), den Flanger Flange Factory und einen Graphic EQ. Die Soundbibliothek mit ihren 1500 Softwareinstrumenten und Effekten, 800 gesampleten Instrumenten, 30 Drummachines sowie 3600 Apple Loops hat Apple komplett überarbeitet. Die alten Logic-Sounds sowie Apples Jam Packs lassen sich jedoch kostenlos in das neue Logic Pro X laden.

Fernbedienung mit dem iPad

Sind der Mac mit Logic Pro X und ein iPad mit der kostenlosen Fernsteuerungssoftware Logic Remote am gleichen WLAN angemeldet, lassen sich die meisten Vorgänge von Logic Pro X nun vom iPad aus steuern. Das ist vor allem dann praktisch, wenn der Computer an einem anderem Platz steht als die Instrumente – und wenn das Keyboard auch nur um 90 Grad übers Eck platziert ist. Die Oberfläche ähnelt dem Mixer in Garageband für iOS und dürfte vertraut wirken. Optional lässt sich der Mixer aber wegschalten und stattdessen eine Klaviatur, ein Griffbrett oder ein Drumpad auf dem iPad anzeigen – zusammen mit einigen Smart Controls.

Dabei lässt Logic die Freiheit, mit welchem Kontroller man ein Instrument anspricht – eine Gitarrenspur kann man etwa auch mit der Klaviatur einspielen. Vom iPad aus lassen sich auch neue Spuren anlegen, Instrumente aus der Bibliothek wählen oder der Arpeggiator bedienen. Spuren kann man jedoch nicht bearbeiten oder einen Gesamtüberblick über das Projekt erhaschen – dazu braucht es nach wie vor den Mac.

Im Test ist keine Latenz zu hören, spielte man Töne über das iPad ein. Beim Wechsel zwischen einzelnen Projekten steigt Logic Remote jedoch ab und an aus und benötigte einen Neustart. Logic Remote läuft ab dem iPad Mini unter iOS 6 oder höher.

Fazit

Für 180 Euro können sich auch die Hungerleider unter den Musikern Logic Pro X leisten. Zu den schon umfangreichen Funktionen sind weitere Optionen hin zu gekommen. Es ist kaum vorstellbar, das irgendein Musiker oder Musikproduzent nicht vom neuen Logic profitieren würde. Die vereinfachte Oberfläche gewährt Garagebandnutzern einen leichteren Umstieg auf das komplexere Programm, der virtuelle Schlagzeuger beeindruckt. Bassisten freuen sich über die Soundgestaltungsmöglichkeiten und können ihre schweren Verstärker und Boxen beim nächsten Job daheim lassen. Keyboardern und Pianisten freuen sich über die neuen Retro-Instrumente. Wer nicht unbedingt auf ein 32-Bit-Plug-in angewiesen ist oder mit einer anderen DAW arbeitet, bekommt mit Logic Pro X ein faszinierendes Produkt.

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