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Retro-Games mit OpenEmu auf dem Mac

24.10.2016 | 12:22 Uhr |

Wer erinnert sich nicht gern an die goldenen Zeiten der Videospiele in den 80er und 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts? Mit dem Mac-Tool OpenEmu erwecken Sie jetzt Super Mario, Sonic, Bonk und Wonder Boy wieder zum Leben – ganz bequem auf Ihrem Mac.

Bei vielen der heute 30- bis 50-jährigen war der erste Computer kein PC, kein Mac und auch kein C64, sondern eine Spielekonsole , damals noch „Videospielsystem“ genannt. Egal ob sie NES, Super-NES, Master-System oder Mega-Drive hieß oder als „Mobilversion“ mit mindestens vier AA-Batterien als Gameboy, Atari Lynx oder Sega Game Gear in der Schublade lag: Die Helden jener Zeit waren Super Mario, Sonic, Wonder Boy und Bonk und hatten alle eine Mission, die in der Regel mit der Befreiung flauschiger Lebewesen oder einer Prinzessin zu tun hatte. Wenn das Taschengeld reichte, kamen als Steckmodule direkt aus den Elektroabteilungen der Warenhäuser ins heimische Wohnzimmer. Kostenpunkt: Rund 50 bis 130 DM, je nach System.

Von App Stores sprach damals noch niemand und Videospiele höchster Qualität für drei Euro auf einem der raren mobilen Telefone? Im Leben nicht. Die hohen Preise und die schlechte Verfügbarkeit sorgten für die nötige Knappheit, um die Spiele wertzuschätzen, so prägten sich Videospieltitel und Details, jeder Trick und Cheat, ins Gedächtnis der in den 80ern und 90ern Aufgewachsenen ein. Das schaffen Spiele heute nicht mehr.

Diese goldenen Zeiten kann man jetzt auf dem Mac wieder aufleben lassen: Mit dem kostenlosen Tool OpenEmu für macOS , kürzlich in der aktualisierten und erweiterten Version 2.0.3 herausgekommen, können Sie die Spielekonsolen der goldenen Zeiten wieder zum Leben erwecken – kostenlos und, wenn man ein paar Euro in USB-Zubehör investiert, auch mit dem authentischem Spielerlebnis.


Es gibt wohl niemanden, der keine gute Zeit mit einem Gameboy oder einer anderen Konsole dieser Zeit hatte
Vergrößern Es gibt wohl niemanden, der keine gute Zeit mit einem Gameboy oder einer anderen Konsole dieser Zeit hatte
© JCD1981NL

Die Emulation macht’s möglich

OpenEmu ist ein Konsolen-Emulator für klassische Gaming-Systeme wie NES, SNES, Gameboy und das entsprechende Produktportfolio von Sega und Atari, der selbst in Europa wenig bekannte  Exoten wie das NeoGeo Pocket oder die PC-Engine/Turbografx nachbilden kann. Emulation, das heißt, die Software ermöglicht die Ausführung der Software jener Zeit, indem sie die gesamte Hardware samt Prozessor, Schnittstellen und Zubehör „im Fenster“ per Software reproduziert. Anders als bei den unter macOS beliebten Windows-Virtualisierungen wie Parallels Desktop oder das kostenlose VirtualBox können per Emulator auch völlig fremde Rechnerarchitekturen ihren Weg auf einen Mac finden. Das erfordert natürlich ordentlich Rechenleistung – weshalb Emulationen technisch wesentlich aufwändiger sind als die Virtualisierungen, bei denen Prozessor und Hardware-Schnittstellen einfach an die sogenannten virtuellen Maschinen „durchgereicht“ werden.

Exotische Hardware ist inzwischen nur noch schwer zu finden. Diese Pistole funktioniert aber ohnehin nur an Röhrenmonitoren
Vergrößern Exotische Hardware ist inzwischen nur noch schwer zu finden. Diese Pistole funktioniert aber ohnehin nur an Röhrenmonitoren
© Fotolia.de, Exklusivité

