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Universe2Go: Sterne in der Augmented Reality

11.03.2016 | 11:52 Uhr |

Klarer Nachthimmel, voller Sterne: Eine einfache AR-Brille erklärt dank einer raffinierten und gut ausgestatteten App Mythen und Astrophysik.

Für iPhone und iPad gibt es eine Reihe hervorragender Sternkarten und Planetarien, mit Redshift haben wir erst vor kurzem eine populäre und bewährte Lösung getestet , die es schon in klassischen Zeiten für Mac-OS gegeben hatte. Alle Lösungen haben aber eine Problem: Der Blick auf den Sternenhimmel und der auf das Display ist nur schwer miteinander in Einklang zu bringen. Zwar messen die Apps alle die Neigung des iPhone oder iPad, was zusammen mit Zeit, Standort und Ausrichtung ein relativ gutes Bild ergibt, den weniger erfahrenen Sternegucker aber etwas ratlos zurück lässt, ob das Ding im Blickfeld jetzt Aldebaran oder doch der Mars ist. Und will man mehr Informationen über die Objekte im Blickfeld oder diejenigen, die nur auf dem Display des iPhone zu sehen sind, muss man die Augen abwenden, die Sternkarte verlassen und die Informationen über Sterne, Planeten und Galaxien lesen.

Sternegucken ist also ein perfektes Anwendungsfeld für Augmented Reality. Denn nur zu sehr wünscht man sich beim Blick auf den Nachthimmel, neben den  leuchtenden Punkten würden wie im Planetarium Informationen zu den Objekten aufpoppen oder ein weiser Vorführer erklären, was man da genau bewundert.

Sternkarte überlagert reales Bild

Eine Lösung dafür hat der Hersteller Nimax aus Landsberg am Lech mit der AR-Brille Universe2Go und einer raffinierten App zu bieten. Die Brille als solche ist recht einfach aufgebaut und erinnert gewissermaßen an Googles Cardboard : Das iPhone (ab iPhone 4) liegt mit dem Display nach unten auf transparentem Plastik, von einem vielteiligen und anpassbaren Schaumstoff-Passepartout festgeklemmt. Ein halbdurchlässiger, im 45-Grad-Winkel angebrachter Spiegel, bringt das Bild vom Display mit jenem aus der Natur in Einklang: Über die echten Sterne projiziert die App von Universe2Go im Stereobild ihre Sternkarte, die man durch die Okulare betrachtet. Hat man den Lautsprecher des iPhone eingeschaltet und ordentlich aufgedreht, bekommt man auch mit, was die Stimme aus dem Off erklärt. Freilich wären Bluetooth-Kopfhöre r für die Anwendung die bessere Empfehlung, damit man überhaupt was hört, muss man den Lautsprecher des iPhone schon sehr laut stellen.

Beim Einrichten erklärt die Stimme aus der App zuallererst die Bedienung des ungewöhnlichen Geräts. Klar, das iPhone sitzt fest gegen Verrutschen gesichert in der Brille, weder an Knöpfe noch an den Bildschirm kommt man heran, also steuert man die App allein über die Neigung des Kopfes. Bei der Inbetriebnahme muss man die Software zunächst kalibrieren, damit Sterne und Sternkarte später auch einigermaßen deckungsgleich im Sichtfeld erscheinen. Das ist uns bei ersten Mal nicht gleich richtig gelungen, die Kalibrierung kann man aber über die Einstellungen der App, die sich in den Systemeinstellungen von iOS einbinden, wieder abschalten und neu versuchen. Aber auch der zweite und der dritte Versuch lassen einen leichten Versatz, die echten Sterne funkeln ein wenig neben den Punkten auf der Karte.

Von Mythen und Messier-Objekten

In der Mitte des Sichtfeldes erscheint ein gelber Kreis, mit dessen Hilfe man Objekte auswählt: Mit dem Kreis darauf zusteuern und so lange darauf halten, bis die für das Objekt hinterlegten Informationen eingeblendet werden und der Vorführer in der App zu erzählen beginnt.

Die AR-Anwendung kennt mehrere Modi, Im Entdecker-Modus schaut man sich einfach Sterne und Sternbilder an und kann Informationen darüber abrufen; der Mythologie-Modus zeigt nicht nur die Linien zwischen den Bildern, sondern zeichnet auch Figuren herum und erklärt, warum die Bilder am Himmel so heißen und welche Geschichten sich Griechen, Römer und Perser dazu ausgedacht hatten; Im Deep Space Modus kann man auch nicht sichtbare Objekte wie Kugelsternhaufen, Galaxien oder in den äußeren Bereichen unseres Sonnensystems herumschwirrende Kometen sich nach dem Markieren heranzoome und Wissen darüber abrufen. Wer schon etwas Erfahrung mitbringt oder sie mit der Brille gesammelt hat, hat vielleicht Spaß am Astronomiequiz, das Sternbilder auf den Bildschirm einblendet, die man dann am echten Himmel suchen muss.

