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Ausprobiert: Alpine Carplay

26.06.2015 | 09:38 Uhr |

Carplay verspricht mit dem iPhone ein smartes und sicher bedienbares Infotainment im Auto. Wir nehmen die Lösung von Alpine unter die Lupe.

Unser fünf Jahre alter Alfa Romeo Mito erhielt bei der Erstausstattung 2010 das damals von Fiat/Alfa verbaute Infotainment-System Blue&Me , das auf „Windows Embedded Automotive“ basiert und gemeinsam von der Fiat-Gruppe und Microsoft entwickelt wurde.

Das wichtigste Merkmal ist ein System der Sprachsteuerung und Freisprechfunktion. In Zusammenarbeit mit dem iPhone war die Lösung vor fünf Jahren klasse. Bei der Bluetooth-Verbindung von iPhone und Infotainment-System werden die Kontaktdaten aus dem Smartphone übertragen, Anrufe lassen sich bequem per Lenkradsteuerung annehmen. Ist das iPhone über einen speziellen Blue&Me-USB-Adapter (rund 100 Euro) verbunden, lassen sich auch die Songs des iPhone über die Audioanlage des Fahrzeugs abspielen. Dennoch – das System hatte und hat Macken.

Seit iOS 8.3 finden Sie Carplay auch in den Einstellungen unter „Allgemein“. Sie können entscheiden, Carplay auch im Sperrzustand des iPhone zu nutzen.
Vergrößern Seit iOS 8.3 finden Sie Carplay auch in den Einstellungen unter „Allgemein“. Sie können entscheiden, Carplay auch im Sperrzustand des iPhone zu nutzen.

Die Spracherkennung hatte und hat erhebliche Probleme, wir haben selten unterwegs einen Anruf tätigen können, stattdessen heißt es anhalten und manuell wählen. Die Auswahl der Blue&Me-Funktionen über das Minidisplay ist nicht ungefährlich, wenn man im Auto unterwegs ist.

Carplay macht das Auto smart

Die geschilderte technische Problematik triff auch auf Autos anderer Hersteller zu, die ein paar Jahre alt sind. Apple stellte 2013 zunächst unter dem Namen „Siri Eyes Free“ eine Lösung vor, der neue Name lautet „ Carplay “.

Die Grundidee ist, verschiedene Funktionen eines iPhone mit der Kommunikationsanlage in Kraftfahrzeugen zu nutzen, gesteuert per Siri, ohne dass der Fahrer abgelenkt wird. Ähnlich wie bei der Apple Watch ist ein iPhone vorausgesetzt, damit Carplay funktioniert. Ohne ein Smartphone im Auto bieten die Lösungen dann die Basisfunktionalität eines AM/FM-Radios. Nun gibt es in Gegensatz zur Uhr keine Autoradios von Apple, Hersteller können die Carplay-Funktionalität integrieren. Das Gegenstück zu Carplay für Android-Nutzer heißt übrigens Mirrorlink .

Selbst installieren

Die Installation einer Carplay-Nachrüstung ist nicht ganz ohne. Bei uns kam erschwerend hinzu, dass ein (veraltetes) Infotainment-System installiert war. Nachdem wir uns bei Freunden und in Foren informiert hatten, sind wir zu einem professionellen Betrieb gegangen. Bei unserem Umbau muss außer dem Carplay-Gerät Alpine iLX-700 neben der neuen Radioblende ein Canbus-Adapter eingebaut und richtig verkabelt werden, dazu kommen ein Antennenadapter und eine USB-Buchse mit Verbindung zum Alpine. Für Umbau und Grundeinstellung waren 99 Euro fällig, ein fairer Preis bei drei Stunden Zeitaufwand.

Auf Apples Website zu Carplay sind Dutzende Kfz-Hersteller gelistet, die von diesem Jahr an verstärkt Modelle mit Carplay-Autoradios anbieten. Deren Entertainmentsysteme enthalten Apple-Technologie. Nun wird natürlich kein iPhone-Fan wegen Carplay ein neues Auto anschaffen. Mittlerweile gibt es mit Alpine und Pioneer zwei Hersteller von Infotainment-/Audiosystemen, die Carplay-Geräte zum Nachrüsten anbieten. Unsere Kollegen der PC-Welt hatten das Pioneer SPHDA 120 im Test, wir haben uns nach viel Recherche für das mit ca. 600 Euro rund 200 Euro teurere Alpine iLX-700 zur Nachrüstung entschieden. Wie alle original verbauten oder Nachrüstlösungen verlangt das System einen 2-DIN-Schacht und bietet eine geringe Einbautiefe. Ein kapazitiver 18-Zentimeter-Touch-Screen (7 Zoll) sorgt für großartige Übersicht. Die geringe Einbautiefe von nur 7 Zentimetern erlaubt den Einbau in fast alle gängigen Fahrzeuge.

Selbst einbauen oder Fachmann?

