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Napoleon: Total War im Test für OS X

18.12.2013 | 11:00 Uhr |

Napoleon: Total War ist das bislang beste Strategiespiel über die Napoleonischen Kriege, aber nicht automatisch auch der bislang beste Teil der Total-War-Serie von Creative Assembly.

Verzeihen Sie bitte, dass wir in diesem Test kurz von Napoleon: Total War abschweifen und das Genre wechseln. Aber als wir neulich im Online-Rollenspiel Star Trek Online von einem niedergestreckten Klingonen ausgerechnet ein Croissant – ein Croissant! – erbeuteten, da mussten wir herzlich grinsen.

Werden die Franzosen eines Tages tatsächlich den Weltraum erobern? Ein kleiner Korse wagte davon nicht einmal zu träumen, als er sich am 2. Dezember 1804 zum französischen Kaiser krönte. Er wollte nur die trotzigen Briten, die tückischen Preußen und die dekadenten Österreicher bezwingen. Kurz gesagt: Napoleon Bonaparte wollte Europa unterwerfen, von Madrid bis Moskau. Dass daraus letztlich nichts wurde - okay, Pech für ihn. In Napoleon: Total War können Sie den historischen Spieß jedoch umdrehen und dem Eigenbau-Monarchen zum Sieg verhelfen.

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Denn der allein lauffähige Ableger des Strategie-Kolosses Empire: Total War enthält drei Feldzüge, in denen Sie auf französischer Seite die Napoleonischen Kriege bestreiten. Alternativ verweisen Sie den Emporkömmling mit einer anderen Großmacht in seine Schranken. Und zwar auf Wunsch auch via Netzwerk und Internet, denn Napoleon: Total War bietet erstmals einen Mehrspieler-Modus für die Rundenkampagne.

Kaum Bugs, trotzdem Fehler

Napoleon: Total War tritt zugleich ein schweres und ein leichtes Erbe an. Ein schweres Erbe, weil sich der Entwickler Creative Assembly mit dem absturzgeplagten Empire viele Fan-Sympathien verscherzt hat. In dieser Hinsicht können wir aber Entwarnung geben: Abgesehen von kleineren Macken und sehr seltenen Abstürzen lief Napoleon in unserem Test flüssig und fehlerfrei. Das leichte Erbe ist das Spielprinzip: Die bewährte Total War-Melange aus rundenbasierter Reichsverwaltung und Echtzeit-Massenschlachten sucht nach wie vor Ihresgleichen, der »Nur noch eine Stadt erobern / eine Schlacht schlagen«-Suchtfunke springt auch in Napoleon über.

Der Italien-Feldzug: kurz und simpel.
Vergrößern Der Italien-Feldzug: kurz und simpel.

Allerdings nicht sofort, denn die ersten beiden Kampagnen enttäuschen. Darin spielen Sie Napoleons Feldzüge in Norditalien und Ägypten nach, und zwar ausschließlich mit Frankreich und auf engen Regionalkarten, auf denen Sie geradlinig eine Provinz nach der anderen unterjochen. So verkommen die beiden Kurzkampagnen (je drei bis fünf Stunden Spielzeit) zum »Total War Light«, in dem Sie hauptsächlich Armeen ausheben und verschieben. In Ägypten werfen Ihnen dabei wenigstens noch aggressive Beduinen und Osmanen Knüppel zwischen die Beine, der Italien-Feldzug hingegen geizt mit Überraschungen.

Das Glanzlicht: die Europa-Kampagne

Mit Abstand am unterhaltsamsten ist die dritte Kampagne, in der Sie um ganz Europa ringen. Denn dabei müssen Sie sich neben dem Militär auch um Diplomatie und Wirtschaft kümmern. Allerdings dürfen Sie Frankreich im gesamteuropäischen Krieg erst dann anführen, wenn Sie die beiden anderen Feldzüge absolviert haben. Mit Napoleons Feinden (Preußen, England, Österreich, Russland) können Sie hingegen von Anfang an ins Gefecht ziehen. Das motiviert, weil jede Nation Sie vor andere Aufgaben stellt. England etwa bläst mit seiner Flotte zur Jagd auf französische Schiffe. Frankreich wiederum führt schlagkräftige Heere ins Feld, sieht sich aber von Feinden umzingelt.

Kurze Zwischenfilme leiten die Kampagnen ein.
Vergrößern Kurze Zwischenfilme leiten die Kampagnen ein.

Nach 192 Runden endet der Krieg, bis dahin müssen Sie die Ziele Ihrer Fraktion erfüllen. Beispielsweise soll Frankreich Wien, Berlin und Moskau besetzen, Preußen hingegen möchte die deutschen Fürstentümer vereinigen. Ein freies Spiel ohne Aufgaben gibt's nicht. Überdies ist auch die Europakarte eng begrenzt. Zwar reicht sie von Moskau bis Madrid, dafür fehlen Nordafrika und der Nahe Osten. Wir hätten uns statt drei einzelnen Feldzügen eine umfassende Kampagne gewünscht, um den ganzen Napoleonischen Krieg auf einer großen, zusammenhängenden Karte zu bestreiten.

