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Tomb Raider im Test für OS X

03.03.2014 | 14:00 Uhr |

Beim Neustart von Tomb Raider muss ein empfindsames junges Mädchen über sich hinauswachsen, um zu überleben. Was das mit Archäologie und Grabkammern zu tun hat? Nicht viel. Spaß macht’s uns im Test trotzdem.

Eigentlich sollte es eine entspannte Forschungsreise ins sogenannte Drachendreieck werden, wo die 21-jährige Lara Croft mit ihrem Mentor und einer Gruppe von Kollegen nach den Überresten eines versunkenen Königreichs suchen wollte. Doch dann gerät das Schiff der Expedition in einen schweren Sturm, der den Kahn in zwei Hälften zerteilt und den Großteil der Besatzung in ein nasses Grab schickt. Lara kann sich auf eine Insel retten, wird dort aber prompt von Mitgliedern eines mysteriösen Kults gefangen genommen und in einer Höhle wie ein Schinken kopfüber zum Trocknen aufgehängt. Das verängstigte Mädchen schafft es, sich zu befreien, rammt sich dabei aber eine Eisenstange in die Seite und muss anschließend völlig auf sich gestellt durch das stockfinstere Höhlensystem entkommen.

© 2015

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Verletzt, durchnässt und erschöpft sitzt Lara schließlich an einer Feuerstelle und denkt darüber nach, was gerade passiert ist: Das Schiff ist untergegangen, ihre Freunde sind vermutlich tot und sie ist vollkommen allein auf dieser furchtbaren Insel mitten im Nirgendwo. Wie soll ein unschuldiges kleines Mädchen bloß heil aus dieser Sache herauskommen? So beginnt Tomb Raider .

Rasanter Wandel

Doch so wie von der Serie gewohnt, spielt sich das Ganze nicht. Denn nach der zwar ungewohnt brachialen, aber atmosphärisch dichten und sehr intensiven Einführung entwickelt sich Tomb Raider recht schnell zum klassischen Deckungs-Shooter. Das zunächst wehleidige Gör mutiert in Windeseile zum weiblichen Terminator und pustet alles um, was sich ihr in den Weg stellt.

Pfeil und Bogen gegen Maschinengewehr. Lara macht trotzdem kurzen Prozess mit dem Gangster.
Vergrößern Pfeil und Bogen gegen Maschinengewehr. Lara macht trotzdem kurzen Prozess mit dem Gangster.

Dafür, dass sie sich immer wieder beklagt, wie furchtbar das doch alles sei, stellt Lara sich ganz schön geschickt an und sucht zum Beispiel automatisch Deckung, sobald sie etwa vor einer kleinen Mauer oder Kiste steht. Aus dem Schutz heraus nimmt sie dann die meist clever agierenden Gegner aufs Korn, um ihnen zielsicher ein unvorteilhaftes Loch in die Fontanelle zu ballern. Ganz schön gewieft für ein junges Ding, das in den Zwischensequenzen immer wieder als verängstigt und weinerlich dargestellt wird.

So sehr sich die Story auch bemüht, die Wandlung zu erklären, die Lara im Verlauf durchmacht, für uns macht es keinen Unterschied, ob wir nun zu Beginn unter Laras Schluchzen reihenweise Gegner ins Jenseits schicken, oder ob wir den Kultanhängern später »Lauft nur, ihr dreckigen Mistkerle! Ich kriege euch alle!« zurufen, während wir mit dem Granatwerfer um uns ballern. Es ist nicht spürbar, dass Lara zu einer anderen Person wird. Hier wäre ein Kniff in der Spielmechanik angebracht gewesen, der zum Beispiel das Zielen zu Beginn erschwert – ein Feedback also, das den Spieler an Laras Verwandlung zur Killermaschine teilhaben lässt.

