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Für wen der Mac Pro noch taugt

06.03.2013 | 10:04 Uhr |

Seit dem 1. März verkaufen Apple und seine Handelspartner in der EU und in EFTA-Staaten nur noch Restbestände des Mac Pro. Ein Nachfolger ist in Aussicht gestellt – wie der aussieht, ist jedoch ungewiss. Doch wer braucht überhaupt noch einen Mac Pro?

Von der Leistung her ist der iMac mit 27-Zoll-Bildschirm und Fusion Drive der derzeit schnellste erhältliche Mac, der im Benchmark dem drei Jahre alten Mac Pro mit zwölf Prozessorkernen kaum nachsteht. Auch die Leistungsdaten des Macbook Pro lassen kaum zu wünschen übrig. Wer benötigt also einen Mac Pro? Wir haben uns vier Einsatzszenarien angesehen und professionelle Anwender zu ihren Bedürfnissen und Wünschen befragt.

Macwelt 4/13

Seit 1. März als PDF-Ausgabe und in der interaktiven Fassung Macwelt HD im App Store: Alles zum Thema Fernsehen am Mac, Apple-TV und DVB-T. Dazu: Mac Mini Alternate Edition im Test, Fusion Drive für alte Mac Minis und Tipps und Tricks zu iTunes 11.

Die gedruckte Ausgabe liegt ab 6. März am Kiosk.

Mac Pro und die Fotografie

Uli Steiger, Fotograf und 3D-Künstler ( www.dielichtgestalten.de ), benötigt den Mac Pro vor allem für Photoshop und Cinema 4D. Während ihm für Photoshop auch eine „kleinere Alternative“ wie der 27-Zoll-iMac genügen würde, ist er beim Rendern von 3D-Bildern für die 12-Kern-Maschine Mac Pro „sehr dankbar: weil flott, leise und zuverlässig“. Die Frage des Umstiegs auf eine Windows-Maschine stellt er sich nicht. „Die Hürde der Umstellung auf Windows (Betriebssystem, Geräuschpegel, Übertragen bestehender Daten/Datenbanken) wäre zumindest für mich so hoch, dass ich eigentlich nicht darüber nachdenken muss.“ Für Steiger käme also eher ein Nachfolger des Mac Pro in Frage, und an diesen formuliert er konkrete Wünsche in Sachen Leistung und Effizienz: „Neben der allgemein anerkannten Doktrin „höher-schneller-weiter“ würde mir ein Rechner gut gefallen, der mit weniger Ener­gie auskommt. Wenn man täglich zehn Stunden mit dem Ding arbeitet und diese Zeit in Bezug zu den rasch steigenden Energiekosten setzt, erkennt man beträchtliches Einsparpotenzial.“

Ralf Obermann ( www.ro-fotografie.de) hat Apple als Kunden hingegen verloren. Mit Jobs sei „bei Apple die Innovation verstorben“, klagt der Hochzeitsfotograf, der lieber Jonathan Ive anstatt Tim Cook als Jobs-Nachfolger gesehen hätte. Selbst das bisher für Präsentationen eingesetzte Macbook Pro werde er nun ersetzen: „Die Geräte sind zu teuer und zu langsam, schränken zu sehr ein, machen einfach nur wütend. Wir arbeiten mit Windows, schnell, stabil und kosteneffizent.“

Für Fotografen perfekt geeignet sieht Apple das Macbook Pro mit Retina-Display. Nicht alle schließen sich dem an.
Vergrößern Für Fotografen perfekt geeignet sieht Apple das Macbook Pro mit Retina-Display. Nicht alle schließen sich dem an.
© Apple

Mac Pro macht den Final Cut

Geht es nach Apple, ist der iMac für Videoschnitt vollkommen ausreichend, groß bewirbt Apple das aktuelle Modell auf seiner Website . Auf dem „brillanten Wide-Screen-Display“ finden alle für die Arbeit benötigten Werkzeuge Platz und auch die Leistungsdaten der Vierkernprozessoren lassen keine Wünsche offen. „Besonders rechenintensive Programme wie zum Beispiel Aperture oder Final Cut Pro brauchen manchmal einen Extraschub Leistung. Dann erhöht Turbo Boost 2.0 die Geschwindigkeit der aktiven Prozessorkerne automatisch, sodass der Core i7 etwa bis zu 3,9 GHz erreicht,“ preist Apple den iMac an. Noch mehr Leistung kann nie schaden, doch geben sich Video-Profis mit dem iMac zufrieden, oder setzen beim mobilen Einsatz gar auf das Macbook Pro.

Ein neuer Mac Pro wird mit Sicherheit eine Thunderbolt-Schnittstelle zu bieten haben. Wie viele Displays sich daran anhängen lassen, entscheidet schlussendlich die Grafikkarte – hier lauert womöglich die höchste technische Hürde.
Vergrößern Ein neuer Mac Pro wird mit Sicherheit eine Thunderbolt-Schnittstelle zu bieten haben. Wie viele Displays sich daran anhängen lassen, entscheidet schlussendlich die Grafikkarte – hier lauert womöglich die höchste technische Hürde.
© Apple

