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Tropico 4 im Test für OS X

16.12.2013 | 11:00 Uhr |

Endlich mehr Feedback, endlich klare Zusammenhänge, endlich großer Präsidentenspaß: Tropico 4 von Haemimont Games und Kalypso ist das Aufbauspiel, das Tropico 3 schon hätte sein sollen.

Jetzt ist eine Entscheidung gefragt: Schmeißen wir heute eine Party, ja oder nein? Hm, das würde unser Ansehen bei den Freunden und bei den jugendlichen Nachbarn erhöhen, bei den spießigen Nachbarn wären wir aber untendurch. Sei‘s drum: ja! Soll die Party eskalieren? Unsere Freunde und der Glaser fänden‘s super, die Polizei und die Versicherung dürften allerdings maulen. Dafür steigt ein paar Monate später die Geburtenrate ... Mit solchen Entscheidungen müssen wir uns im Aufbau-Politik-Mix Tropico 4 ständig auseinandersetzen - und mit den Folgen. Natürlich nicht als Bewohner einer popeligen Reihenhaus-Siedlung, sondern als El Presidente einer fiktiven Tropeninsel.

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Das klingt wie ein Traumjob, entpuppt sich aber als ständiger Eiertanz. Denn unsere Macht ist nicht unantastbar, es gibt tatsächlich regelmäßige, igitt, Wahlen! Und um die zu gewinnen, sollten wir möglichst viele Fraktionen auf unsere Seite ziehen: Umweltschützer und Loyalisten, Kommunisten und Kapitalisten, Kirche und Ausland. Das hört sich furchtbar trocken an - aber hey, wir sind in der Karibik, da hat Politik nix mit Mutti Merkel und ihren Schlipsschleppern zu tun, sondern mit Tricksen, Schachern und Gesetze-Biegen.

Atomtests vom Untermieter

Aber fangen wir mal klein an: Das Endlosspiel und viele der 20 Kampagnenmissionen beginnen mit einer Handvoll Hütten sowie etwas Infrastruktur und Industrie, in der Regel um 1950. Noch spielt sich Tropico 4 wie viele andere Aufbauspiele, wir errichten Klinik und Kirche, Sägewerk und Farmen, Erzmine und Fischereihafen. So weit, so Anno . Und Tropico 3 , denn im Vergleich zum Vorgänger ist das Spielprinzip unangetastet, auch die Produktionsketten sind weiterhin sehr simpel.

Doch plötzlich ploppen Textfenster auf, und lustig gezeichnete Menschen reden, witzig vertont, auf uns ein: Ratgeber geben Rat (»Das Volk will unterhalten werden!«), der US-Senator Nick Richards (!) fordert eine amerikanische Basis auf unserem Eiland, die russische Agentin Sascha 500 Tonnen Bauxit, die Öko-Aktivistin Sunny Flowers mehr Umweltschutz und General Rodriguez mehr Sold und bessere Wohnungen für seine Truppe.

Hilfreich: Im Baumenü wird uns ein Gebäude empfohlen. So finden auch Einsteiger schnell ins Spiel.
Vergrößern Hilfreich: Im Baumenü wird uns ein Gebäude empfohlen. So finden auch Einsteiger schnell ins Spiel.

Auch solche Haupt- und Nebenaufgaben kennen wir aus diversen Spielen. Doch in Tropico 4 wirkt sich alles glaubwürdig aus, Politik, Wirtschaft und der Aufbaupart sind eng verzahnt, ohne dass es zu kompliziert wird. Viele Folgen unserer Entscheidungen sehen wir schon in den erwähnten Textfenstern: Wenn wir die US-Basis bauen, kriegen wir monatlich Miete. Wenn wir Bauxit liefern, steigern wir unser Ansehen bei den Russen um 15 Punkte. Wenn wir die Umweltgesetze erlassen, bessert sich wiederum unser Ruf bei den Baumkuschlern. Das sind die kurzfristigen Folgen, es gibt aber auch langfristige. Wir haben zum Beispiel die US-Basis gebaut -- die kostet uns nämlich nix, und monatliche Mieteinnahmen sind ja generell super. Doof nur, dass die Amis uns etwas später »bitten«, auf unserer Insel Atomwaffen testen zu dürfen. Wir finden zwar Bikinis toll, aber kein Bikini-Atoll, darum lehnen wir ab. Schon purzelt unser Verhältnis zu den Amis auf Vor-Basis-Niveau runter, fortan gibt‘s weniger Entwicklungshilfe. Noch dazu wir die Miete gestrichen, na super.