Immerhin hat Crystal Dynamics bei den Ballereien seine Hausaufgaben gemacht: Die Schießereien gehen flott von der Hand, und die Deckungsmechanik funktioniert genauso gut wie in Mass Effect oder Gears of War . Solange wir uns nicht an der zwar gewollten, aber nicht ganz gekonnten Charakterzeichnung der Heldin stören, macht es tierischen Spaß, die Gegner auf möglichst kreative Art und Weise um die Ecke zu bringen. Und was Tomb Raider an Explosionen und Zerstörung abfeiert, stellt selbst Call of Duty stellenweise in den Schatten.

Selbst ist die Frau

Die eigentliche Attraktion der bisherigen Tomb Raider-Spiele, das Erforschen verzweigter Höhlensysteme und Grabkammern, tritt bei diesem Neustart stark in den Hintergrund. Immer mal wieder kommt Lara aber aus den schlauchigen Actionlevels in weitläufige Gebiete, in denen nicht nur allerhand Geheimnisse versteckt liegen, sondern in denen wir auch nach Herzenslust herumklettern und zum Beispiel Plattformen weit oben in den Baumwipfeln erforschen können.

An Lagerfeuern können wir unsere Ausrüstung und Talente ausbauen.
Vergrößern An Lagerfeuern können wir unsere Ausrüstung und Talente ausbauen.

Wer die Augen offen hält, entdeckt beim Herumtollen neben Geocache-USB-Sticks und diversen Artefakten auch Landkarten mit den Fundorten aller versteckten Extras sowie Schatzkisten mit Erfahrungspunkten und Strandgut. Wofür das gut sein soll? Tomb Raider bietet sowohl ein Talentsystem als auch Waffenverbesserungen, um uns besser für die nächste Schießerei zu wappnen. Alles, was es dafür braucht, sind genügend Erfahrungspunkte und Trümmerteile sowie ein Lagerfeuer.

Sobald Lara sich niederlässt, öffnet sich ein Upgrade-Menü. Die gesammelten Punkte tauschen wir nun gegen neue Fähigkeiten wie etwa verbesserte Nahkampffertigkeiten oder Gesundheitserweiterungen ein und »kaufen« uns anschließend zusätzliche Module für die insgesamt vier Waffen. Im Angebot finden sich etwa Stabilisatoren, Schalldämpfer, größere Magazine oder Brandmunition. Zudem kann Lara von den Lagerfeuern in bereits besuchte Gebiete zurückreisen, um etwa nach verpassten Extras zu stöbern oder Grabkammern unsicher zu machen - das motiviert.

Die kreativ gestalteten Rätsel bringen Abwechslung ins Spiel.
Vergrößern Die kreativ gestalteten Rätsel bringen Abwechslung ins Spiel.

Klettern & knobeln

Die versteckten Grabkammern finden wir immer wieder abseits des Weges, markiert beispielsweise durch kryptische Schriftzeichen an Felswänden. Nicht immer kann Lara die Ruhestätten sofort erkunden: Gelegentlich fehlt ein wichtiges Ausrüstungsteil, das sie erst im weiteren Spielverlauf bekommt, etwa Pfeile mit angeknotetem Seil, um Objekte heranzuziehen und Schluchten zu überwinden, oder die Kletteraxt, mit der wir poröse Steilwände erklimmen.

Wer allerdings denkt, dass die Gräber ihre Geheimnisse freiwillig preisgeben, der irrt. Vor der großen Truhe mit vielen Erfahrungspunkten, die wir in jeder Gruft abstauben können, steht eine meist ziemlich knackige Kopfnuss. Hier muss Lara ganz wie in ihren früheren ... pardon, zukünftigen Abenteuern Plattformen mit Gewichten ausbalancieren oder mit der richtigen Schalterkombination und etwas Klettergeschick höher gelegene Ebenen erreichen. In diesen Abschnitten haben Serienveteranen den meisten Spaß, schließlich geht es darum, mit dem richtigen Timing auf bewegliche Plattformen zu hüpfen oder uralte Mechanismen wieder in Bewegung zu versetzen.

Klettern darf Lara natürlich auch wieder. Das macht so viel Spaß wie eh und je.
Vergrößern Klettern darf Lara natürlich auch wieder. Das macht so viel Spaß wie eh und je.