Die Frage, ob sich mit dem Einbau in Eigenleistung Geld sparen lässt, ist zunächst mit Ja zu beantworten. Ein kurzer Blick in ein paar Foren belehrte uns aber eines Besseren. Neben etwas handwerklichem Geschick sind noch diverse Adapter anzuschaffen und zu verbauen, Verbindung zur Lenkradsteuerung herzustellen und mehr. Zumindest Nutzer, die ein veraltetes System ersetzen wollen und über eine Lenkradsteuerung verfügen, sollten sich überlegen, ob sie sich den Job zutrauen.

Wir entschieden uns für den Gang zum Fachmann, zu Planet-Caraudio in Hamburg. Eine Info vorweg: Das Unternehmen führt den Um- und Einbau von 2-DIN-Geräten zum Festpreis von 99 Euro durch, außerdem gab es einen Kostenvoranschlag, der mit dem späteren Preis bei uns übereinstimmte. In unserem Fall kamen zu den Kosten für das Carplay-System und den Einbau eine Radioblende, ein Canbus-Adapter für das vorhandene Steuerelement der Kfz-Elektronik, ein Antennenadapter und eine USB-Buchse hinzu. Eine derartige Umrüstung kostet also rund 900 Euro – ein sportlicher Preis. Wir haben die Ausgabe nach dem Einbau vor zwei Wochen schnell verschmerzt, Carplay ist einfach großartig.

Telefon und Nachrichten

Wer noch keine Freisprechanlage im Auto hatte, bekommt dank Carplay eine Top-Lösung. Gesteuert über Siri („Ruf Peter Müller mobil an“) oder über die Touch-Auswahl, tätigen Sie Anrufe, per Siri lassen sich Nachrichten diktieren und versenden – natürlich klappt auch der Empfang problemlos. Die am iPhone gespeicherten Daten zu „Favoriten“, „Anrufliste“, „Kontakte“, der Ziffernblock und sogar Voicemail lassen sich nutzen.

Erster Start Carplay

Apples Carplay setzt eine Verbindung per USB via Lightning-Kabel mit dem iPhone voraus, deshalb der bei uns verbaute zusätzliche USB-Adapter, der das iPhone praktischerweise auch lädt – das ist wichtig, dazu später mehr.

Wird das Radio eingeschaltet, fordert es am Display auf, das iPhone zu verbinden. Geschieht das nicht, wechselt es zum integrierten Radio mit allen Finessen. Wir verbinden das iPhone mit dem USB-Port und werden aufgefordert, es zu entsperren (Code-Sperre), die Funktion Touch-ID wird natürlich unterstützt – sofort steht Carplay zur Verfügung.

Bis iOS 8.2 verfügte das iPhone über keine eigene Einstellung zu Carplay, das hat sich mit iOS 8.3 geändert. Weiterhin erscheint am iPhone das Carplay-Logo, sobald Sie das Gerät via Lightning-Kabel verbinden. Mit iOS 8.3 hat Carplay nicht nur Verbesserungen verpasst bekommen, sondern auch eine gleichnamige Einstellung unter „Allgemein“. Hier wird Ihr Carplay-Gerät gelistet, sobald Sie es das erste Mal verbunden haben. Sie können festlegen, Carplay auch im Sperrzustand nutzen zu können. Eine USB-Verbindung zum Carplay-System macht aus einem zweiten Grund Sinn: Nutzt man Navigation oder Streaming-Dienste, wird der Akku des iPhones ohne Stromversorgung via USB schnell geleert.

Ein weiterer Grund ist Siri: Seit iOS 8 kennt das iPhone – und somit auch Carplay – die Aktivierung des Sprachassistenten über den Befehl „Hey Siri“. Das klappt jedoch nur, wenn das iPhone mit Strom versorgt ist. Zwar verfügt das Alpine auch über genau einen erhöhten Button am Gerät, der Siri aktiviert, mit dem Sprachbefehl „Hey Siri, die Route zu meiner Mutter“ geht die Navigation einfach besser.

Apps bei Carplay

Sind iPhone und Carplay-System verbunden, zeigt das System die Apple-Apps Telefon, Musik, Karten, Nachrichten und Podcasts, dazu die Funktion „Sie hören“ und die ins System integrierte Funktion „Mein Menü“, über die sich auch das integrierte Radio erreichen lässt, dazu Einstellungen für den Equalizer.

Navigation mit Karten

Mit der Kombination aus Karten am iPhone und Carplay steht ein Navi zur Verfügung, das dank des großen Displays enorme Übersicht bildet. Einzelne Elemente lassen sich ausblenden, um freien Blick auf die komplette Karte zu haben. Mittlerweile ist Karten ausgereift und geeignet als Navi. Dank Siri ist die Zieleingabe einfach, neben verzeichneten Adressen sucht das System auch im Internet. Karten bleibt im Hintergrund aktiv, bis Sie die Navigation beenden.