Der Graben verläuft in der Branche eher zwischen den Befürwortern von Final Cut Pro X und dessen Gegnern, die lieber heute als morgen zu Windows-Rechnern zurückwechseln und Software von Avid oder Adobe zum Schneiden einsetzen. Final Cut Pro X war gewiss gewöhnungsbedürftig, erklärt uns der Filmproduzent Christian Baumeister (www.machdas.de), und die Erstveröffentlichung der damals noch nicht fertigen Software ein „Marketing-GAU“. Doch mittlerweile arbeite er nur noch mit Final Cut Pro X und wenn er ein altes Projekt in Final Cut Pro 7 öffne, „um etwas nachzuschauen“, sei das „wie fünf Schritte zurück“. Bei der Umstellung habe ihm ein Seminar geholfen. Der an iMovie gewöhnte Cutter-Nachwuchs könne sich hingegen sofort mit Final Cut Pro X anfreunden. Die mangelnde Unterstützung von Bändern störe ihn nicht. Produziert wird ohnehin auf Karte oder Disc. Auch die fehlende Möglichkeit, einen TV-Master auszugeben, spiele keine Rolle mehr, da reine TV-Produktionen nur noch 5 % ausmachen. Seine Projekte schneide er auf einem Macbook Pro vor und setzt für den finalen Schnitt einen Mac Pro mit zwei 24-Zoll-Monitoren ein. Ein neuer Mac Pro müsse vor allem schneller werden, „Renderzeit ist tote Zeit.“ Hier ist aber nicht nur Hardware gefordert, denn „was nützen zwölf Prozessorkerne, wenn immer nur zwei arbeiten?“

Kommentar: Mac Pro überflüssig

Doch, mal ehrlich, wer braucht die röhrenden Alu-Kisten noch? Die Technologie (gerade im Film- und TV-Geschäft) ist mittlerweile so weit, dass fast alle Workflows auch mit einem Macbook Pro oder gar einem iMac durchgeführt werden können: Die Thunderbolt-Schnittstelle liefert ausreichend Durchsatz, um HD-SDI mit 3G auf den Monitor zu bringen, oder um HD-Video unkomprimiert aufzuzeichnen. Der einzige Flaschenhals ist die Grafik- und Renderleistung, da man weder zusätzliche Grafikkarten noch Prozessoren in so kleinen Gehäusen wie dem eines Macbook oder eines iMac unterbringt. Das aktuelle Macbook Pro rendert jedoch After-Effects-Kompositionen beinahe genau so schnell wie ein drei Jahre alter Mac Pro mit Nvidia-Grafikkarte.

Wer Wert auf ein röhrendes Alu-Monster unterm Tisch legt, oder wem Apples Profi-Software Final Cut Pro X nicht professionell genug ist, der soll sich doch einen PC mit Avid kaufen, und After Effects, Premiere oder Photoshop unter Windows betreiben. Wenn Apple meint, sich mehr auf i-Geräte spezialisieren zu wollen, weil dort der Markt der Zukunft liegt, so haben sie meinen Segen. Wer als Profi im Fernseh- oder Filmgeschäft tätig ist, wird seinen Workflow finden, mit oder ohne Apple. Andreas Zerr

Flexibilität erwünscht

Am Mac Pro schätzt Baumeister vor allem dessen Flexibilität, „wenn es in drei Jahren schon wieder neue Schnittstellen gibt, kann man einfach eine Karte reinstecken und fertig.“ Der neue Mac Pro soll also vor allem schneller und zudem abwärtskompatibel sein und nicht schon jetzt auf Firewire verzichten, zu viele externe Festplatten habe er noch im Einsatz. Noch einen Wunsch hat Christian Baumeister an das Modell von 2013: „Wenn man die Festplatten einfach in einem Einschub austauschen könnte, wäre das genial, so wie das bei manchen PCs ist.“ Der iMac ist für seine Zwecke nur bedingt einsatzfähig, neben der Erweiterbarkeit fehle es dem All-in-one von Apple auch an Peripherie, auf eine von Lacie angekündigte Thunderbolt-Box mit vier PCI-Steckplätzen warte er bislang vergeblich. Mangelnde Flexibilität durch Peripherie zu ersetzen, sei ohnehin nur ein Kompromiss, „da wird der Schreibtisch zu voll“. An einem seiner Schnittplätze habe er dennoch einen 27-Zoll-iMac mit externem Thunderbolt-Display stehen, wobei ihn eine Design-Entscheidung Apples wundere: „Das Display ist nicht gleich hoch, das sieht doch nicht gut aus, wenn es neben dem iMac steht.“ Das Geld für einen neuen Mac Pro, den sich Baumeister bald erhofft, sei bereits zurückgelegt.

Kommentar: Mac Pro überfällig

So lassen sich Raids und Videoschnittkarten ohne große Geschwindigkeitseinbußen extern nutzen, auch mit Macbook Pro und Mac Mini. Nicht nur Hobby-Cutter, sondern auch Freiberufler mit kleinem Geldbeutel wird es freuen.

Geht es aber um eine Dauernutzung sieben Tage die Woche, stirbt der iMac früher oder später einen staubigen Hitzetod. Hinsichtlich physikalischer Stabilität und langer Halbwertszeit bleibt der Mac Pro meiner Meinung nach einfach ungeschlagen. Zudem birgt das viel gelobte Fusion Drive für mich einen nennenswerten Risikofaktor: Es besteht aus zwei Festplatten, was die Wahrscheinlichkeit eines Defektes erhöht. Ganz zu Schweigen vom schnellen Austausch bei der hermetischen Gehäusekonstruktion des iMac.

Wirklich schade, dass Apple seinen Boliden in letzter Zeit so wenig Beachtung schenkt. Dabei sind meine Wünsche als Mac-Pro-Nutzer alles andere als revolutionär: Aktuelle Komponenten, aktuelle Anschlüsse und eine separate SSD für das System.

Vielleicht kommt es aber auch mal wieder ganz anders: Ein „Mac Pad Pro“ basierend auf Online-Rechenleistung, die man sich mieten kann. Dann aber, mein lieber Herr Cook, bin ich endgültig raus aus der Nummer, denn bis mein Internetzugang hierfür schnell genug ist, vergehen trotz Breitband­initiative vermutlich noch Jahre. Christoph Gripentrog

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