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Das Beste an Watch OS 2: Mehr Infos auf dem Zifferblatt

12.06.2015 | 18:35 Uhr |

Zuschaltbare Komplikationen von Drittanbietern sind für unseren Autor wesentlich wichtiger, als es native Apps auf der Apple Watch sind. Lesen Sie seine Begründung

Im Herbst bringt Apple die zweite Version des Betriebssystems für die Apple Watch. Entwickler können dann auch native Apps für die Uhr programmieren und Daten von deren Sensoren nutzen. Weit wichtiger als das sind nach Ansicht unseres US-Kollegen Michael Simon aber die Complications oder Komplikationen, die nun auch Entwickler für ihre Zwecke nutzen können. Jene Kurzinformationen auf dem Zifferblatt, über die Apps mit dem Träger der Uhr kommunizieren:

Als einer der Glücklichen mit genügend Geld auf dem Sparkonto, um das teuerste "Apple Watch"-Modell zu kaufen, das nicht mit 18-Karat Gold eingefasst ist, war ich auch einer der letzten unter den Vorbestellern, die ihre Uhr bekamen. Bis ich also endlich meine Apple Watch aus Edelstahl in Space Black anlegen konnte, hatte ich eine ziemlich gute Vorstellung von dem, was auf mich zukommen würde. Ich hatte nicht nur mit Vorführmodellen im örtlichen Apple Store herumgespielt und verschiedene Armbänder anprobiert, sondern auch dutzende Berichte von Leuten gelesen, die ihre Uhr vor mir erhalten hatten.

Dabei handelte es sich nicht nur um die üblichen Kurzberichte. Während der 52 Tage von meiner Bestellung bis zum Eintreffen der Uhr verschlang ich alles, was es zur Apple Watch zu lesen gab. Angefangen bei emotionalen Berichten zu den Bedienungshilfen bis hin zu therapeutischen Geschichten von Paaren, die die Uhr nutzen, um ihre Beziehung zu vertiefen. Aber vor allem las ich über Apps.

Der Standard

In der Post-iPhone-Ära sind Apps alles. Bereits ganz am Anfang, als Steve Jobs uns davon zu überzeugen versuchte, dass Web-Apps eine "tolle" Lösung für Entwickler seien war klar, dass man eine Plattform brauchen würde, um native Anwendungen zu verkaufen. Unabhängig davon wie gut ein Entwickler beim Programmieren von AJAX-Code war, gab es einen riesigen Unterschied zwischen den Apps, die Apple anbot und denen, die in Safari auf dem iPhone liefen. Apple setzte den Standard für Geschwindigkeit, Qualität und Benutzerfreundlichkeit und Entwickler griffen nach dem SDK des iPhone, sobald sie nur konnten. Das Multitouch-Display eröffnete eine ganze Welt an Möglichkeiten für mobile Applikationen und als der App Store seine Tore öffnete, zogen hunderte eleganter moderner Apps ein.

Apple Watch Stahl
Vergrößern Apple Watch Stahl
© Apple

Ich nahm an, bei der Apple Watch würde es ähnlich laufen. So wie Entwickler ihre Mac-Apps in Größe und Umfang auf die Maße des iPhone schrumpfen ließen (und sie für das iPad wieder vergrößerten), würde man sie einfach für die Apple Watch noch kleiner machen. Und während ich Screenshots betrachtete und Blog-Einträge und Berichte über verschiedene Apps las, die ich später installieren würde, schien genau das zu passieren: Entwickler stutzten Informationen Häppchenweise auf ein Handgelenk-großes Display zusammen.

Aber nachdem meine Flitterwochen mit der Apple Watch vorbei waren, geschah etwas Lustiges: Ich höre auf, Apps zu nutzen. Vollständig. Wenn ich keine Benachrichtigung bekam, die mich zu einer Reaktion veranlasste (wie eine Nachricht oder ein Anruf), öffnete ich auch keine Apps. Nicht einmal die von Apple.

Kurz und Knackig

Es ist nicht unbedingt etwas falsch mit den Apps der Apple Watch. Selbst ohne native Unterstützung - die Hauptneuerung der diesjährigen Version von Watch OS 2 - sehen die Apps ansprechender aus als die erste Generation der iPhone-Apps oder sogar der iPad-Apps. Die Entwickler haben sich viele Gedanken gemacht, welche Informationen an unseren Handgelenken nützlich sind und viele der Apps, die ich benutzt habe sind recht intuitiv beim Anzeigen von Datenhäppchen. Und obwohl es einfach wäre, die vorhandenen Zeitverzögerungen zu bemängeln, ist das auch kein wirkliches Problem. Zugegebenermaßen kann der Ladevorgang manchmal unangenehm lange dauern, aber meistens erscheinen die Apps relativ schnell und es gab nur selten den Fall, dass ich aus Ungeduld eine App wieder geshlossen habe.

Apple Watch Alu
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© Apple

Die Apple Watch hat irgendetwas, was einen von der Nutzung der Apps abzuhalten scheint. Und egal wie viel besser die Apps auf der Apple Watch unter watchOS 2 laufen werden, sehe ich nicht, dass ich sie vermehrt nutzen werden. Nachdem ich mich an das neue Gerät an meinem Handgelenk gewöhnt habe, nehmen flüchtige Blicke und kurzes Hinschauen den größten Teil meiner Zeit ein. Selten gucke ich länger als einige Sekunden auf das Display. Und mit den kommenden Komplikationen von Drittherstellern in Watch OS 2 schätze ich, dass ich das Display noch weniger anschauen werde.

