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Features von macOS Sierra: Tabs in Apps

18.07.2016 | 15:06 Uhr |

Mit macOS 10.12 Sierra führt Apple die bislang aus Safari und Finder bekannten Tabs in allen möglichen Apps ein. Der Vorteil: Mehrere App-Fenster können ordentlich nebeneinander abgelegt werden, ohne dass Fenster-Chaos entsteht – gerade auf kleinen Macbook-Bildschirmen eine Wohltat. Wir haben uns das Feature einmal genauer angeschaut.

Wahrscheinlich erinnern Sie sich nicht mehr, aber es gab eine Zeit, es muss so um die Jahrtausendwende gewesen sein, in der es noch kein Tab-Feature in Browsern gab: Jede neue Website musste damals mühsam in einem neuen Fenster geöffnet werden und ausgiebige Surf-Ausflüge verursachten ein unfassbares Fenster-Chaos auf den zeitgenössischen Mini-Bildschirmen. Dann erfand jemand Browser-Tabs – und der Desktop war buchstäblich wieder in Ordnung: Jedes einzelne Browser-Fenster wurde zu einem Tab, und alle Tabs waren in einem Browser-Fenster. Komischerweise haben über die Jahre auf dem Mac nur wenige Entwickler diese Technik in andere Programme übernommen. Und das, obwohl ein Tab-Feature doch eigentlich überall nützlich ist, wo viele Fenster verwendet werden – und schon seit Jahren teil von Microsoft Windows ist. Apple hingegen hatte bislang nur den Finder mit Tabs ausgestattet, Drittentwickler griffen vor allem bei Text-Editoren zu dieser Option, ansonsten: Fehlanzeige auf der Mac-Plattform – fast ein Sechsteljahrhundert lang.

Die altbekannten Finder-Tabs funktionieren wie die in Safari – in anderen Apps ist die Funktionsweise leider nicht so eindeutig.
Vergrößern Die altbekannten Finder-Tabs funktionieren wie die in Safari – in anderen Apps ist die Funktionsweise leider nicht so eindeutig.

Tab-Offensive gestartet

Dass das ein Ende haben muss, hatte Apple mit den Finder-Tabs bereits erkannt, einzig schien der Mut zu fehlen, das praktische Feature in anderen Apps zu integrieren. Nun allerdings läutet Apple mit macOS 10.12 „Sierra“ die Tab-Offensive ein: Jede App soll künftig mit Tabs umgehen dürfen – auch solche, die bislang echte Fenster-Chaoten waren wie etwa die iWork-Programme Pages, Numbers und Keynote. Werksseitig werden in macOS Sierra diverse Apps mit dem Feature ausgestattet, darunter neben iWork etwa Mail, Textedit, das Terminal, die Karten-App und der Kalender. Weitere werden künftig folgen, sinnvoll ist das Feature aber natürlich nur in Programmen, in denen üblicherweise mehrere offene Fenster benötigt werden – in aller Regel also Produktivitäts-Apps. Dementsprechend verwunderlich ist es auch, dass zum Beispiel Vorschau und Notizen zumindest in der Public Beta 1 noch keine Tab-Funktion besitzen – obwohl man diese beiden Programme sicherlich auch zu den Produktivitäts-Apps rechnen kann.

In Produktivitäts-Apps wie Mail ist die Tab-Funktion ein Segen, auch wenn die Umsetzung zum Teil besser sein könnte
Vergrößern In Produktivitäts-Apps wie Mail ist die Tab-Funktion ein Segen, auch wenn die Umsetzung zum Teil besser sein könnte

