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Mandala auf dem iPad: Ausmalen als Meditation

01.06.2016 | 14:30 Uhr |

Genug vom Radau der Großstadt und dem Geblinke all der Bildschirme, die moderne Menschen umgeben? Greifen Sie doch zum Malbuch! Ausmalbücher für Erwachsene schaffen eine konzentrierte, entspannende Atmosphäre – und sind die Killer-Anwendung für alle iPad-Nutzer.

Ausmalbücher und -hefte für Erwachsene liegen im Trend: Beim Besuch eines Kiosks in den einschlägigen Szenevierteln liegen sie da, irgendwo zwischen „Beef“, „YPS“ und „Landlust“ und warten darauf, ihre Käufer zu entspannen. Zwar mag die infantile Idee Nichtnutzer dieser Malbücher und -zeitschriften zunächst irritieren – immerhin ist Ausmalen ja eher eine klassische Beschäftigung für Kinder. Bei genauerem Blick auf den aktuellen Trend fällt jedoch auf, dass diese scheinbar sinnlose Tätigkeit in Zeiten ewigen Bling-Blings als moderne Form der Meditation durchaus ihre Berechtigung hat: Ausmalen verlangt eine gewisse Konzentration und schult zudem die Hand-Auge-Koordination, die dank der virtuellen Welten in Browsern und Apps langsam aber sicher verloren zu gehen scheint. Mit dem hübschen Neologismus „Creative Coloring“ klingt das Ausmalen dann auch nach Erwachsenentätigkeit.

Es müssen nicht immer Malbücher sein: Das iPad kann Erwachsenenmalbücher ersetzen.
Vergrößern Es müssen nicht immer Malbücher sein: Das iPad kann Erwachsenenmalbücher ersetzen.
© Fotolia.de, moltaprop

Großer Trend in der westlichen Welt

Bereits im vergangenen Jahr schafften es erste Ausmalbücher in die US-amerikanische Amazon-Bestsellerliste , zeitweise sogar auf den ersten Platz. In Deutschland ist es bislang noch nicht so weit gekommen, trotzdem setzt sich dieser seltsame Trend fort, nicht nur im Kiosk, sondern auch in Buchhandlungen. Schon 2015 meldete daher die dpa: „Das Ausmalen ist ein farbenfroher Protest gegen Leistungsdruck oder permanente Online-Präsenz.“ Ähnlich einem buddhistischen Mandala ginge es beim Ausmalen daher nicht um das Schaffen eines Endergebnisses, vielmehr sei der Weg das Ziel. Das Ausmalen kleinteiliger Bildchen ist für die, die es tun, vor allem eine Flucht aus dem Leistungsdruck und der Selbstoptimierung, ein Abstandnehmen vom permanenten Online-Sein, es ist Alltags-Zen und Seelenhygiene. Dafür gibt es durchaus psychologische Gründe: „Die auf eine sehr einfache Aufgabe fokussierte Aufmerksamkeit minimiert Sinnesreize“, erklärt Dr. Katharina Krämer, Psychologin an der Universitätsklinik Köln, „deshalb wirkt eine scheinbar simple Tätigkeit wie das Ausmalen sehr beruhigend.“ Das sei vergleichbar mit einer leichten Form der Ergotherapie für zu Hause. Dabei muss der Ausmalende allerdings erst einmal über seinen Schatten springen: Einerseits ist Ausmalen eine eigentlich ausgesprochen sinnlose Tätigkeit, andererseits wird die „Kinderei“ natürlich vielerorts als unkreativ verlacht. Um Kreativität geht es dabei allerdings auch nicht, ganz im Gegenteil.

Der Ausmal-Trend sorgt für Lieferengpässe bei den Buntstift-Herstellern.
Vergrößern Der Ausmal-Trend sorgt für Lieferengpässe bei den Buntstift-Herstellern.
© Fotolia.de, megakunstfoto

Mit Buntstiften – oder am Tablet

Denn das Ausmalen – wie übrigens auch das „Malen nach Zahlen“ für Erwachsene – dient der Entspannung und muss daher auf alles, was geistige Leistung fordert, verzichten. Also auch auf „Kreativität“. Wie groß der Trend ist, zeigt sich daran, dass ganz offensichtlich erhöhter Bedarf für derartige Ruhezonen des Geistes in einer ewig rasenden Welt besteht: Erst kürzlich meldeten die deutschen Buntstift-Hersteller wie Faber-Castell, dass sie kaum mit der Produktion nachkämen und in ihrem sonst so ruhigen Markt nicht mit einer plötzlich so großen Nachfrage gerechnet hätten .

Sucht man nach „Adult Coloring“, stößt man auf zahlreiche Gratis Apps.
Vergrößern Sucht man nach „Adult Coloring“, stößt man auf zahlreiche Gratis Apps.