Lara, eine Augenweide

In Sachen Technik präsentiert sich die PC-Fassung von Tomb Raider nahezu perfekt. Vor allem die Darstellung der Schatten fällt enorm detailliert und realistisch aus. In dicht bewaldeten Gebieten zaubert die Engine dadurch ausgesprochen hübsche Licht- und Schattenspiele auf den Monitor.

Texturen, Charakteranimationen und Effekte können sich ebenfalls jederzeit sehen lassen, nur der Umgebung hätten etwas mehr Polygone gelegentlich gut getan. Bei der (frei konfigurierbaren) Steuerung mit Maus und Tastatur liefert Crystal Dynamics ebenfalls sehr gute Arbeit ab. Ob wir nun klettern, springen oder ballern, haben wir Lara stets gut im Griff. Einziger Wehrmutstropfen sind die gelegentlichen Quicktime-Events, in denen wir zur richtigen Zeit die richtige Taste drücken müssen. Das geht aber oft in die Hose, da wir statt den entsprechenden Buchstaben lediglich kryptische Symbole angezeigt bekommen.

Spielerisch anspruchslos, aber spektakulär in Szene gesetzt: Wir rutschen einen einstürzenden Abhang entlang.
Vergrößern Spielerisch anspruchslos, aber spektakulär in Szene gesetzt: Wir rutschen einen einstürzenden Abhang entlang.

Über jeden Zweifel erhaben ist hingegen die akustische Untermalung: Sowohl der Soundtrack, der sich mal dezent im Hintergrund hält und dann wieder pompös aufdreht, als auch die deutsche Synchronisation der Dialoge sind äußerst gelungen. Vor allem möchten wir an dieser Stelle die Schauspielerin Nora Tschirner (Soloalbum) loben, die Lara in der deutschen Version glaubwürdig zum Leben erweckt.

Quo vadis, Lara?

»Ich hasse Gräber«, sagt Lara Croft an einer Stelle. Paradox, da sie doch seit nunmehr 17 Jahren vor allem dafür bekannt ist, mit Vorliebe durch fallengespickte Grabkammern zu turnen, um wie Indiana Jones den seltsamsten magischen Artefakten nachzujagen. Doch um der Serie zu neuem Leben zu verhelfen, rückt der Publisher das, was Laras Abenteuer einmal ausmachte, in den Hintergrund.

Stattdessen konzentriert sich Square Enix auf das, was nach Meinung von Marktforschern wohl am ehesten für Umsatz sorgt: effektvolle Deckungsschießereien, gepaart mit aufwändig inszenierten Zwischensequenzen. Die Story vom Mädchen, das Schiffbruch erleidet und zusammen mit anderen Überlebenden versucht, von einer mysteriösen Insel gerettet zu werden, soll wegen der düsteren Grundstimmung »erwachsen« wirken.

Allerdings wandeln die Entwickler auf einem sehr schmalen Grat, wenn sie versuchen, ihr Spiel einerseits als möglichst erwachsen darzustellen, gleichzeitig aber zu sehr auf Gewalt und übertrieben düstere Atmosphäre bauen. Aber wer weiß, vielleicht war das ja von Anfang an der Plan, um Tomb Raider zu einem sicheren Erfolg zu machen. Solange dieses kalkulierte Spiel so viel Spaß macht, wie Tomb Raider es trotz seiner Schwächen tut, sei den Entwicklern der Erfolg gegönnt.

Der Mehrspieler-Teil

Erstmals in der Tomb Raider-Reihe gibt es einen Mehrspieler-Modus. Angelehnt an das Hauptspiel kämpfen hier Überlebende und Kultisten in vier Modi gegeneinander; für gesammelte Erfahrungspunkte erhalten wir neue Fähigkeiten und steigen im Rang auf. Die Online-Gefechte liefen im Test flüssig und weitgehend verzögerungsfrei.