Neuerungen in den Kampagnen

Alle drei Kampagnen profitieren dafür von spielerischen Neuerungen gegenüber Empire. Eroberte Städte etwa dürfen Sie nun normal besetzen, ausplündern (bringt Geld, aber verärgert die Bürger) oder befreien. Letzteres erschafft ein Protektorat, das Sie als loyaler Verbündeter unterstützt und Ihnen ein paar Freiwilligen-Bataillone schenkt. Die Jungs können sich als wertvoll erweisen, denn Verluste dürfen Sie nicht mehr einfach gegen Goldgebühr ausgleichen. Stattdessen ziehen Sie in Ihren Provinzen Nachschubdepots hoch und bauen Bauernhöfe aus, damit sich dezimierte Regimenter allmählich regenerieren. Um angeschlagene Armeen wieder kampfbereit zu machen, müssen Sie sich folglich erst in befreundetes Territorium zurückziehen.

Verluste erleiden die Truppen nicht nur im Kampf, sondern auch in unwirtlichen Gebieten. Weil pro Runde nur ein halber Monat vergeht (und kein halbes Jahr mehr wie in Empire), wechseln die Jahreszeiten fließend. Im Winter versinken Alpenpässe und osteuropäische Provinzen unter einer dichten Schneedecke. Wer zum Jahreswechsel das frostige Russland angreift, verliert so permanent Soldaten. Gleiches gilt, wenn Sie im ägyptischen Feldzug durch die Wüste marschieren, denn europäische Regimenter schmelzen im Sandmeer schneller dahin, als Sie »Wasser!« krächzen können. Daher sollten Sie hitzeresistente Beduinen-Söldner anwerben. Folglich wirken sich Witterungsbedingungen und Jahreszeiten erstmals auch strategisch aus. Diesen Fortschritt dürfen künftige Total War -Fortsetzungen gerne erben.

Über feuernden Schützenreihen bilden sich Rauchwolken. Oben zeigt ein Ereignisfilmchen, dass der Feind ein Haus besetzt hat.
Vergrößern Über feuernden Schützenreihen bilden sich Rauchwolken. Oben zeigt ein Ereignisfilmchen, dass der Feind ein Haus besetzt hat.

Neuerungen in den Schlachten

Auch die Echtzeit-Schlachten bieten diverse Neuerungen. Generäle etwa motivieren nahe Verbündete, sodass es sich nun lohnt, die Befehlshaber mit an die Front zu schicken. Haubitzen wiederum reißen mit Sprenggeschossen Krater in den Boden, was Feinde verlangsamt. Und die Mannschaften von Schiffen können kleinere Schäden während der Schlacht selbst reparieren, sind derweil aber verwundbar. Außerdem sehen die Gefechte noch einen Tick schicker aus als in Empire, vor allem dank neuer Partikeleffekte. Über feuernden Musketiersreihen etwa wabern dichte Rauchwolken. Auch das Interface hat Creative Assembly aufpoliert. Zum Beispiel prangt über der Regimentsflagge ein Balken, der den Moralwert der Soldaten zeigt. So erkennen Sie sofort, wenn Ihre eigene oder die feindliche Frontlinie bröckelt. Allerdings wirkt die schnörkellose Benutzeroberfläche auch weniger stimmungsvoll als in Empire.

Verbesserte KI

Die Verkaufsversion von Empire: Total War bot zwar insgesamt ordentliche KI-Gegner, die jedoch auch unter groben Aussetzern litten. Zum Beispiel verschifften sie keine Truppen und verhielten sich auch sonst sehr passiv. Napoleon schüttelt diese Erblast ab, die Computerfeinde greifen im Strategiemodus deutlich aggressiver an, auch von Seeseite her. In Schlachten rücken sie intelligenter und geordneter vor, Scharmützel zwischen gleichstarken Heeren sind nun kniffliger. Gelegentlich haben die Feinde allerdings immer noch Aussetzer. Zum Beispiel, wenn sie mit ihrem General blindlings ins Musketenfeuer galoppieren.

Die Europa-Kampagne im neuen Mehrspieler-Modus: Links oben prangt das Chatfenster, rechts die Spielerliste.
Vergrößern Die Europa-Kampagne im neuen Mehrspieler-Modus: Links oben prangt das Chatfenster, rechts die Spielerliste.

Auch im Strategiemodus geschehen teils seltsame Dinge. So überredeten wir Dänemark mithilfe einer neuen Diplomatie-Option, sein Bündnis mit Mecklenburg zu brechen. Doch bereits in der nächsten Runde erneuerten die beiden Nationen ihre Allianz und ließen sich nicht einmal mehr gegen Bestechung davon abbringen. Insgesamt hinterlassen die KI-Feinde aber einen klügeren und weniger wirren Eindruck als in Empire .

