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Test: Dragon 5 flotter auf dem Mac als zuvor

07.01.2016 | 14:05 Uhr |

Noch fehlt Siri auf dem Mac, doch die Technologie von Nuance, zeigt, was mit Spracherkennung und -steuerung alles möglich ist.

Nach wie vor bietet Nuance mit ”Dragon”, wie es in der neuesten Version schlicht heißt, die einzige professionelle Spracherkennung für den Mac. Denn was Apple mit der eingebauten Diktiermöglichkeit und Sprachsteuerung vorhält, ist zwar praktisch zum flotten Diktieren für kürzere Mails oder Notizen, aber neue Wörter lassen sich nicht hinzufügen, und als fehlerhaft erkannte nicht trainieren. Das aber geht mit Dragon 5 genauso wie mit den Vorgängern. Sehr empfehlenswert ist nach wie vor die Analyse von vorhandenen Dokumenten auf den eigenen Wortschatz hin, das erspart eine Menge an Korrekturen und des Hinzufügens neuer Wörter während der Arbeit mit dem Programm. Was damit genau gemeint ist, können Sie in einem früheren Test der Nuance-Spracherkennung auf Macwelt.de hier lesen .

Dragon 5: Schlanker und performanter

Zunächst fällt auf, dass Dragon 5 deutlich ”schlanker” ist als die Vorgänger. So gibt es statt eines kompletten Programmmenüs nur noch ein sogenanntes Menulet in der Systemleiste, in dem alle wichtigen Funktionen und Voreinstellungsmöglichkeiten (Präferenzen) enthalten sind. Schlanker auch insofern, als das Diktieren spürbar flotter umgesetzt wird als man es vorher kannte, und das auch viel präziser. Insofern stimmen die Werbeversprechen von Nuance. Dagegen startet das Programm inklusive des Vokabulars relativ langsam, auf unserem (allerdings schon fünf Jahre alten) iMac mit i3-Prozessor und 12 GB RAM . Beim Diktieren oder während der Sprachsteuerung selbst macht sich das jedoch nicht bemerkbar. Hier läuft alles flott und oft beeindruckend schnell.

Wurde dennoch einmal ein Wort falsch erkannt, oder man möchte ein neues hinzufügen, funktioniert dies über das Korrekturfenster. Vorher markiert man per Sprache den zu bearbeitenden Begriff oder die gewünschte Wendung. Im Korrekturfenster lässt sich entweder per Stimme ein alternativer Begriff auswählen; findet sich das Richtige nicht, kann man die Spracheingabe an dieser Stelle wiederholen, indem man zuvor spricht: ”Sag das”. Wenn das nichts hilft, gibt man das Kommando: ”Schreib das”, und tippt das betreffende Wort per Tastatur ein. In den allermeisten Fällen merkt sich Dragon 5 das neue Wort dann auch, sonst muss man es eigens trainieren. Leider ist das Korrekturfenster recht klein geraten, es lässt sich in der Größe nicht verändern. Das ist gerade für Menschen, die auf Bedienungshilfen angewiesen sind, ein Manko, stört aber auch als ”Normaluser”. Außerdem werden nicht immer genügend eigentlich naheliegende Alternativen zur Auswahl vorgeschlagen, oft nicht mal solche, die man bereits eingeübt hat, Beispiel: ”Cloud” wird – selbst bei betont ”weicher” Aussprache – immer wieder gern als ”klaut” erkannt, im Korrekturfenster wird die amerikanische, aber inzwischen im deutschen Sprachgebrauch übliche Variante nicht mal angeboten. Schwach!

Systemweit gültige Sprachbefehle

Beginnt man zudem ein neues oder anderes Wort einzutippen, gibt es dazu leider keine automatischen Ergänzungsvorschläge, wodurch man manchmal viel flotter wäre, besonders bei längeren Wörtern. Doch man gewöhnt sich daran, zumal man das Korrekturfenster deutlich seltener aufrufen muss als früher. Ein weiteres optional verfügbares Fenster ist dasjenige mit den ”Verfügbaren Befehlen”. Hier findet man die Sprachkommandos, die global, also systemweit gültig sind, als auch diejenigen für das aktuelle Programm. Das ist oft eine große Hilfe und funktioniert viel besser als in der Vorgängerversion. Übrigens wurde uns erstaunlicherweise bei der Installation kein Update mit der Übernahme der vorherigen Begriffe vorgeschlagen. Nur die Makros sind weiter vorhanden. Doch aufgrund der deutlich höheren Präzision und der Möglichkeit, vorhandene Dokumente auf den Wortschatz analysieren zu lassen, erscheint dies akzeptabel. Weniger erfreulich dagegen sind gelegentliche, aber dann oft schmerzhafte Abstürze. Denn neu hinzugefügtes oder trainiertes Vokabular wird in einem solchen Fall nicht gesichert. Allzu häufig kommt das jedoch nicht vor, während der Testphase von gut zwei Wochen bei täglichem Gebrauch etwa drei- bis viermal insgesamt. Ansonsten läuft Dragon 5 stabil in den unterschiedlichsten Anwendungen, darunter Microsoft Word, Pages oder Mail. Vor allem in diesem Programm gibt es nur immer wieder die schon vertrauten Probleme mit dem verwirrten Cursor und dem Löschen oder Umstellen ganzer Abschnitte. Sollte es in einer Applikation einmal Probleme geben, lässt sich immerhin der interne Texteditor Dragon Pad aufrufen und die dort diktierten Texte in das jeweilige Programm übertragen.