Zum Testzeitpunkt gab es allerdings nur wenige Spieler, was uns aber nicht wundert, da Tomb Raider nun wirklich keine Serie ist, die zwingend einen Multiplayer-Teil benötigt. Zwar machen die Modi durchaus Spaß – in »Rettung« etwa müssen wir Medipacks einsammeln und zum Zielort tragen – trotzdem wirkt all das eher aufgesetzt, als wirklich spielrelevant.

Fazit der Redaktion

Kai Schmidt: Ich bin etwas enttäuscht. Nein, Tomb Raider ist beileibe kein schlechtes Spiel und hat mich während der gesamten Spielzeit wirklich gut bei Laune gehalten. Es macht mich aber traurig, wenn ich sehe, dass die Entwickler das unendliche Potenzial der Serie beiseite fegen, um einen simplen Deckungs-Shooter mit Lara in der Hauptrolle daraus zu stricken.
Klar, Spielbarkeit und Technik sind super, aber dem Titel fehlt einfach die Seele der früheren Croft-Abenteuer. Weniger aufgesetzte Gewalt und weniger Geballer, dafür mehr Abenteuer und mehr Farben hätten Wunder gewirkt – und aus dem austauschbaren Deckungs-Shooter mit seinen wenigen Alibi-Grabkammern ein echtes Tomb Raider gemacht. Vielleicht klappt’s ja beim nächsten Mal besser.

Daniel Matschijewsky: Ich stimme Kai in einem Punkt zu: Das neue Lara-Abenteuer ist zu actionlastig. Als Fan der ersten Stunde fühlte ich mich allzu häufig eher an Gears of War erinnert, als an ein echtes Tomb Raider. Doch als ich mich daran gewöhnt hatte, machte mir das Spiel enorm viel Spaß.
Weil es herausragend in Szene gesetzt ist, weil es mich durch eine stimmungsvolle und wunderschöne Welt schickt, in der es so viel zu entdecken gibt – auch die serientypischen Rätsel und Klettereinlagen. Und weil Lara zum ersten Mal eine Figur ist, mit der ich mitfühlen kann. Ja, das neue Tomb Raider ist anders als seine Vorgänger. Aber nichtsdestotrotz in jederlei Hinsicht spielenswert. Auch für Fans der ersten Stunde.

Steckbrief: Tomb Raider

Hersteller: Square Enix

Entwickler: Crystal Dynamics, Mac Portierung durch Feral Interactive

Preis: 19,99 Euro (Steam), 35,99 Euro (Mac App Store)

Altersfreigabe: ab 18 Jahren

Note:

1,4 sehr gut

Grafik (25%) 1,3

Sound (25%) 1,3

Umfang (25%) 1,6

Bedienung (25%) 1,5

Vorzüge:

klasse Licht- und Schattenspiele, scharfe Texturen, aufwändige Animationen,stimmungsvoller Soundtrack, sehr gute deutsche Sprecher, kinoreife Inszenierung, rund 15 Stunden Spielzeit, optionale Gräber, viele versteckte Extras, detailierte, abwechslungsreiche Schauplätze

Nachteile:

gelegentliche Polygon-Armut, geringer Wiederspielwert, künstliche wirkende Deckungsmöglichkeiten, flache Nebenfiguren, gelegentliche Logiklücken

Alternative: Batman Arkham Asylum, Batman Arkham City

Anforderungen: OS: Mac OS X 10.9.1, Prozessor: 2 GHz Intel, RAM 4GB, Festplatte 14GB, Grafikkarte: 512MB, Eingabegerät: Maus, Gamepad (PS3-Gamepad wird unterstützt); Die folgenden Grafikkarten werden NICHT unterstützt: ATI X1xxx-Serie, ATI HD2xxx-Serie, Intel GMA-Serie, Intel HD3000, NVIDIA 7xxx-Serie, NVIDIA 8xxx-Serie, NVIDIA 9xxx-Serie und NVIDIA 3xx-Serie. Die Karten der Intel HD4000 Serie erfordern eine Intel i7 CPU oder besser.

Testgeräte: iMac 13,1

Bezugsquellen: Steam, Mac App Store

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