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Test Waldorf Largo

23.07.2009 | 19:06 Uhr |

Mit dem Largo bringt der deutsche Synthesizer-Hersteller Waldorf einen eigenständigen Software-Synthesizer für Mac-OS auf den Markt. Klangfreunde wird’s freuen.

Für Kenner hat der Name Waldorf einen besonderen Klang: Microwave, Wave, Q oder der neue Blofeld stehen für eine Gattung elektronischer Musikinstrumente, die sich im weiten Feld moderner und experimenteller Klangerzeugung seit Jahren mit großem Erfolg und Kultstatus bewegen. Umso schöner ist es, dass zum Bruchteil des Anschaffungspreises großer Kisten mit dem Largo nun ein echter und vollwertiger Software-Synthesizer auf den Markt kommt, der viel verspricht und - das sei schon verraten - auch fast alles davon hält.

Konzept

Der Largo bezieht seinen Klang aus insgesamt drei Oszillatoren, von denen zwei mit einem Suboszillator ausgestattet sind, die für zusätzliches Klangvolumen sorgen. Oszillator Eins und Zwei bieten jeweils 72 unterschiedliche Wellenformen, darunter traditionelle wie Sinus, Sägezahn, oder Dreieck, aber auch Wavetables mit komplexeren Verläufen, die Waldorf unter anderem aus seinen Hardware-Modellen Blofeld und Q entliehen hat.

Hinter den drei Oszillatoren liegen zwei sehr variable Filter, die parallel und in Reihe geschaltet werden können. Zehn verschiedene Filtertypen sorgen hier für vielfältige Klangformungen, die sich durch das stufenlose Hinzumischen von "Drive" genannten Verzerrungen zusätzlich variieren lassen. Für die Klangqualität des Largo sind vor allem diese hervorragenden Filter verantwortlich, die seit vielen Jahren zum guten Ruf aller Waldorf-Produkte entscheidend beigetragen haben.

Für die Regelung des Klangverlaufs stehen insgesamt vier Hüllkurven zur Verfügung, von denen eine für die Amplitude und eine für den Filter fest verdrahtet sind, während zwei Envelopes frei geschaltet werden können. Drei LFOs zur vielfältigen Klangmodulation, ein Arpeggiator sowie zwei Effektsektionen mit Chorus, Flanger, Phaser, Overdrive, Delay und Reverb runden das Angebot deutlich nach oben ab.

Herausragend ist die Matrix-Sektion. Insgesamt 16 Mal lassen sich hier Modulationsquellen und -ziele miteinander verbinden. So können die Oszillatoren nicht nur sich gegenseitig, sondern auch sich selbst modulieren, den Filterverlauf steuern (und umgekehrt) und vieles andere mehr. Zusammen mit externen Modulationsquellen wie Effektpedal, Pitchbend oder Aftertouch sind diese flexiblen Klangbeeinflussungsmöglichkeiten eine der großen Stärken des Largo, weil sie die Ausdrucksmöglichkeiten und die Anzahl möglicher Variationen der Klänge deutlich erweitern.

Bedienung

Trotz dieser Funktionsvielfalt lässt sich der Largo fast intuitiv und ohne Handbuch bedienen. Die einzelnen Sektionen sind sehr übersichtlich, Module wie die LFOs, die Effekte oder die Matrix lassen sich erst bei Bedarf zuschalten und trüben den übersichtlichen Gesamteindruck daher nicht. Beim Gestalten der Oberfläche haben die Programmierer des Largo eine hervorragende Arbeit geleistet, weil man aller Komplexität zum Trotz nie das Gefühl hat, die Übersicht zu verlieren. Vorbildlich!