Sanft mit dem Kopf wackeln

Wie aber zwischen den Modi wechseln, muss man die Brille dafür abnehmen und das iPhone wieder ausbauen? Weit gefehlt, die Steuerung geschieht allein mit Hilfe der Beschleunigungssensoren des Smartphones. Blick man zu Boden, wird das Menü eingeblendet, das man aber erst bedienen kann, wenn man wieder geradeaus schaut. Dann genügen leichte Nickbewegungen zum Scrollen und Neigungen des Kopfes nach links (ein Menü zurück) oder rechts (ausgewählten Punkt aktivieren). Eine raffinierte Lösung, die aber gewöhnungsbedürftig ist und nicht auf Anhieb klappt. Wir kommen aber bei weiteren Versuchen immer besser damit zurecht.

Informationen hat die App für den gesamten Nachthimmel hinterlegt, insgesamt verspricht der Hersteller drei Stunden Audiokommentar. Wir können erstmal nur Stichproben auswählen. Die Geschichten aus der griechischen Mythologie sind spannend erzählt, es fehlt aber an manchen Details. So gibt es nicht nur einen Mythos, warum Orion getötet wurde und an den Himmel gelangte.

Einige physikalische Grundlagen

Auch die Ausführungen zur Astrophysik sind gerade für Einsteiger lehrreich. Man erfährt nicht nur, wie hell Sirius wirklich ist, sondern auch dass er von einem weißen Zwerg begleitet wird, der nur schwer auszumachen ist. Wer wissen will, warum Beteigeuze so rot ist und in astronomisch kurzer Zeit zur spektakulären Supernova werden könnte, sollte den linken Schulterstern des Orion anpeilen, der derzeit noch die ganze Nacht über hoch am Himmel steht. Und warum Jupiter das Leben auf der Erde überhaupt erst ermöglicht hat, liegt an seiner großen Masse - das weiß auch nicht jeder.

Die App ist auch ohne Brille nutzbar, macht dann aber weniger Spaß. Verfügbar ist nur der Entdecker-Modus, uns gelingt es darin aber nicht, Audioinformationen über Sterne oder Mythen abzurufen, sondern nur über die Sternbilder selbst. Zudem zeigt die App - was in Zusammenhang mit der Brille auch mehr als sinnvoll ist - stets nur den Himmel in Blickrichtung zur gegebenen Zeit an. Virtuelle Reisen über den Nachthimmel sind so nicht möglich - aber das hat die App im Gegensatz zu Planetarien wie Redshift Pro ja auch nicht versprochen. Die App zur Brille ist im App Store kostenlos erhältlich, doch lässt sie sich nur mit einem Code aktivieren, der auf der Brillenverpackung aufgedruckt ist - als Stand-Alone-App ergibt sie auch wenig Sinn. Auch für Android gibt es die App, man sollte aber besser checken, ob das Smartphone damit zurecht kommt. Gyroskop, Kompass und Beschleunigungssensoren sind unerlässlich.

Fazit

Universe2Go zeigt, was Augmented Reality zu leisten vermag und macht Spaß, auch wenn man Sterne, Planeten, Nebel und die Geschichten der alten Griechen schon recht gut kennt. Für Himmelsentdecker mag Universe2Go aber viele Überraschungen bereiten, künftige Versionen könnten durchaus noch mehr zur Astrophysik erzählen, die gegebenen Informationen bieten aber einen guten Einstieg. Bei der Benutzung sollte man aber auf alle Fälle darauf achten, den Gurt an die Brille anzubringen und gut fest zu zurren, die Arme werden dann doch nach einer Weile recht schwer, wenn man sich die Universe2Go vor die Augen hält.

Alles in allem ist die AR-Brille aber ihre 100 Euro wert. Wer noch mehr über Astrophysik erfahren will, braucht eine Planetariums-App wie Redshift Pro (20 Euro) oder am besten gleich das Standardwerk Der neue Kosmos von Albrecht Unsöld und Bodo Baschek. Aber da kostet schon das Taschenbuch 50 Euro.

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