Frischer Wind

Diese Haupt- und Nebenaufgaben mit ihren nachvollziehbaren Zusammenhängen machen Tropico 4 deutlich transparenter als seinen Vorgänger. Wir wissen jetzt immer genau, was zu tun ist - und warum. Zudem gibt’s weniger Leerlauf, denn bis zu fünf Haupt- und Nebenquests können wir gleichzeitig annehmen. Wohlgemerkt gleichzeitig zum alles beherrschenden Ziel, die Bevölkerung auf unsere Seite zu zerren und die nächsten Wahlen zu überstehen.

Wettlauf gegen die Zeit: Rechts brennt die Hütte, links entsteht unsere Feuerwehr. Den Bau können wir zwar sofort fertigstellen – fehlt aber immer noch ein Feuerwehrmann.
Vergrößern Wettlauf gegen die Zeit: Rechts brennt die Hütte, links entsteht unsere Feuerwehr. Den Bau können wir zwar sofort fertigstellen – fehlt aber immer noch ein Feuerwehrmann.

Ähnlich wie in GTA werden Ereignisse und unsere Taten im Inselradio kommentiert. Da bauen wir zum Beispiel unser erstes Windrad, um die Insel mit Ökostrom zu versorgen. Unser Regierungssprecher-Moderator brüstet sich im Studio gegenüber der Umweltschutz-Tussi mit unserem Sinn für den Naturschutz, doch die kontert trocken: »Sie meinen das Windrad, das Sie mitten im Krötenschutzgebiet gebaut haben, und dessen Propeller dem letzten Kokosnussadler den Kopf gespalten hat?« Der Moderator kündigt flugs das nächste Lied an.

Hilfe »Made in China«

In der Kampagne stellen wir uns 20 Missionen, über die sich ein roter Story-Faden spannt. Allerdings spielen die Einsätze auf unterschiedlichen Inseln, jeweils mit anderen Bedingungen und Herausforderungen.

Das eine Eiland hat kaum natürliche Ressourcen und muss zur Touri-Hochburg ausgebaut werden. In einer anderen Mission sollen wir die reichen Bodenschätze Ihrer Insel (Salz, Öl, Erz, Bauxit) vergolden, um einen reichen Ami noch reicher zu machen. Mit fatalen Folgen, denn bei einem Erdbeben werden Bergleute verschüttet, eine typische Multiple-Choice-Aufgabe kommt auf uns zu: Rede halten (steigert Ansehen bei allen Bewohnern), das Leben der Männer über das Erz stellen (Erzpreis steigt) oder auf ausländische Hilfe vertrauen (bringt 10.000 Dollar Katastrophenhilfe). Chinas Chef Yu Li bietet uns kurz darauf »Qualitäts-Hightech made in China« an, einen pedalgetriebenen Bohrer. Wir nehmen an und zahlen 10.000 Dollar. Doch der Bohrer explodiert und löst ein noch stärkeres Beben aus.

Sogar den Touri-Zeppelin können wir missbrauchen: als Propaganda- oder Spionageapparat.
Vergrößern Sogar den Touri-Zeppelin können wir missbrauchen: als Propaganda- oder Spionageapparat.

Nun können wir China die Schuld geben, was die Beziehungen in eine neue Eiszeit katapultieren würde. Oder wir beschuldigen uns selbst, was unseren eigenen Ruf auf Jahre verbeult. Schließlich setzen wir auf die Wissenschaft, errichten eine Akademie, schaffen Professoren aus dem Ausland heran (teuer!) und bilden eigene aus (langwierig!), irgendwann erfinden die Eierköppe einen eigenen Rettungsbohrer.

Aber selbst mit dem können wir noch politisch taktieren: Unser Berater fragt, ob wir die Jungs sofort retten sollen - oder noch etwas warten, um mehr Hilfsgelder aus dem Ausland einzusacken. Auch wenn sich der Großteil dieser Story nur in Textfenstern abspielt (bis auf den Bau der Akademie und die Personalbeschaffung), will man immer wissen, wie’s weitergeht. Zumal‘s ja noch so viel mehr zu tun gibt, unter anderem besetzen wir fünf Ministerämter mit mehr oder minder geeigneten Kandidaten, deren Eigenschaften sich wiederum auf die Politik auswirken - klasse!

Plattenbauten im Paradies

Das alles spielt auf Inselwelten, die schön anzuschauen sind. Wir schämen uns schon fast, schäbige Plattenbauten an die schönen Strände zu pflanzen oder eine Goldmine in den Dschungel - aber der ist selber schuld, warum wächst er auch ausgerechnet auf einer der seltenen Adern!