Im Folgenden noch ein paar Schlaglichter auf spezielle Themen und Funktionen:

Vergleich mit der Windows-Version

Interessant ist es, die neueste Version von Nuances Spracherkennung für den Mac mit derjenigen für Windows-PCs desselben Entwicklers zu vergleichen. Dort ist gerade Nuance Naturally Speaking 13 aktuell. Nach längerer paralleler Erfahrung kann der Autor sagen, dass die Windows-Variante insgesamt besser ins System integriert ist und dort weniger ”Zicken” und Fehler macht. Unabhängig davon würde man sich allerdings wünschen, dass sich Nuance darum bemüht, seine Varianten für die verschiedenen Betriebssysteme einheitlich zu behandeln, was insbesondere Sprachbefehle betrifft. Es ist schwer einzusehen, warum man beim (als ein Beispiel unter vielen) Widerrufen eines Diktats einmal ”Rückgängig” sagt (Windows), dann aber ”Diktat widerrufen” (Mac). Das ist dann recht verwirrend, wenn man auf unterschiedlichen Plattformen unterwegs ist. Und zudem völlig unnötig: Es wäre wohl eine Kleinigkeit für den Entwickler, hier für Kongruenz zu sorgen.


Mobil: Dragon Anywhere

Spannend ist die Integration der neuen mobilen Spracherkennung Dragon Anywhere. Hierfür ist in den Präferenzen von Dragon 5 die Option zur Synchronisierung mit den entsprechenden Sprachdateien in der Nuance-Cloud vorgesehen. Laut Entwickler dient Dragon Anywhere   dazu, Dokumente direkt auf einem iOS- oder Android-Mobilgerät zu diktieren und mit der eigenen Stimme zu bearbeiten. Wie gut das in der Praxis funktioniert und sich synchronisieren lässt, etwa mit neuen Wörtern und Begriffen über die Cloud, erfahren Sie demnächst in einem eigenen Test auf Macwelt.de.


Völlig losgelöst: Diktieren ohne Headset

Unter anderem wirbt Nuance damit, dass man mit der neuen Version sehr gut auch ohne externes Mikrofon oder Headset diktieren könne, indem man unmittelbar das eingebaute Mikro des Macs oder Macbooks nutzt. Auch dies haben wir ausprobiert. Innerhalb desselben Profils – was wichtig ist, um das erlernte Vokabular weiter nutzen zu können – lässt sich statt des bisher eingesetzten Plantronics-Headsets das interne Mikro einrichten. Das dauert eine Weile, aber dann funktioniert es auch auf die Entfernung von etwa einem Meter erstaunlich gut, abhängig natürlich auch von Stimme und Lautstärke des Nutzers – nur bei stärkeren Umgebungsgeräuschen oder schwacher Stimme ist das Headset zu bevorzugen. Jedenfalls ein deutlicher Pluspunkt dafür! Zudem integriert sich Dragon 5, das übrigens von der Produktaktivierung abgesehen auch ohne Internet-Verwendung voll funktionsfähig ist, tief ins System. Dafür spricht, dass es im Fenster zum sofortigen Beenden von Programmen erst gar nicht angezeigt wird – lediglich in der ”Aktivitätsanzeige” ist es zu finden.

Systemvoraussetzungen und Verfügbarkeit

Die aktuelle Version Dragon 5   setzt mindestens OS X 10.9 voraus und läuft problemlos unter OS X 10.11 El Capitan (hier getestet). Die Kosten für eine Neuanschaffung liegen bei 199 Euro, die Wireless-Ausgabe (Headset über Bluetooth) schlägt sogar mit knapp 300 Euro zu Buche. Das Upgrade gibt es für 99 Euro, vorausgesetzt wird die Lizenz für Dragon Dictate 3 oder 4.

Empfehlung


Für professionelle Spracherkennung und Diktate am Mac ist Dragon 5 alternativlos. Damit lässt es sich insgesamt schnell und meistens präzise diktieren, das Vokabular kann bearbeitet und ergänzt werden. Zudem ist mit der Mac wie auch die Maus mit Sprachbefehlen steuerbar. Die Befehle freilich erschließen sich keineswegs immer intuitiv, die Lernkurve dafür ist hoch und leider nicht deckungsgleich mit vielen Windows-Befehlen. Während dieser Kritikpunkt vermutlich nur einen kleinen Nutzerkreis betrifft, ist der Preis für die Mac-Version ziemlich deftig, bedenkt man, dass es das schon sehr komfortable Dragon 13 Home (Windows) bereits für 99 Euro gibt. Auch einige Macken und Ungereimtheiten im Betrieb stören uns. Doch wie gesagt – wer am Mac ”richtig” diktieren will, kommt an Dragon 5 nicht vorbei.

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