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Test Final Cut Express HD

01.05.2005 | 10:00 Uhr |

Das hoch auflösende HDV-Format probiert Apple zunächst in Final Cut Express HD aus, bevor man es den Profi-Anwendern von Final Cut Pro zumutet. Eine durchaus weise Entscheidung, wie unser Test zeigt.

Apple Final Cut Express HD Boxshot
Vergrößern Apple Final Cut Express HD Boxshot

Mehr schlecht als recht könnte die Überschrift dieses Tests lauten, denn was Apple als volle HD-Unterstützung von Final Cut Express anpreist, wirkt mehr wie ein Versuch, ein neues Format editierbar zu machen. Die Rede ist von HDV, einem von Sony und JVC entwickelten Breitbild-Videoformat, das in der Größe von 1920 x 1080 Pixel aufzeichnet und die Daten in einem MPEG-2-Derivat auf günstigen DV-Kassetten speichert. Final Cut Express HD soll dieses Format via Firewire aufzeichnen, schneiden und wieder auf Band, DVD oder für das Web ausgeben. Es funktioniert auch, irgendwie, doch leider nicht so wie erhofft.

Das HDV-MPEG-2 Format gilt bekanntlich als nicht schneidbar, da es ähnlich wie bei DVDs mit so genannten I- und B-Frames arbeitet. Es speichert nur die Bilder am Anfang und am Ende einer Bildgruppe in voller Auflösung (die I-Frames), wobei die Rahmen dazwischen (die B-Frames) nur die Unterschiede zwischen den korrespondierenden I-Frames aufweisen. Möchte man bildgenau schneiden, erwischt aber statt eines I-Frames einen B-Frame (was wahrscheinlich ist, weil es mehr B- als I-Frames gibt), findet man nicht das erhoffte Vollbild vor sondern nur ein unschönes Differenzbild ohne Bezug auf die dazugehörigen I-Frames. Um das zu verhindern, muss ein Codec her, der MPEG-2 in schnittfähiges Material umwandelt. Dieses Problem löst Apple über den durchaus sehenswerten Intermediate-Codec, der das Material schon während des Einspielens über die Kamera umwandelt, allerdings nicht immer in Echtzeit, was primär mit der Rechenleistung des eingesetzten Mac zu tun hat.

Was sich in der Theorie durchdacht anhört, ist praktisch nur unzureichend umgesetzt. Zwar funktioniert das Transcoding in einem Zeitverhältnis zwischen Echtzeit und etwa 1:4 einwandfrei, doch muss der Anwender auf jeglichen Komfort bei der Aufnahme verzichten. So kann Final Cut Express HD weder die Kamera steuern noch übernimmt es den Timecode vom Band. Zum Import steht einzig und allein ein „HDV-Aufnahme“-Knopf zur Verfügung, der nur die Direktaufnahme zulässt, sprich: Aufnahme starten, Kamera starten, abwarten. Der gewohnte Luxus vom Setzen der In- und Out-Punkte auf Band entfällt gänzlich. Da der Timecode fehlt, ist eine erneute Aufnahme des Materials nach Verlust nicht mehr möglich. Einzig die automatische Clip-Separation mittels Timestamps auf dem Band ist hier als nützliches Feature implementiert. Wir wundern uns, warum selbst iMovie HD eine HDV-Kamera steuern kann, Final Cut Express HD jedoch nicht.

Nach der Aufnahme wird es besser

Ist das Material erstmal auf der Festplatte, funktioniert der Schnitt des HDV-Material reibungslos und vor allem ohne jegliche Verzögerung, vorausgesetzt die Festplatte ist schnell genug. Da man es bei HDV mit Datenraten zwischen 5 und 12 MB pro Sekunde zu tun hat, sollte eine entsprechende Durchsatzrate gewährleistet sein, um während der Aufnahme oder des Schneidens keine verlorenen Einzelbilder (Dropped Frames) vorzufinden. Ein 800 MHz schnelles Powerbook G4 kommt mit der Datenrate erwartungsgemäß nur schlecht zurecht, während die interne Festplatte eines Power Mac G5 mit 2,5 GHz keine Probleme hat. Bei den Echtzeit-Effekten geht selbst der schnellste G5-Bolide unter HDV frühzeitig in die Knie. In bester Darstellungsqualität rechnet die Software keinen einzigen Effekt in Echtzeit. In mittlerer und sogar bei geringer Qualität scheitert Final Cut Express HD schon bei einer einfachen Farbkorrektur mit Übergang am roten Renderbalken.