Erstaunlich robuste Hardware wird langsam selten

Für alle, die sich für Retrogaming interessieren, sind Emulatoren das Mittel der Wahl, um klassische Spiele auf aktueller Hardware ans Laufen zu bringen – und das ist auch dringend nötig: Die klassischen Konsolen jener Zeit werden allmählich selten, auch wenn sie erstaunlich robust waren und zum Teil nach fast 30 Jahren immer noch funktionieren. Für seltene Spiele werden längst Sammlerpreise bezahlt. Ein noch größeres Problem als die Konsolen und Games selbst sind allerdings Controller und aktuelle TV-Geräte: Während die Controller durch den zum Teil heftigen Gebrauch bei manchen Systemen wie dem Nintendo 64 inzwischen fast teurer sind als die Konsole, schieben moderne TV-Geräte den 8- und 16-Bit-Klassikern endgültig den Riegel vor: Die riesigen modernen LED-TVs mit ihren Bildverbesserungsroutinen und ihrer hervorragenden Wiedergabequalität sind schlicht nicht mehr für die alten Konsolen geeignet: Pixel erscheinen auf 40-Zoll-Monitoren riesig, aus Gaming-Klassikern wie Super Mario Kart, deren Auflösung gerade einmal 256 x 239 Pixel betrug und deren flackernde Hintergründe für Röhrenbildschirme mit 50 (PAL) oder 60 Hertz (NTSC) erdacht wurden, wirken die alten Spiele wie Pixelmatsch. Falls sie sich überhaupt noch an moderne TV-Geräte anschließen lassen.

Der Bestand an klassischer Konsolenhardware wird langsam kleiner – und die Geräte teurer.
Vergrößern Der Bestand an klassischer Konsolenhardware wird langsam kleiner – und die Geräte teurer.
© JCD1981NL

Nur illegal zurück in die goldenen Gaming-Zeiten?

All diese Faktoren sorgen dafür, dass Emulatoren wie OpenEmu heutzutage grundsätzlich die sinnvollere Möglichkeit sind, um alte Spiele wieder zum Leben zu erwecken. OpenEmu setzt dabei auf viele verschiedene Emulatoren, die das Programm unter einer gemeinsamen Oberfläche zusammenführt. Obwohl OpenEmu einheitlich aussieht, arbeiten abhängig vom Videospiel-System im Hintergrund verschiedene Emulatoren für die Einzelsysteme, darunter Klassiker der Open-Source-Szene wie Nestopia (NES), SNES9x (SNES), Genesis Plus GX (Mega Drive) und viele andere. Davon merkt der Nutzer allerdings nichts: Nach der Installation durch simples Verschieben in den Programme-Ordner ist OpenEmu einsatzbereit.

Alles, was Sie dann noch brauchen, sind ein oder mehrere Spielecontroller sowie die Spiele. Während sich Controller leicht beschaffen lassen – jedes USB- oder Bluetooth-Gamepad erfüllt hier seinen Zweck – stellt die Beschaffung der Spiele Emulatoren-Anwender vor ein gewisses juristisches Dilemma. Zwar lassen sich Spieleabbilder, sogenannte ROMs, für Vintage-Konsolen durch einfaches Googeln auf zahlreichen Seiten im Netz kostenlos herunterladen. Rechtlich gesehen handelt es sich allerdings um Raubkopien – da ändert auch der Besitz des Originalmoduls nicht dran, die Situation ist vergleichbar mit Büchern oder DVDs: Wer gedruckte und gepresste Medien besitzt, darf deshalb noch lange nicht eBook- und Streaming-Versionen der Medien laden.

Nintendo selbst hat zu der Thematik eine Seite ins Leben gerufen , auf der der Hersteller ROMs aus dem Netz für illegal erklärt und auch Emulatoren verurteilt. Nach US-Copyright werden Medien – also auch Spiele – erst 75 Jahre nach der Erstveröffentlichung zu Public Domain, in Deutschland sind es sogar 70 Jahre nach dem Tod des letzten Mitautors. Juristisch handelt es sich bei Videospielen um „hybride“ Werke, die neben Computerprogrammen auch Musik-, Film-, Bild- und Sprachaufnahmen enthalten. Deren einzelne Schutzrechte sind unterschiedlich , das Gesamtpaket allerdings dürfte die Voraussetzungen für die 70-jährige Schutzdauer erfüllen. Urteile dazu gibt es allerdings bislang wenige – auch weil die Hersteller der Retro-Games und der alten Konsolen die Urheberrechtsvergehen selten bis gar nicht verfolgen. Selbst Nintendo schreibt: „Es macht geschäftlich keinen Sinn.“ Der Games-Anwalt Henry Krasemann erklärt auf Youtube genau, wie die rechtliche Situation in Deutschland ausschaut. Essenz: Nur weil Konsole und Spiele nicht mehr erhältlich sind, heißt es nicht, dass man die ROMs herunterladen darf. „Der Spieler vervielfältigt die ROMs durch den Download. Liegt keine Zustimmung der Rechteinhaber vor, handelt er in jedem Fall rechtswidrig“, sagt auch unser Experte Konstantin Ewald. Eine Verfolgung allerdings ist unwahrscheinlich, das Bereitstellen und Verbreiten allerdings könnte Sie in Teufels Küche bringen.