Das Carplay-System „spiegelt“ die Apps, sie liegen nicht im System vor. Es handelt sich quasi um das Interface der betreffenden Apps, alle Aktionen finden auf dem iPhone statt – nur als Beispiel: Wird das System zum Navi, startet und nutzt es Apples Karten und das GPS im iPhone, allerdings mit toller Darstellung auf dem Display des Alpine. Apple bestimmt, welche Apps, die am iPhone installiert sind, auch per Carplay nutzbar sind. Laut Aussage des Unternehmens werden stetig weitere hinzukommen. Neben Apples im Lieferumfang enthaltenen Apps werden auch auf dem iPhone installierte Drittanbieter-Apps genutzt. Von denen gibt es aktuell nur drei, die bei uns populärste ist sicher Spotify , dazu die Podcast-Radio-App Stitcher und Umano, ein Newsdienst mit gesprochenen Nachrichten. Laut Apple wird es weitere geben.

Bedienung von Carplay

Wer ein iOS-Gerät bedienen kann, kommt sofort mit Carplay zurecht. Ähnlich wie beim iPhone gelangt man per Wischgeste zum nächsten Home-Screen, wenn alle aktuell verfügbaren Apps am iPhone installiert sind. Auch die App-Auswahl erfolgt per Touch-Geste. Das Tollste bei Carplay ist die Sprachsteuerung per Siri: Ob man Musik einer bestimmten Playliste hören möchte, einen Kontakt anrufen oder eine Nachricht versenden will, alles geht via Siri.

Pioneer und Autonet: Carplay zum Nachrüsten

Dabei wird der Sprachbefehl über das zum Carplay-Gerät gehörige Mikrofon an das Carplay-System und von da aus an das iPhone übertragen, abgearbeitet, und das Ergebnis wird im Display des Alpine dargestellt. Während der Aktionen bleibt das Display des iPhone dunkel, die Arbeit läuft im Hintergrund. Sehr schön ist der erhabene Siri-Button: Wenn man nicht per Sprachbefehl „Hey Siri“ loslegen will oder kann (keine Stromverbindung), reicht ein Druck auf den Button, er ist leicht zu ertasten, ohne dass man die Augen von der Straße nehmen muss. Auch wer Siri bislang nicht viel nutzte, mit Carplay macht das Spaß und spart enorm Zeit, mittlerweile ist Siri den Kinderschuhen erwachsen.

Carplay im Einsatz

Bei allen Touren haben wir in der Testphase Karten zur Navigation genutzt. Mittlerweile ist Apples Navi-Lösung seine Kinderkrankheiten los und funktioniert prima – unterwegs natürlich per Internet-Verbindung über die Mobilfunkkarte. Auf dem großen 7-Zoll-Display des Alpine ist die Darstellung einfach klasse. Wechselt man während der Fahrt etwa zu Musik, um Songs aus seinen iTunes-Listen zu spielen oder Spotify zu nutzen, bleibt das Karten-Icon auf dem Display zu sehen, die App lässt sich wieder in den Vordergrund holen. Die sprachgesteuerte Navigation läuft natürlich auch im Hintergrund weiter.

iTunes und Spotify

Carplay bietet Zugriff auf die Musik der iTunes-Mediathek, auch hier mit allen vom iPhone bekannten Optionen. Mittlerweile ist Siri auch beim Aufruf fremdsprachiger Alben besser geworden, zumindest versteht Siri englische Künstlernamen. Schön gemacht ist die Einblendung der Cover im Hintergrund. Auch Spotify hat Apples Segen, es lässt sich ohne Probleme nutzen, in der kostenlosen oder der Premium-Version.

Die App iTunes bietet bei Carplay alle Funktionen der iPhone-App, also Listen, Künstler, Genius-Listen und mehr. Sind zu Songs auch die Albencover am iPhone gespeichert, werden diese groß auf dem Display angezeigt, das ist sehr nett umgesetzt. Die Funktionen der vorhandenen Lenkradsteuerung werden bei uns auch von Carplay akzeptiert, also nächster/voriger Song, lauter und leiser sowie stumm. Sehr gut gefallen hat uns auch Spotify, Carplay unterstützt die kostenlose Version ebenso wie die Premium-Variante.

Der Knaller sind die Apps Nachrichten und Telefon. Eingehende Telefonate lassen sich super einfach annehmen, Nachrichten werden vorgelesen. Nachrichten kann man direkt beantworten, der komplette Prozess ist Siri-gesteuert, ohne dass man die Finger vom Lenkrad nehmen muss. Als Überraschung für uns werden eingehende Push-Nachrichten auch im Display angezeigt, von allen Apps.

Fazit

Zwar schmerzt der Preis, aber auf Carplay im Auto wollen wir nicht verzichten, es ist beim Fahren ein echtes Highlight. Carplay setzt mindestens ein iPhone 5 voraus, wir empfehlen zudem iOS 8.

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