Das Regeln der Einstellungen mit der Maus ist grundsätzlich gut gelöst. Besonders hervorzuheben ist, dass sich die Hüllkurven und Filterverläufe auf diese Weise sehr intuitiv verändern lassen. Allerdings gibt sich genau dieses Bedienkonzept bei manchen Parametern auch sehr fummelig, was dadurch noch erschwert wird, dass nicht durchgehend die Möglichkeit besteht, Werte alternativ über die Tastatur zu ändern. Ein zweiter Minuspunkt: Der Largo bietet keine MIDI-Learn-Funktion, die das Steuern des Synthesizers über externe MIDI-Controller deutlich erleichtern würde. Dieses Fehlen wird aber ein wenig dadurch kompensiert, dass der Largo im ansonsten schmalen Display die jeweils aktive Controller-Nummer verrät, und damit das Fernsteuern der Funktionen dann doch relativ leicht erlaubt.

Ebenfalls Abzüge in der B-Note gibt es, weil die Auswahl der Presets unter dem Host Garageband etwas umständlich ausfällt: Ein Weiterschalten per Pfeiltasten funktioniert nicht. Zudem steht die Auswahl immer auf "Manuell", sobald eine Änderung an den Reglern stattgefunden hat, so dass man mitunter nur mühsam zum Originalklang zurückkommt.

Wer glaubt, solche Kritik sei kleinkariert, hat Recht: Diese Kleinigkeiten trüben nämlich das ansonsten große Gesamtvergnügen allenfalls marginal.

Klang

Machen wir es kurz: Der Largo ist schlicht das neue Referenz-Produkt seiner Klasse. Kein virtueller Synthesizer klingt wie er: druckvoll und fett in den Bässen, brillant und rein in den Höhen, dabei nie breiig oder matschig in der Summe. Und diese hervorragende Klangqualität erreicht der Largo schon mit den Bordmitteln des Macs, ohne dass dabei selbst bescheiden ausgestattete Hardware ihre Grenzen auch nur annähernd erreichen würde. Auch damit verdienen sich die Entwickler ein großes Lob.

Dass der Largo mit seinen klanglichen Fähigkeiten nicht einfach ein weiterer Analogsynthesizer ist, kann man schon an kryptischen Klangnamen wie "Cremetorte", "Spartacus" oder "Asphalt" ablesen. Die deuten weniger auf klassische Analogklänge und Imitationen von Instrumenten hin, als auf die Fähigkeit des Instruments, ungewöhnliche Klänge hervorzubringen, die zum Experimentieren einladen und manchmal auch vom Zuhörer einige Geduld verlangen.

Aber das Ausharren lohnt sich: Durch die komplexen Wellenformen mit den vielseitigen Modulationsmöglichkeiten zeigt der einzelne Largo-Sound oft erst nach längerer Wartezeit, was in ihm steckt. Glücklicherweise kann man sich diese Wartezeit mit ein wenig Fingerfertigkeit an den Modulationsrädern verkürzen, die oft einen großen Beitrag dazu leisten, dass mitunter schon ein einziger Ton für abwechslungsreiche Klangerfahrungen taugt.

Empfehlung

Für Freunde variabler Analogsynthesizer ist der Largo mehr als eine Empfehlung, eher schon ein "must have", zumal der Preis von knapp 200 Euro bei vorhandener Hardware jedem Vergleich mit echten Synthesizern spielend standhält. Dafür sorgen die extraordinären Klangbausteine, die hervorragenden Filter sowie die reichhaltigen Modulationsmöglichkeiten des Geräts. Und das ganze präsentiert sich auf einer Oberfläche, die sehr viel Übersichtlichkeit bietet und damit weitgehend intuitives Bedienen erlaubt. Auch das ist beileibe keine Selbstverständlichkeit. Insgesamt taugt das Gerät für experimentelle Klangabenteuer sehr viel besser, als für traditionelle Aufgaben analoger Synthesizer. Allerdings fehlen für völlige Experimentierfreiheit frei programmierbare Skalen sowie die Möglichkeit, den Klangvorrat um eigene Wellenformen zu ergänzen.

Thomas Pelkmann

Feedback: christian.moeller@macwelt.de

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