Zwar gibt es ROM-Downloadseiten wie Sand am Meer im Netz. Legal ist der Download aber in aller Regel nicht und kann schlimmstenfalls Strafverfolgung nach sich ziehen.
Vergrößern Zwar gibt es ROM-Downloadseiten wie Sand am Meer im Netz. Legal ist der Download aber in aller Regel nicht und kann schlimmstenfalls Strafverfolgung nach sich ziehen.

OpenEmu in Betrieb nehmen

Doch genug der Juristerei, schließlich wollen wir hier Spieleklassiker wieder in Betrieb nehmen. Wer auf Nummer sicher gehen will, kann sich in Sachen ROMs bei der florierenden Homebrew-Szene bedienen: Diese sogenannten Public Domain ROMs sind nach deutschem Recht legal, da sie keinen fremden, vorm Urheberrecht geschützten Programmcode verwenden. Nach der Installation des Emulators und dem Download der ROM-Datei muss diese nur noch in OpenEmu hineingezogen werden. Das Programm erkennt automatisch, um was für ein System es sich handelt und ordnet die Spieledatei dem entsprechenden Emulator im System zu. Diesen müssen Sie dann nur noch aus der Liste links auswählen und das Spiel per Doppelklick starten, schon läuft das alte Spiel. Natürlich gibt es noch reihenweise Möglichkeiten, das Retrogaming-Erlebnis zu optimieren.

Der Start der Games erfolgt per Doppelklick. Zusätzliche Optionen erhält man über die Menüzeile, die erscheint, wenn man das Emulatorfenster mit dem Mauszeiger berührt
Vergrößern Der Start der Games erfolgt per Doppelklick. Zusätzliche Optionen erhält man über die Menüzeile, die erscheint, wenn man das Emulatorfenster mit dem Mauszeiger berührt

Mehr Spaß mit Retro-Controllern

Eine davon sind Retro-Controller, die denen der Originalkonsole täuschend ähnlich sehen und funktional identisch sind. Einziger Unterschied: Statt mit dem proprietären Anschluss des klassischen Videogame-Systems sind diese Controller mit einem USB-Kabel versehen, womit sie sich an jedem beliebigen Mac (oder PC) verwenden lassen. Solche Controller sind leicht und vor allem außerordentlich preiswert als China-Ware bei Ebay zu bekommen: Man muss einfach nur nach „(Videospielsystem) Controller USB“ suchen, schon findet man reihenweise Angebote von chinesischen Herstellern, die die Controller für ausgesprochen kleines Geld nach Europa versenden.

Wichtig: Es kann passieren, dass selbst niedrigpreisiges USB-Zubehör dieser Art beim Zoll hängen bleibt. In solchen Fällen muss man vom Verkäufer eine Rechnung ordern und hat natürlich den Ärger, die Geräte beim Zoll abzuholen. Kleine Bestellungen gehen aber in aller Regel durch und werden binnen zwei bis drei Wochen zugestellt. Wem das zu aufwändig ist, der kann natürlich auch bei Amazon nach entsprechenden Controllern suchen – auch hier gibt es authentische Ware, der Unterschied zu Ebay ist allerdings, dass ein Reseller bereits den Import in die EU durchgeführt hat, was sich im Preis niederschlägt. Natürlich sind die China-Controller nicht ganz so hochwertig wie die Originale von Nintendo und Co. – wer die noch besitzt, kann natürlich auch zu einem USB-Adapter greifen, der die alten Gamepads ohne große Umwege mit dem Mac oder PC verbindet, zum Beispiel für NES und Super-NES . Aber natürlich funktionieren auch alle anderen USB- und Bluetooth-Gamepads. Diese werden in der Regel unter macOS ohne weitere Treiber erkannt und können in OpenEmu verwendet werden. 