Mehrspieler 1: Die Drop-in-Battles

Wer nicht gegen KI-Gegner antreten möchte, kann andere Menschen bekämpfen. Dass Sie Einzelgefechte und die zehn historischen Schlachten von Napoleon im Multiplayer-Modus bestreiten können, kennen Serienveteranen bereits. Neu sind hingegen die sogenannten Drop-In-Battles: Wer in der Solokampagne ein Gefecht beginnt, kann über die Online-Plattform Steam nach einem Gegner suchen, der das computergesteuerte Heer übernimmt. Das klappt aber nur, wenn halbwegs gleichwertige Verbände aufeinander treffen, was im Test nicht immer der Fall war. Hier leidet Napoleon noch unter Abstimmungsproblemen. Außerdem kam's vor Schlachtbeginn zu langen Wartezeiten.

Der Balken über den Flaggen zeigt die Moral der Bataillone.
Vergrößern Der Balken über den Flaggen zeigt die Moral der Bataillone.

Mehrspieler 2: Die Rundenkampagnen

In Napoleon erfüllt Creative Assembly einen langjährigen Wunsch der Total War-Fans: Endlich gibt's einen richtigen Multiplayer-Modus für die Rundenkampagne! Beziehungsweise die Kampagnen, denn jeder Feldzug von Napoleon lässt sich mit zwei Spielern im Netzwerk oder Internet bestreiten.

In Ägypten etwa übernimmt ein Spieler die Franzosen und der andere die (im Solomodus nicht spielbaren) Osmanen. Die Teilnehmer ziehen abwechselnd. Während Ihr Gegner dran ist, dürfen Sie zwar keine Truppen bewegen, aber Ihre Städte verwalten und Bauaufträge erteilen. Das macht die Warterei weniger nervig, zumal Sie zusätzlich die Zugzeit begrenzen können. Außerdem lässt sich das Spiel jederzeit speichern und später fortführen. Gemeinsame Schlachten schlagen Sie in Echtzeit, alternativ lassen Sie sie auswürfeln (mit teils unsinnigen Ergebnissen). Gefechte gegen Computerfeinde werden berechnet -- es sei denn, der andere Spieler möchte die Armee des KI-Gegners übernehmen. Insgesamt hat uns der Mehrspieler-Modus gut gefallen, vor allem in der großen Europa-Kampagne. Allerdings litten die Partien teils unter starken Verzögerungen (»Lags«). Auch die Ladezeiten dürften kürzer sein. Sei's drum, da können wir wenigstens mal in Ruhe ein Croissant schnabulieren.

In der Wüste erleidet Napoleons Armee permanent Verluste. Um das zu verhindern, werben wir einheimische Söldner an.
Vergrößern In der Wüste erleidet Napoleons Armee permanent Verluste. Um das zu verhindern, werben wir einheimische Söldner an.

Fazit von Michael Graf

Napoleon: Total War ist der beste Strategietitel im Napoleonischen Krieg, den ich bislang gespielt habe. Das liegt vor allem daran, dass das Total-War-Prinzip nach wie vor funktioniert: Die Reichsverwaltung ist gewohnt vielschichtig (zumindest in der Europa-Kampagne), die Schlachten verbinden Staungrafik mit Taktiktiefe. Trotzdem wäre mehr drin gewesen, zum Beispiel ein großer Feldzug statt überflüssiger Mini-Kampagnen. Außerdem stört mich, dass Empire nicht von den gelungenen Neuerungen profitiert. Sei's drum, wer Total War mag, kann für faire 40 Euro zugreifen. Zumal Creative Assembly mit dem Mehrspieler-Modus endlich einen alten Fan-Traum erfüllt.

Steckbrief: Napoleon: Total War

Hersteller: Feral Interactive, Creative Assembly

Preis: 26,99 Euro (Mac App Store)

Altersfreigabe: freigegeben ab 12 Jahren

Note: 2,0 gut

Grafik (25%): 1,9

Sound (25%): 2,0

Umfang (25%): 2,2

Bedienung (25%): 1,9

Vorzüge: detaillierte Einheiten, vielfältige Animationen, nach wie vor packender Mix aus Reichsverwaltung und Bombastschlachten, bislang beste Umsetzung der napoleonischen Kriege

Nachteile: umständliche Echtzeit-Kamera, kein weltweiter Feldzug, Italien und Ägypten zu kurz und zu simpel

Alternative: Empire: Total War, Rome: Total War

Anforderungen: Mac OS X 10.7.5, 2 GHz Intel-CPU, 4 GB RAM, 30 GB HDD, 256MB Grafikkarte

Bezugsquellen: Mac App Store

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