Die Apple Watch hat mir etwas wiedergegeben, von dem ich gar nicht wusste, dass ich es verloren hatte: Konzentration. Während ich mich leicht im Meer der Apps auf meinem iPhone verliere, hat mir die Apple Watch die Welt um mich herum wieder näher gebracht obwohl ich "connected" bin. Ein schneller Blick auf meine "Checks" erspart es mir, minutenlang auf mein iPhone zu schauen und hilft mir dabei, mich auf die Leute um mich herum einzulassen und nicht auf Bildschirme zu starren. Man findet es nicht in den Marketingbotschaften, aber es scheint, als ob dies einer der Hauptgründe ist, weshalb Apple eine Smartwatch gebaut hat. WatchOS 2 ist ein weiterer Schritt auf dem Weg Technik wirklich in unser Leben zu integrieren und uns nicht durch die Technik von unserem Leben abhalten zu lassen.

Von Stunden zu Sekunden

Wir benutzen jedes unserer Apple-Geräte auf unterschiedliche Art und Weise. Aber es geht nicht nur darum wie wir sie nutzen, sonder für wie lange. In dem Maße, in dem unsere Geräte kleiner und leistungsfähiger geworden sind, definiert sich die Zeit, die wir mit ihnen verbringen dadurch, was wir mit ihnen machen und wie.

Mac: Stunden, iPad: Viertelstunden, iPhone Minuten, Apple Watch: Sekunden

Ich kann den ganzen Tag ohne Ermüdung an meinem Schreibtisch sitzen und meinen Mac nutzen, aber dasselbe mit dem iPad zu probieren, ist nicht annähernd so komfortabel. Und ich kann durch hunderte Twitter-Meldungen wischen oder mehrere E-Mails an meinem iPhone beantworten, aber auf der Apple Watch ist das nicht wirklich angenehm. Mit einem Display, das an meinem Handgelenk befestigt ist, muss ich meinen Arm in einer speziellen Position halten, um es zu bedienen. Und nach einer relativ kurzen Zeit ist das kein Vergnügen mehr.

Test: Die Apple Watch im Alltag

Daher funktionieren all diese Apps, die in der Theorie eine gute Idee waren, in der Realität bei mir nicht. Ich sehe auch nicht wie Watch OS 2 das ändern wird. Kein Zweifel, Entwickler werden geniale Werkzeuge und Spiele erstellen, die unglaubliche Dinge auf winzigem Platz vollbringen, aber am Ende läuft es auf die Nutzbarkeit hinaus. Die meisten Leute werden ihren Arm nicht länger hochheben als um "Play" zu drücken oder eine Benachrichtigung wegzuklicken.

Das ist der Grund, weshalb die Komplikationen von Drittanbietern das Spannendste am neuen SDK sind. Nachdem ich alle Zifferblätter von Apple durchprobiert hatte, wurde "Utility" schnell mein Favorit. Hauptsächlich wegen der Möglichkeit die Informationen anpassen zu können, die man sieht, wenn man sein Handgelenk hochhebt. Solar und Lotions sind sicherlich sehr schön und etwas vom ersten, was ich bei einer Watch-Vorführung zeige, aber ich habe mich für ein funktionaleres Zifferblatt entschieden, damit ich schneller eine Auswahl an Dingen sehen kann, als mit Checks.

Komplikationen sind das Highlight

Die besten Geräte sind die, die sich nahtlos in unser Leben einfügen und eine geringe Eingewöhnungsphase haben. Die Apple Watch schaffte das außergewöhnlich schnell. Nach weniger als einem Tag habe ich kaum noch zu meinem iPhone gegriffen. Die Dinge, die mir besonders wichtig waren - insbesondere wichtige E-Mails, Nachrichten und Anrufe - landeten elegant an meinem Handgelenk und nahmen mir schnell die Sorge, ich könnte etwas verpassen.

Apple Watch Gold
Vergrößern Apple Watch Gold
© Apple

Es ging nicht nur darum, dass ich mein Telefon weniger kontrollierte, sondern, nachdem der Reiz des Neuen verflogen war, sich auch die Nutzung der Apple Watch deutlicher reduzierte, als ich erwartet hatte. Während ich die Benachrichtigungszentrale des iPhone selten einsetze, sind Checks auf meiner Watch ein perfekter Ort für Widgets mit kleinen Informationshäppchen. Ich kann ein Sportergebnis abrufen, die Wettervorhersage, Twitter-Erwähnungen oder meinen Datenverbrauch, alles ohne eine App aufzurufen. Die Apple Watch eignet sich bestens für Widgets und ich interessiere mich viel mehr dafür wie Checks von der nativen Unterstützung profitieren wird, als die dazugehörenden Apps.

Aber Drittanbieter-Komplikationen sind der wirkliche Gewinn. Es wäre ideal, wenn sie automatisch über den Tag hinweg wechseln würden. Zum Beispiel könnte eine Aktie angezeigt werden, solange der Handel geöffnet ist und die Abflugzeiten an dem Tag auftauchen, an dem ein Flug ansteht. Eine individuelle Anpassung des defakto Sperrbildschirms erweitert die Möglichkeiten der Apple Watch deutlich mehr, als native Applikationen. iOS und OS X haben sich in eine Richtung entwickelt Informationen bereitzustellen ohne Programme häufig öffnen und schließen zu müssen.

Aber auf diesen Geräten sind Apps noch am sinnvollsten. Es macht mir nichts aus, Zeit an meinem Mac oder iPhone zu verbringen. Aber mit der Watch am Arm möchte ich mein Handgelenk so schnell wie möglich wieder ablegen. Wenn die Entwickler erstmal die Schönheit und Einfachheit der Komplikationen für sich entdecken, wird selbst die Anzahl meiner täglichen Checks noch weiter sinken.

Jetzt muss ich nur noch auf die API für Ziffernblätter warten.

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