Authentische Controller für den USB-Port sind für kleines Geld bei Ebay und Amazon zu haben
Vergrößern Authentische Controller für den USB-Port sind für kleines Geld bei Ebay und Amazon zu haben

Controller einrichten und zocken

Wenn das Gamepad-Problem gelöst ist, kann im laufenden Spiel die Einrichtung des Controllers aufgerufen werden. OpenEmu blendet dafür, wenn die Maus ins Spielefenster geführt wird, eine Leiste im Spiel ein, mit der sich nicht nur die emulierte Konsole Ein- und Ausschalten lässt, sondern mit deren Hilfe sich auch durch Klick auf das kleine Zahnrad die „Steuerung bearbeiten“ lässt. Auf diese Weise lässt sich das Controller-Menü aufrufen: Die Tastenbelegung muss jetzt nur noch auf das angeschlossene Gamepad angewendet werden, was intuitiv und kinderleicht erfolgt. Anschließend ist das Spiel endlich mit 100 Prozent Retrogaming-Feeling einsatzbereit. Übrigens können je nach System bis zu acht Spieler und Gamepads eingerichtet werden, was den Spaß natürlich deutlich erhöht und zum Beispiel auch einem alten Mac im Wohnzimmer ein neues, partytaugliches Leben schenken kann . Übrigens: Über die Menüzeile im Spiel ermöglicht OpenEmu das Speichern von beliebigen Spielständen – ein großer Vorteil gegenüber vielen klassischen Originalkonsolen, da diese, wenn überhaupt, nur die Speicherung an bestimmten Stellen zuließen. Und selbst wenn, sind auf den Modulen in vielen Fällen die kleinen Knopfbatterien, die für die Speicherung zuständig sind, längst leer – der Komfort ist also deutlich höher als beim Zocken mit einer echten Konsole.

Die Einstellung des Controllers ist mit OpenEmu ein Kinderspiel und funktioniert mit jedem USB-Gamepad am Mac
Vergrößern Die Einstellung des Controllers ist mit OpenEmu ein Kinderspiel und funktioniert mit jedem USB-Gamepad am Mac

Darstellung optimieren

Für die alten 8- und 16-Bit-Konsolen reicht die Rechenleistung eines Macs – auch eines älteren – in der Regel voll und ganz aus. Trotzdem kann es vorkommen, dass hier und da einige Optimierungen vorgenommen werden müssen. Dazu bietet OpenEmu über die im Spiel eingeblendete Menüleiste Optionen, die abhängig vom jeweils im Hintergrund arbeitenden Emulator sind. Im Fall des Super-Nintendo-Emulator lassen sich zum Beispiel verschiedene „Kerne“ – in dem Fall Emulatoren – auswählen, falls das ein oder andere Spiel mit dem voreingestellten Emulator nicht oder nur unzureichend arbeitet. Zudem gibt es je nach Konsole auch noch die Möglichkeit, verschiedene Filter einrechnen zu lassen, die das Aussehen und die Grafikqualität an das persönliche Seherlebnis anpassen: Im Fall des SNES-Emulators gibt es zum Beispiel den Filter „Beam4“, der das Bild wie auf einem alten, gewölbten Röhrenfernseher wiedergibt. Oder den Filter „SABR“, der Pixel glättet und damit einen „modernen“ HD-Look in die Spiele bringt. Hier ist viel Spielraum für den persönlichen Geschmack – am besten probieren Sie einfach die verschiedenen Filter durch, um herauszufinden.

Mit verschiedenen Filtern kann das Retro-Gefühl...
Vergrößern Mit verschiedenen Filtern kann das Retro-Gefühl...
... noch einmal intensiviert werden.
Vergrößern ... noch einmal intensiviert werden.

Fazit: Retrogaming-Spaß mit juristischem Geschmäckle

Mit OpenEmu holen Sie die Welt der 8- und 16-Bit-Konsolen ganz bequem auf ihren Mac: Die Installation und der Start der Spiele ist ein Kinderspiel, auch ROMs gibt es überall im Netz. Leider ist die juristische Situation dieser alten Spiele nach wie vor kritisch, auch wenn die Verfolgung in der Regel ausbleibt. Es wäre wünschenswert, wenn die Rechteinhaber ihre alten, längst nicht mehr vertriebenen Titel offiziell als ROMs zum Download anbieten würden, notfalls auch über einen kostenpflichtigen ROM-Store oder ähnliches, um Retrogaming offiziell zu ermöglichen und gleichzeitig ein paar Euro zu verdienen. Alternativ könnten sie auch selbst die ROMs zum Download anbieten. Mit gutem Beispiel geht hier zum Beispiel Factor5 voran: Der Spielehersteller, der seinerzeit vor allem auf dem Amiga-Heimcomputersystem aktiv war und Klassiker wie Turrican schuf, bietet seit geraumer Zeit eine Reihe seiner Klassiker für Amiga-Emulatoren an – es wäre schön, wenn Nintendo, Konami und Co. diesem Beispiel mit ROMs folgen würden.

Factor5 bietet einige seiner Amiga-Klassiker gratis zum Download an.
Vergrößern Factor5 bietet einige seiner Amiga-Klassiker gratis zum Download an.
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