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Test Systemkamera: Ricoh GXR

31.12.2009 | 07:39 Uhr |

Ricoh geht mit dem modularen Kamerasystem GXR eigene Wege. Macwelt zeigt Vor- und Nachteilen der Ricoh-Lösung in Labor und Praxis auf.

Die Digitalkamerawelt hatte sich bislang in zwei Fraktionen aufgeteilt: Kameras mit Wechselobjektiven gehorchen gleichzeitig dem Spiegelreflex-Prinzip und sind als DSLRs bekannt. Digitalkameras mit fest verbauten Objektiven hingegen kennt man als Kompakt- und Bridgekameras. Olympus und Panasonic stellten dem erst in letzter Zeit ihre Systemkameras mit Wechselobjektiven, aber ohne Spiegelreflex-Prinzip gegenüber. Ricoh führt nun mit der GXR eine weitere Bauart ein. Beim GXR-System ist die Digitalkamera in ein Gehäuse und in ein Modul zweigeteilt, wobei das Modul sich in der Hauptsache aus einem Objektiv, einem Bildsensor und einem Bildprozessor zusammensetzt. Ein solches Modul kann einfach an das Gehäuse angedockt und bei Bedarf gegen eine andere Sensor-Optik-Kombination getauscht werden. Die Vorteile: Ein solches System kann sehr kompakt gestaltet werden, lassen sich doch Sensor und Objektiv maßgeschneidert und ohne Bajonett und zusätzliches Auflagemaß kombinieren. Lästige Staubprobleme wie bei DSLRs können bei den Sensor/Optik-Modulen nicht auftreten. Schließlich können zumindest die Sensor/Optik-Module mit der technischen Entwicklung Schritt halten - und neue Sensorgenerationen in Form neuer Optik/Sensor-Module in das System integriert werden. Der große Nachteil: Diese Modularität hat zusätzlich je Objektiv Mehrkosten des jeweils verwendeten Sensors und Bildprozessors, während herkömmliche Systeme mit Wechselobjektiven mit einem einzigen Bildprozessor und Sensor auskommen.

Module im Test

Das Gehäuse selber hat bei der Ricoh GXR ein hochauflösendes und gut darstellendes 3-Zoll-Display, dient der Bedienung des Kamerasystems und nimmt ständig notwendige Bauteile wie den Akku und den Speicherschacht für SD-Karten auf. Außerdem beschäftigt das GXR-Gehäuse einen eigenen Prozessor. Die Bedienelemente müssen sich auf alle verfügbaren und zukünftigen Sensor/Optik-Module abstimmen lassen, weshalb das GXR-Gehäuse nur eine "Grundausstattung" aufweist und beispielsweise keinen expliziten Modus für Video auf dem Wahlrad zeigt. Das LCD-Hauptmenü und drei Wahlrad-Modi für eigene Funktionen dürften jedoch auch besondere Funktionen kommender Sensor/Objektiv-Modulen steuern lassen.

Bereits lieferfähig sind momentan ein Festbrennweiten-Modul und ein Standard-Dreifachzoom-Modul, die beide der Macwelt auch zum Testen vorliegen. Das Dreifach-Zoom-Modul S10 beschäftigt einen CCD-Sensor mit zehn Megapixel in kompakter Baugröße von 1/1,7 Zoll. Der Brennweitenbereich umfasst 24 bis 72 mm analog Kleinbild, also von einem ordentlichen Weitwinkel bis zum leichten Tele. Im Modul intergriert ist eine Vibrationsreduktion, die vom Gehäusemodul aus über das Display-Menü aktiviert wird. Das zweite verfügbare Modul, eine 50mm-Festbrennweite, fällt auch wegen Verwendung eines größeren APS/C-CMOS-Sensors mit 12,3 MP bereits deutlich weniger kompakt aus als das Zoom-Modul.

Beide Module erlauben maximal 3200 ISO Empfindlichkeit. JPEG-Aufnahmen mit integrierter Rauschunterdrückung halten wir bei beiden Modulen noch bis 800 ISO vertretbar, ab dieser Stufe sind Rauschreduzierungsweichzeichnung und Rauschartefakte zu störend. Die mit dem Zoom-Modul erreichbare Auflösungsleistung sollte mit der von Kompaktkameras gleicher Sensorgröße vergleichbar sein. Unsere DC-Tau-Testmessungen zeigen hier einen Gesamt-Wirkungsgrad von 70 Prozent, ein guter Wert. Gute Auflösung braucht scharfe Bilder, aber in der Praxis müssen wir und mit einem oft unschlüssigen Autofokus herumplagen, auch bei der Festbrennweite. Bei manchen Motiven, die andere Autofokus-Systeme sicher bewältigen, fällt so mancher Schnappschuß ins Wasser. Von diesem großen Manko abgesehen, hinterlässt die GXR einen insgesamt durchschnittlichen Eindruck. Der erkannte Motivkontrast ist mit 8,7 Blendenstufen noch gut, die Ergebnisse leiden aber an der unterdurchschnittlichen Ausgangsdynamik von 243 Helligkeitsstufen (beides für ISO 100, gemessen mit dem Modul S10). Mit dem voreingestellten Standard-Bildstil unternimmt Ricoh keinen Versuch, an den Farben zu schönen. Die Sättigungen fallen dementsprechend zurückhaltend aus. Das Potential zeigt sich erst mit anderen angebotenen JPEG-Bildstilen oder indem man Raw-Aufnahmen macht, die die GXR im DNG-Format speichert: Jede Standard-Interpretation eines Raw-Konverters fällt farbenfroher aus als der GXR-JPEG-Standard. Das lässt sich schnell überprüfen, denn zusätzlich zu jeder Raw-Aufnahme speichert die GXR eine JPEG-Variante - was sich übrigens nicht deaktivieren lässt und für fortgeschrittene Raw-Fotografen eine pure Verschwendung des Speicherkartenplatzes darstellt. Beispielbilder können Sie hier laden .

Empfehlung

Das modulare Konzept der Ricoh GXR soll durch eine genaue Abstimmung von Optik und Sensor überzeugen. Genau das kann das GXR-System mit den zwei bislang verfügbaren Objektiv/Sensor-Modulen noch nicht einlösen. Zusätzliche Patzer wie der manchmal hilflose Autofokus trüben das Bild weiter. Die erzielbare Bildqualität erfüllt auch eine Einsteiger-DSLR mit Kit-Objektiv und zusätzlicher Festbrennweite bei niedrigerem Gesamtpreis ohne Mühen. Mit den jetzt verfügbaren Objektiv/Sensor-Modulen können wir Ricohs GXR-System nicht empfehlen.

Mike Schelhorn

markus.schelhorn@macwelt.de

Das GXR-Gehäuse und die zwei Module für 10-MP-Sensor und 50mm-Festbrennweite (Mitte) beziehungsweise 12,3-MP-Sensor und 24-72mm-Zoom (rechts).
Vergrößern Das GXR-Gehäuse und die zwei Module für 10-MP-Sensor und 50mm-Festbrennweite (Mitte) beziehungsweise 12,3-MP-Sensor und 24-72mm-Zoom (rechts).
© Ricoh
Die Ricoh GXR mit angeschlossenem 24-72mm-Zoomobjektivmodul, das auch einen 1/1,7-Zoll-CCD-Sensor beinhaltet.
Vergrößern Die Ricoh GXR mit angeschlossenem 24-72mm-Zoomobjektivmodul, das auch einen 1/1,7-Zoll-CCD-Sensor beinhaltet.
© Ricoh
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