Aus Safari bekannt: kinderleichte Bedienung

Immerhin setzt Apple das Tab-Feature konsequent ein: Bedient werden die App-Tabs nach dem gleichen Schema, das auch von Safari und dem Finder bekannt ist: Eine zusätzliche Tab-Leiste in der App ermöglicht das Öffnen mehrerer Dokumente oder Funktionen in einem Programmfenster, neue Tabs werden entweder mit Cmd+T angelegt oder durch einen Klick auf das kleine „Plus“-Symbol in der Tableiste. Die allerdings muss in Apps, die die Funktion bislang nicht boten, zunächst aktiviert werden. Auch sonst zeigt sich die Tab-Funktion von ihrer bekannten Seite: Vorhandene Tabs können wie im Apple-Browser mit dem Mauszeiger verschoben und neu angeordnet werden, ein Herausziehen eines Tabs aus der Tableiste sorgt dafür, dass sich das Tab als eigenes Fenster öffnet. Soll ein Tab geschlossen werden, ist das wie auch unter Safari oder im Finder mit dem kleinen „X“-Symbol im jeweiligen Tab möglich. Insgesamt also eine ausgesprochen praktische Lösung – wäre da nicht diese kleine, lästige Inkonsistenz.

Nützlich ist das Tab-Feature vor allem in den iWork-Apps.
Vergrößern Nützlich ist das Tab-Feature vor allem in den iWork-Apps.

Kompromisse in Pages, Numbers und Keynote

Das Problem der Tab-in-Apps-Funktion ist nämlich bisher, dass sie nicht systemweit gleich gelöst ist: Manche Apps funktionieren anders als andere, vor allem Office-Apps, zu denen neben iWork und Textedit auch Mail.app und Text-Editoren gehören. Hier ruft die Tastenkombination Cmd+T nämlich kein neues Tab auf, sondern öffnet wie ehedem das Schriften-Menü für das jeweilige Dokument. Hier musste Apple einen Spagat wagen, um einerseits Anwendern in Office-Programmen keine neue Tastenkombination für die Auswahl der Schriftart aufzuzwingen, andererseits aber auch das Tab-Feature in den Programmen zu etablieren. Der Nachteil dieser Lösung: In Pages, Textedit und Co. fehlt ein Hotkey für ein neues Tab mit einem leeren Dokument. Stattdessen muss entweder manuell ein neues Fenster über „Ablage -> Neu“ angelegt und in die Tableiste gezogen werden – oder der Anwender klickt auf den kleinen „+“-Button in der Tableiste, um ein neues Dokument zu öffnen.

Auch die Karten-App kann durchaus von der Tab-Funktion profitieren.
Vergrößern Auch die Karten-App kann durchaus von der Tab-Funktion profitieren.

Besonders umständlich in diesem Zusammenhang ist Mail.app, hier fehlt sogar das Plus-Symbol in der Tab-Leiste, was wir jetzt einfach mal als Bug notieren, ohne uns weiter darüber zu echauffieren. Trotzdem wäre ein Hotkey für ein neues Tab in Produktivitätsapps durchaus wünschenswert, um den Workflow zu beschleunigen. Denn die aktuelle Implementation bremst den Anwender in der Praxis eher aus und macht aus dem Vorteil der Tab-Leiste schnell einen Nachteil: Soll zum Beispiel bei der Arbeit mit Pages schnell ein zweites Dokument als Zwischenablage für Textbausteine nebenher laufen, muss dieses erst umständlich angelegt und in die Tab-Leiste gezogen werden. Besser wäre es, wenn eine einfache Tastenkombination ähnlich Cmd+T vorhanden wäre, die in allen (!) Produktivitätsapps ein neues und vordefinierbares Dokument auslöst – so, wie es auch bei Safari der Fall ist.

Übrigens gibt es das Problem nur beim Öffnen der Tabs, beim Schließen greift systemweit die gleiche Tastenkombination Cmd+W. Auch das Einblenden der Tab-Leiste greift immer über das „Darstellung“-Menü, so wie es auch unter Safari und im Finder der Fall war – hier hat Apple die Funktion also sauber und logisch eingebaut.

Ja, dass ist eine Tab-Leiste in der Kalender-App. Nein, sinnvoll ist sie nicht.
Vergrößern Ja, dass ist eine Tab-Leiste in der Kalender-App. Nein, sinnvoll ist sie nicht.

