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Audio-Editor Melodyne

25.12.2009 | 08:58 Uhr |

Gesangsmelodien verändern und Aufnahmen neu arrangieren: Der Audio-Editor Melodyne erkennt aus polyphonen Audiodateien einzelne Töne. Das kann sonst keiner. Wir testen die Software in der Praxis.

Celemony Melodyne
Vergrößern Celemony Melodyne

Als Celemony auf der Musikmesse im Frühjahr 2008 seine neue Version von Melodyne vorstellte, geriet sogar der Spiegel ins Schwärmen: "Ein begeisterndes Produkt", nannte das Nachrichtenmagazin das angekündigte Release mit "Direct Note Access" (DNA), ein "Traum von Musikproduzenten und Klangtüftlern". Der Traum hat lange auf sich warten lassen, aber seit einigen Wochen ist der Melodyne Editor mit DNA nun auf dem Markt.

Klanganalyse mit Melodyne

Die Arbeitsweise von Melodyne ist überschaubar: Man lädt eine Audiodatei in den Editor, überlässt dem Programm die Aufgabe, Tonhöhen und -dauer zu erkennen, und macht sich anschließend daran, rhythmische und Stimmungsschwankungen zu korrigieren.

Das klingt nun eher unspektakulär, ist es aber nicht. Ein normaler Sample-Editor stellt eine Audiodatei nicht nur als Grafik dar, er behandelt sie auch weitgehend so; die Identifikation einzelner Töne ist dort praktisch unmöglich. Melodyne ist anders, revolutionär anders. Was das Programm bei der Analyse des musikalischen Ausgangsmaterials anstellt, ist großes Kino. Das Programm schafft es, aus einem für das Ohr undifferenzierbaren Audiobrei einzelne Töne zu identifizieren und der Weiterbearbeitung zuzuführen.

Beethovens "Für Elise" in Melodyne: Jeder "Blob" steht für eine einzelne Note im mehrstimmigen Satz.
Vergrößern Beethovens "Für Elise" in Melodyne: Jeder "Blob" steht für eine einzelne Note im mehrstimmigen Satz.

Dennoch macht Celemony, der Hersteller von Melodyne, hier zu Recht eine Einschränkung: Aus einer symphonischen Darbietung einzelne Instrumente zu extrahieren, das schafft auch dieser Editor nicht. Celemony empfiehlt daher, nur Einzelspuren, also einzelne Instrumente oder rhythmische Sequenzen, mit Melodyne zu bearbeiten. Spielen diese Einzelinstrumente mehrstimmig, zeigt sich Melodyne aber erstaunlich notensicher. Hier erkennt der Editor ohne große Probleme das polyphone Ausgangsmaterial. Nicht immer liegt das Programm dabei allerdings richtig. Daher bietet der Editor die Option, nach der automatischen Erkennung manuell vorzugeben, um welche Art von Audiomaterial und welche Noten es sich tatsächlich handelt.

Und das ist sehr lobenswert: So wunderbar Melodyne in der Analyse arbeitet, so offen ist das Programm darin, Unklarheiten einzugestehen. Im Zweifelsfall, darauf weist das Handbuch mehrfach hin, solle der Anwender musikalisch, also nach Gehör entscheiden, und nicht nach der Darstellung im Editor. Das ist aber keine Schwäche des Programms, sondern im Gegenteil seine Stärke. Die Programmierer wissen, das auch ein solch ambitioniertes Werkzeug wie Melodyne nicht unfehlbar ist.

Detailnoten in der Großaufnahme. Der graue Kasten deutet die wahrscheinliche Tonhöhe an, die hier also identisch mit der tatsächlich gemessenen ist. Die senkrechten Linien stehen für die Notentrennung, die Kurven für Tonhöhenschwankungen
Vergrößern Detailnoten in der Großaufnahme. Der graue Kasten deutet die wahrscheinliche Tonhöhe an, die hier also identisch mit der tatsächlich gemessenen ist. Die senkrechten Linien stehen für die Notentrennung, die Kurven für Tonhöhenschwankungen

So blendet der Editor je nach Darstellungsoptionen nicht nur die tatsächlich gemessene Tönhöhe ein, sondern schlägt Skalentöne vor, die wahrscheinlich gemeint sein könnten. Das kann ein Hinweis darauf sein, die Tonhöhe zu verändern, muss aber nicht, wenn der musikalische Kontext etwas anderes verlangt. Man stelle sich die Katastrophe vor, wenn die Blue-Notes des Jazz immer auf harmonisch saubere Art intoniert würden. Genau so groß wäre das Grausen, wenn im Symphonieorchester alle Instrumente im Unisono-Part in gemessenen Vierteltonintervallen voneinander entfernt lägen.

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