Tropico 4 punktet optisch vor allem bei der Weitsicht: Besagte Goldmine in der Baumpampa sehen wir immer noch am Horizont, wenn wir gerade in der Stadt Gebäude feintunen. Alte LKWs (für Fracht) und PKWs sausen umher - letztere sind umso protziger, je wichtiger der Insasse ist. Ungelernte Arbeiter stapfen zum Beispiel zu Fuß vom regelmäßig eintrudelnden Frachtschiff, Fach- und Hochschulkräfte fahren hingegen bessere Schlitten. Jeden Bewohner können wir anklicken, um zu schauen, was er denkt, was ihm fehlt, welche seiner Bedürfnisse wir wie gut erfüllen.

Allerdings sind nicht immer alle Insulaner friedlich. Wenn wir einzelne Bewohner oder Fraktionen zu sehr piesacken, werden sie stinkig. Zuerst nur ein bisschen, dann legen sie die Arbeit nieder und marschieren mit Protestplakaten rum. Schon das kann ärgerlich sein, denn wenn zum Beispiel Studenten streiken, geht an den höheren Schulen gar nichts mehr, und wir bekommen keine Absolventen.

Viva La Revolución

Richtig stinkige Bewohner können gar zu Rebellen mutieren und einzelne Gebäude angreifen. Ein Aufstand gefährdet sogar unsere Position: Wenn über die Hälfte der Bevölkerung unzufrieden ist, marschiert sie auf unseren Palast zu. Wenn wir dann zu wenige Soldaten ausgebildet haben, die den Prunkbau verteidigen, ist die Partie gelaufen.

Unsere Soldaten lassen sich dabei nicht direkt steuern, sondern marschieren selbständig zum Einsatzort. Die einzige Person, die wir per Mausklick kommandieren, ist unser Präsident höchstpersönlich. Dessen Talente bestimmen wir zu Spielbeginn, im Kampagnenverlauf wird er dann immer besser. Im Spiel darf er dann unter anderem Aufständische beruhigen, aber auch selbst zur Waffe greifen. Zu Letzterem kam‘s allerdings nie, weil wir immer die Tipps unseres Generals beherzigt haben. Denn der meldet sich schon, wenn er zu wenige Truppen hat.

Eine bewaffnete Revolte kann aber auch durch ganz triviale Dinge ausgelöst werden - etwa einen Waschtag. Unser Verteidigungsminister ist zwar ein fähiger Anführer, aber nicht der allerhellste. Plötzlich erscheint ein Textfenster, das uns mitteilt, dass der gute Mann seine weiße Wäsche zum Trocknen aufs Ministerium gehängt hat. Die Handvoll Rebellen in der Stadt sieht die »weiße Flagge« als Zeichen unserer Schwäche und bläst zum Großangriff. Wie gesagt: Hier hängt alles zusammen.

Empfehlung: Tropico 4 – Gereift für die Insel

Besser als der nahezu identische Vorgänger? Da war der Tester wohl zu nah an der Rum-Destille! Nein, war er nicht: Tropico 4 ist schlicht deutlich ausgereifter als sein Vorgänger. Damals dauerte es ewig, bis ich die Zusammenhänge zwischen Wirtschaft, Politik und Aufbau nicht nur kapiert hatte, sondern auch richtig nutzen konnte. Das lag vor allem am mangelnden Feedback. Jetzt hingegen ist alles nachvollziehbar verknüpft, ich sehe schon bei den Aufgaben, wie sich meine Entscheidungen auswirken werden. Gleichzeitig gibt’s einen roten Story-Faden mit Überraschungen und Ereignissen, damit das Inselleben nicht zu vorhersehbar wird. Auch der Humor passt, von den prima Sprechern bis hin zu den witzigen Radiokommentatoren.

Steckbrief: Tropico 4 Gold Edition

Hersteller: Feral Interactive

Preis: 30,99 Euro (Mac App Store)

Altersfreigabe: ab 12 Jahren

Note: 1,5 (gut)

Grafik (25%): 1,7

Sound (25%): 1,4

Umfang (25%): 1,2

Bedienung (25%): 1,5

Vorzüge: sehr schöne Tropenlandschaften, detaillierte Einheiten und Gebäude, schicke Wetterwechsel, sehr witzige Radiomeldungen, sehr gute Sprecher, schmissige Calypso-Rhythmen, nachvollziehbare Zusammenhänge

Nachteile: Startjahr immer 1950, keine Computergegner, simple Produktionsketten, kein Multiplayer

Alternative: Tropico 3

Anforderungen: Mac OS X 10.7.5, 2 GHz Intel-CPU, 4GB RAM, 6 GB Festplattenspeicher, 256MB Grafikkarte

Testgeräte: Macbook Air 4,1

Bezugsquellen: Mac App Store

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