Tableiste in der Praxis: Ein echter Produktivitätsbonus

Hat man das Funktionsprinzip der Tab-Leiste in den einzelnen Anwendungen allerdings erst einmal begriffen, ist die neue Funktion unter macOS Sierra eine echte Arbeitserleichterung – zumal die Tabs ja auch innerhalb mehrerer Fenster angeordnet und zwischen den Fenstern ausgetauscht werden können. So können künftig in allen Apps Fenster „thematisch“ geordnet werden, was vor allem für Nutzer, die unter Pages, Numbers und Keynote mit vielen verschiedenen Dokumenten arbeiten müssen, eine echte Arbeitserleichterung darstellt. Zumal es in allen Anwendungen auch die praktische Option gibt, alle Fenster eines Programms in einem Fenster mit verschiedenen Tabs zusammen zu führen: Dazu muss einfach in der Menüzeile der Eintrag „Alle Fenster zusammenführen“ im Menü „Fenster“ angeklickt werden – schon herrscht Ordnung auf dem Desktop. Wünschenswert wäre allerdings, wenn sich dieser Klick auch schnell rückgängig machen ließe – andernfalls muss das Programmfenster später wieder manuell aufgeteilt werden, indem die Tabs wieder aus der Tab-Leiste herausgezogen werden. Dabei fällt auf, dass auch hier (noch?) der Hotkey für viele Tab-Funktionen fehlt – selbst Poweruser kommen also bei Nutzung der Tab-Funktion derzeit nicht um das Mausschubsen herum. Das ist ärgerlich, weil es dadurch vor allem beim Textarbeitern den Workflow unterbricht.

Im Terminal gibt es die Möglichkeit, „Fenstergruppen“ und damit Tabs zu sichern – eine Funktion, die auch bei anderen Apps sinnvoll wäre.
Vergrößern Im Terminal gibt es die Möglichkeit, „Fenstergruppen“ und damit Tabs zu sichern – eine Funktion, die auch bei anderen Apps sinnvoll wäre.

Tab-Technik noch nicht voll ausgeschöpft

Obwohl die Tab-Technik trotz der mangelnden Hotkeys und der nicht immer konsistenten Bedienung eine deutliche Bereicherung im täglichen Umgang mit dem Mac ist, gibt es dennoch Dinge, die nicht wirklich schlüssig sind: So ist das Fehlen des Tab-Features insbesondere bei der Vorschau-App ausgesprochen sinnfrei. Dabei haben doch gerade hier haben Anwender, die zum Beispiel viel mit Bildern oder PDF-Dokumenten arbeiten, regelmäßig mit massivem Fenster-Chaos zu kämpfen. Und in der Fotos-App fehlt sogar die Möglichkeit, mehrere Programmfenster gleichzeitig zu öffnen – die ja die Grundlage für eine Tab-Funktion wäre, von der auch die Fotoverwaltung deutlich profitieren könnte. Auch gibt es zum Beispiel im Terminal die ausgesprochen nützliche Möglichkeit, alle Fenster (und damit die Tabs) als Gruppe zu sichern, die sich jederzeit mit einem Klick wieder öffnen lässt. Gerade in den Office-Programmen wäre das ein richtig praktisches Feature – dummerweise bleibt es auf das Terminal beschränkt.

Fazit: Idee gut – Ausführung so lala

Das ist dann auch der Grund, warum die App-Tabs bei uns nur mit Zähneknirschen als gut befunden wird: Grundsätzlich praktisch, ziehen sich leider diverse Inkonsistenzen durch die neue Tab-Verwaltung. Die für Apple typische Einfachheit bleibt dabei auf der Strecke, stattdessen dürfte die Funktion gerade weniger erfahrene Anwender eher verwirren. Pro-Nutzer hingegen dürften schnell von den fehlenden oder nicht identisch umgesetzten Hotkeys genervt sein. Insofern hat Apple noch einiges nachzubessern, um die Funktion für alle User sinnvoll und effektiv zu gestalten. Schade – denn das Potential ist durchaus sichtbar.

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