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Fotolaboranten unter iOS

iPad-Apps für die Bildbearbeitung

21.10.2013 | 07:09 Uhr |

Das iPad ist der perfekte Bilderrahmen zur Präsentation, doch mit den richtigen Apps eignet es sich auch sehr gut für die Bearbeitung und Verbesserung digitaler Bilder

Wenn Menschen mit einem iPad unterm Arm in einem Restaurant oder einer Kneipe auftauchen, sind sie meist entweder Angeber oder aber sie wollen ihren Freunden Fotos präsentieren. Denn gerade dafür ist das iPad mit seinem hochauflösenden Display und guter Farbdarstellung ein fast perfektes Werkzeug.

Und nicht selten kommt dann auch der Wunsch auf, Bilder nicht nur zeigen zu können, sondern sie auch zu bearbeiten. Es müssen ja nicht gleich aufwendige Bildmontagen sein, die sich mit dem iPad und seinen beschränkten Eingabemöglichkeiten ohnehin kaum durchführen ließen. Andererseits unterschätzt man leicht die Rechenleistung des iPad, die durchaus auch für ambitionierte Bildbearbeitung reicht. Und man vergisst leicht, dass die Auflösung des Retina-Displays fast jeden Computermonitor in den Schatten stellt, wobei gleichzeitig die Farbdarstellung sehr natürlich ist. Das iPad kann also deutlich mehr sein als nur der Bilderrahmen für die Urlaubsfotos.

Einsatzszenarien

Zunächst steht aber die Frage im Raum, was sich der Anwender eigentlich unter Bildbearbeitung vorstellt, denn hier gibt es ein weites Spektrum: Der eine meint damit womöglich nicht viel mehr als das Umranden mit einem mehr oder weniger stilvollen Rahmen, während der andere von der Korrektur von Farbstichen bis zum Aufhellen von Schatten die ganze Palette der Bildkorrekturen meint.

Welchen Umfang die Korrekturen annehmen können, hängt auch davon ab, ob das iPad eher eine mobile Ergänzung zu einem großen Mac beziehungsweise PC ist oder ob es diesen längst ersetzt hat und daher alle anfallenden Aufgaben erledigen muss. Ob das gelingen kann, ist auch eine Frage des Anspruchs, denn für mancherlei Aufgaben wie etwa pixelgenaue Korrekturen taugt das iPad schon wegen der Touch-Bedienung eher nicht.

Eine weitere Frage ist dabei, ob die Bearbeitung auf dem iPad überhaupt perfekt gelingen muss oder ob es beispielsweise reicht, unterwegs die Bearbeitungsmöglichkeiten zu überprüfen und zu simulieren, was man später zu Hause noch einmal gründlich machen kann. So lässt sich das iPad wie eine Art Skizzenblock nutzen, um darauf Strategien auszuprobieren. Diese Strategie nutzen selbst Profifotografen, die ihren Kunden noch am Set zeigen können, was sie aus den Bildern zu machen gedenken. Dabei zählt vor allem die Schnelligkeit und Flexibilität des iPad, perfekte Bildqualität ist dagegen kaum gefragt, denn dafür sorgt man später gründlich auf dem Computer.

Photogene

Photogene ist der Klassiker unter den Foto-Apps fürs iPad und wurde jüngst total überarbeitet. Der Funktionsumfang lässt kaum Wünsche offen. Wer sich mit Bildbearbeitungsprogrammen für richtige Computer auskennt, wird mit der App sofort zurechtkommen. Mittlerweile kann Photogene auch mit vielen Raw-Dateien umgehen und exportiert Dateien in alle sozialen Netze und Online-Speicher. Ein klarer Tipp.

Import der Bilder

In der Regel wird man auf dem iPad Bilder bearbeiten wollen, die nicht mit dessen Kamera geschossen wurden und daher erst mal importiert werden müssen. Dafür kann man sie natürlich sehr einfach zunächst auf den Mac oder PC importieren und dann per iTunes oder drahtlos per Foto­stream aufs iPad weiterreichen.