Als merkwürdiges Phänomen stellen wir fest, dass das selbe Projekt auf demselben Rechner in Final Cut Pro HD geöffnet (auch Final Cut Pro versteht den Intermediate-Codec) um ein Vielfaches mehr Effekte in Echtzeit zulässt als in Final Cut Express HD. Selbst bei hoher Darstellungsqualität lassen sich bis zu sieben Ebenen mit verringerter Deckkraft gleichzeitig darstellen, während der Rechner in Final Cut Express HD schon bei der zweiten Ebene rendern muss. Daher liegt der Verdacht nahe, dass Apple die Express-Version bei den Echtzeit-Funktionen absichtlich eingeschränkt hat.

Außer HD nichts Neues

Neue Schnittfunktionen finden sich in Final Cut Express HD ebenso wenig wie neue, spannende Effekte oder Übergänge. Einzig die Vollbild-Vorschau auf einem zweiten Cinema-Display oder vergleichbarem Monitor statt eines angeschlossenen Fernsehers oder eines Broadcast-Referenzmonitors ist nun möglich, was die Arbeit mit dem extrem großen HDV-Material spannend macht, da man nur hier die volle Bildgröße genießen kann. Ansonsten finden sich in Final Cut Express HD nur ein paar Kleinigkeiten wie die Darstellung der Clip-Dauer bei mittleren und großen Thumbnails sowie die Erstellung eines Support-Profils zur Fehlerbehebung durch qualifiziertes Fachpersonal.

Gut gelöst ist der Import von iMovie-HD-Projekten, der nun auf XML basiert und in unseren Tests verlässliche Ergebnisse liefert. Auch die Übergabe von Kapitelmarkierungen aus Final Cut Express in iDVD und DVD Studio Pro funktioniert prima.

Es zählt, was hinten rauskommt

Bei der Ausgabe stößt der Anwender bei HDV auf ein ähnliches Dilemma wie bei der Aufnahme: Das Material muss aus dem Intermediate-Codec wieder zurück in MPEG-2 gewandelt werden, um es über die Kamera zurück aufs Band spielen zu können. Das kann dauern! Selbst ein zwei Minuten langer Film benötigt auf einem Power Mac G5 mit 1,8 GHz gut 30 Minuten! Nach dem Transcoding startet Final Cut Express die Kamera automatisch und spielt das HDV-Material auf DV-Kassette aus.

Die spannendste Neuigkeit und ein triftiges Argument für das Update auf Final Cut Express HD sind die Zugaben in Form des Titelanimations-Programms Live Type und der Musiksoftware Soundtrack.

Fazit

So schön die HDV-Unterstützung auch ist, im Fall von Final Cut Express wurde sie leider nicht bis zu Ende gedacht. Trotzdem ist Final Cut Express HD eine für den Preis gute und umfangreiche Software, speziell für Ein- und Umsteiger. Wir wünschen uns für künftige Updates mehr Funktionalität und Innovation statt eines halbgaren, neuen Formats. Einzig die mitgelieferten Applikationen Live Type und Soundtrack lohnen das Update auch für Nicht-HDV-Anwender. az/Björn Adamski

Note : Gut

Vorzüge umfangreiche Schnitt- und Effekt-Funktionen, gute Unterstützung von DV, bestens als Umstieg von iMovie geeignet, sehr stabil und auf aktuellen Rechnern gute Echtzeitfunkionen (ausser bei HDV)

Nachteile unzureichende, wenn auch qualitativ gute HDV-Unterstützung, hohe Systemanforderungen für HDV, zu wenig Echtzeit-Funktionalität im direkten Vergleich zu Final Cut Pro HD, sehr komplexe Bedienung

Alternative : iMovie, Final Cut Pro

Preis : Vollversion € (D) 289, € (A) 299, CHF 396, Update von Final Cut Express und Final Cut Express 2 auf Final Cut Express HD: € (D) 99, € (A) 103, CHF 136

Technische Angaben

Systemanforderungen : Power Mac G4/500 MHz (1 GHz für HDV), Mac-OS X 10.3.7, ab 384 MB RAM (512 MB für RT-Extreme), Quicktime 6.5.2

Info www.apple.com/de/finalcutexpress

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