Doch wer noch vor Ort seine Bilder bearbeiten möchte, muss sie auch direkt dort importieren. Für die iPads mit dem älteren Dock-Anschluss gibt es das iPad Camera Connection Kit, das aus einem SD-Kartenleser und einer USB-Schnittstelle, die sich direkt mit der Kamera verbinden lässt, besteht. Für den Lightning-Anschluss sind beide Komponenten getrennt erhältlich. Alle importieren sämtliche Fotos und Filme von der Kamera beziehungsweise Speicherkarte direkt auf das iPad.

Photoraw

Will man alles aus seiner Digitalkamera herausholen, speichert man seine Bilder im Raw-Format und „entwickelt“ sie erst im Computer. Photoraw kann frisch importierte Raw-Dateien auf dem iPad konvertieren und so für andere Bildbearbeitungs-Apps zugänglich machen. Nicht so komfortabel und schnell, wie man es von Programmen wie Adobe Lightroom auf dem Computer gewohnt ist, aber gut genug, um damit gleich vor Ort erste Bearbeitungsschritte zu probieren.

Rohkostverwertung

Die schöne Idee, seine Aufnahmen noch vor Ort von der Speicherkarte der Kamera ins iPad einzulesen und zu bearbeiten, hat für viele Anwender einen entscheidenden Haken. Denn statt ihre Bilder im JPEG-Format zu speichern, nutzen sie die Möglichkeit, durch den Einsatz des Raw-Formats die Umwandlung des Bildes dem Computer zu überlassen und dadurch beispielsweise mehr Zeichnung in Lichtern und Schatten zu erlangen. Raw-Dateien werden zwar problemlos mit aufs iPad importiert, doch die üblichen Foto-Apps zeigen allenfalls die darin eingebettete Bildvorschau an.

Wir fanden im deutschen Store mit Photoraw eine App, die Raw-Dateien ins überall nutzbare JPEG-Format konvertieren kann, um sie dann in anderen Apps weiterzubearbeiten. Die Konvertierung auf dem iPad ersetzt nur bedingt den Raw-Konverter auf dem Computer, ermöglicht aber immerhin unterwegs die Überprüfung der Reserven in den Bildern und das Ausprobieren von Bearbeitungsstrategien.

Photoshop Touch

Photoshop Touch belehrt alle, die bezweifeln, dass ein Tablet alles kann, eines Besseren. Denn die App bietet locker den Funktionsumfang älterer Desktop-Versionen und gestattet auch die Arbeit mit Ebenen, Filtern, Auswahlen und Kurven. Manches ist vereinfacht, um per Finger bedienbar zu sein, doch es lassen sich erstklassige Resultate erzielen. Nichts für Gelegenheitsnutzer, aber ein Muss für ambitionierte Fotografen.

Geeignete Kandidaten

Apps zur Bildbearbeitung hält der Apple Store in einer riesigen Anzahl bereit. Wir konzentrierten uns daher von vornherein auf Apps, die sich vor allem auf das Verbessern und Retuschieren von Aufnahmen verstehen mit dem Ziel, diese für die Präsentation oder den Druck aufzubereiten. Weniger interessierten wir uns für schrille Effekte oder Verfremdungen, die vielleicht kurzfristig Spaß machen mögen, dann aber schnell langweilig werden.

Mit Apple, Adobe und Google schicken gleich drei Schwergewichte unter den Anbietern ihre Apps ins Rennen, und alle drei zeigen ihre jeweiligen Stärken. Dabei führt kein Weg an Apples iPhoto-App vorbei, wenn es um eine gut beherrschbare und gleichzeitig leistungsfähige Bildbearbeitungs-App geht, weshalb sie auch unser Editor’s Choice ist. Doch obwohl diese Wahl für den Großteil unserer Leser die richtige sein dürfte, dürfte der Rest mit einer der anderen Apps besser bedient sein.

Die kostenlose App Snapseed gehört mittlerweile zu Google und bietet einen großen Funktionsumfang, der teilweise noch über dem von iPhoto liegt und neben Korrekturen auch Experimente mit Filtern und Verfremdungen erlaubt. Die Bedienung ist dabei eher ungewöhnlich, aber sehr konsistent und durchdacht. Werkzeuge sind in Gruppen sortiert, zwischen denen man öfter wechseln muss, was bisweilen etwas umständlich wirkt. Nach etwas Eingewöhnung kommt man mit dieser App sehr schnell zu recht überzeugenden Ergebnissen. Selbst selektive Korrekturen sind in Grenzen möglich, wobei man aber von pixelgenauen Auswahlen und der Präzision, die Bildbearbeitungen auf Mac oder PC bieten, ein gutes Stück entfernt bleibt.

Snapseed

Mittlerweile gehört Snapseed zum Google-Imperium und ist seitdem kostenlos zu haben. Effekte, Filter und Einstellungen wählt man aus einer Gruppe aus und wendet sie mit Wischgesten an, was man zwar sehr schnell verinnerlicht, auf Dauer aber etwas umständlich wirken kann. Dafür ist der Funktionsumfang sehr groß und umfasst auch manche Kreativfilter. Insgesamt eine exzellente und teils auch überlegene Alternative zu iPhoto. Ausprobieren lohnt sich also.

Aus einem anderen Holz ist allerdings Photoshop Touch gestrickt, mit dem Ado­be das Kunststück fertigbekommt, die Essenz des ebenso beliebten wie kostspieligen Bildbearbeitungsklassikers für Mac und PC auf das iPad zu übertragen. Die App beherrscht unter anderem den Umgang mit Ebenen, die annähernd pixelgenaue Auswahl von Bereichen per Zauberstab und Lasso, Tonwertkorrekturen und eine Menge Filter aller Art. Ver­glichen mit der Desktop-Version fehlt, absolut gesehen, einiges und die Werkzeuge auf dem iPad sind teils einfacher gehalten, um überhaupt bedienbar zu sein. Doch insgesamt lässt sich ein Großteil der gewohnten Bearbeitungsschritte auch auf dem iPad vormachen und dann womöglich später am Computer noch etwas verfeinern. Für Fotografen mit Photoshop-Erfahrung führt kein Weg an der iOS-Version vorbei. Die Gratis-App Photoshop Express ist deutlich einfacher gehalten und läuft erst durch einige In-App-Käufe zu brauchbarer Form auf, was sie weniger empfehlenswert macht.

Apple iPhoto

Zukünftig dürfen alle Besitzer eines neuen iOS-Gerätes iPhoto kostenlos laden, doch auch Käufer der App kommen bei iPhoto auf ihre Kosten. Die Bearbeitungsmöglichkeiten sind relativ begrenzt, reichen aber locker aus, um Ausschnitt, Belichtung, Farbe und Schärfe eines digitalen Fotos noch vor Ort so zu verbessern, dass es für die Präsentation und auch für den Druck reicht. Dabei ist die Bedienung sehr intuitiv und erfordert nur wenig Eingewöhnung. Aus den fertigen Bildern lassen sich hübsch gemachte Fotojournale erstellen und teilen.

Editor’s Choice: iPhoto

Die Entscheidung, Apples iPhoto-App zur Editor’s Choice zu erheben, war durchaus knapp, aber unterm Strich lässt sich mit dieser App auf dem iPad am schnellsten, zuverlässigsten und intuitivsten ein digitales Bild etwas verbessern und aufbereiten, ohne gleichzeitig Verwirrung durch zu viele Werkzeuge zu stiften. Denn wie bei Apples eigenen Apps üblich schafft auch iPhoto sehr die Balance zwischen einem zwar auf das Wesentliche reduzierten, aber dennoch ausreichenden Funktionsumfang einerseits und einer sehr einfachen, auf die Touch-Bedienung gut abgestimmten Bedienung andererseits.

Die wenigen Werkzeuge der App erweisen sich als ebenso mächtig wie hochwertig. Und obwohl auch mancher Effekt­filter zur Verfügung steht, fällt auf, dass es nicht so leicht ist, ein Foto zu verschandeln. Stattdessen lässt sich per iPhoto auf dem iPad in Windeseile ein gerade aufgenommenes Bild druckreif bekommen.

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