Glücklich, wer da schon die passenden Buntstifte hat – oder auf das iPad ausweichen kann. Denn der Ausmal-Entspannung kann man auch hier frönen: Mit einem Tablet-Stift oder dem Apple Pencil bewaffnet können die Linienmuster direkt auf dem iPad-Bildschirm bunt gefüllt werden. Beim Durchwühlen des App-Stores fällt auf, dass der Trend längst auch auf dem iPad angekommen ist. Zahlreiche Apps für das Ausmalen konkurrieren um die Gunst des Kunden, die sich einfach mit einer Suche nach dem Begriff „Adult Coloring“ aufspüren lassen. Der Vorteil: Teure und vor allem schwere Malbücher entfallen, was vor allem auf Geschäftsreisen, wo das moderne Mandala vielleicht am dringendsten gebraucht wird, sicher hilfreich ist. Zwar mag das auf den ersten Blick kontraproduktiv erscheinen, schließlich ist das iPad ja Teil des Problems, für das die Ausmalbegeisterten eine Lösung suchen. Doch dank ablenkungsfreier Oberflächen und teilweise sogar entschleunigender Hintergrundbeschallung wie Vogelgezwitscher sind entsprechende Apps gut für die kleine Auszeit unterwegs hervorragend geeignet. Insbesondere dann, wenn die Mitteilungszentrale vorher in den Einstellungen stillgelegt und der Flugmodus aktiviert wird.

Die besten Ausmal-Apps

Doch welche Apps gibt es? Im App Store buhlen zahlreiche Produkte mit hübschen Namen wie „ Pigment “, „ Colour Therapy “ oder „ Colorfy “ um die Gunst potentieller Kunden. Das Funktionsprinzip ist dabei in aller Regel bei allen Programmen identisch: Wie in einem Malbuch wird einfach eine leere Seite mit einem Vordruck eingeblendet. Das können sehr einfache Motive wie zum Beispiel einfache geometrische Formen sein. In vielen Fällen gibt es auch Kunstwerke oder deutlich komplexere Motive wie zum Beispiel stilisierte Blumen oder Federn. Diese Vordrucke können anschließend mit einem Fingertipp ausgemalt werden.

Die App Pigment gefällt, weil sie einerseits zahlreiche Funktionen und Pinsel bietet und andererseits den Apple Pencil unterstützt.
Vergrößern Die App Pigment gefällt, weil sie einerseits zahlreiche Funktionen und Pinsel bietet und andererseits den Apple Pencil unterstützt.

Anders als bei Ausmalbüchern aus Papier gibt es hier allerdings einen kleinen Vorteil durch die Touch-Oberfläche: Die einzelnen Felder der Motive müssen in aller Regel nur angetippt werden, um sie auszufüllen. Dadurch wird ein Apple Pencil oder ein Eingabestift erst einmal nicht benötigt und die iOS-Programme, die zumeist als Universal-Apps vorliegen, können auch auf dem iPhone oder iPod Touch verwendet werden. So weit, so einfach. Je nach App gibt es zudem eine voreingestellte Farbpalette für die einzelnen Ausmalfelder, andere Apps bieten hier die volle Flexibilität. Auch hier kommt ein (kleiner) Vorteil zu Papier-Ausmalbüchern zum Tragen: Die Farbpalette am iPhone, iPad oder iPod Touch ist natürlich völlig unbeschränkt – das lästige Fehlen eines Buntstifts in einer bestimmten Farbe kommt also nicht vor. Stattdessen erlauben die komplexeren Apps – etwa Pigment – sogar das Kolorieren mit virtuellen Buntstiften, Markern und Filzern mithilfe des Apple Pencil oder eines „normalen“ preiswerten Eingabestifts .

Zudem gibt es eine relativ große Zahl von Gratis-Motiven, bevor ein Abo abgeschlossen werden muss.
Vergrößern Zudem gibt es eine relativ große Zahl von Gratis-Motiven, bevor ein Abo abgeschlossen werden muss.

Vorsicht vor Abos und In-App-Käufen

Identisch ist bei allen Apps die Vermarktungsmethode Freemium: Der Einstieg ist zunächst kostenlos, allerdings sind dann nur wenige Vorlagen an Bord oder innerhalb der App wird ein lästiges Werbebanner eingeblendet. Gerade letzteres ist natürlich ausgesprochen störend beim Versuch, sich zu entspannen. In beiden Fällen sorgen deshalb In-App-Käufe für den gewünschten Funktionsumfang und das werbefreie Auftreten der App.

In den Gratis-Apps sind einige Ausmalmotive und Pinsel kostenlos. Wer mehr will, muss kaufen – oder in diesem Fall teilen.
Vergrößern In den Gratis-Apps sind einige Ausmalmotive und Pinsel kostenlos. Wer mehr will, muss kaufen – oder in diesem Fall teilen.

Hier langen die Anbieter nicht selten ordentlich zu: So bietet die App Colorfy in der Basisversion nur wenige kostenlose Vorlagen, führt aber alle vorhandenen an. Wer eines der nicht in der Grundausstattung enthaltenes Ausmalmuster antippt, wird von der App unsanft auf das Abo-Modell hingewiesen. Und das hat es in sich: Für 7,99 Euro monatlich oder 39,99 Euro jährlich erhält der Anwender Zugriff auf alle Vorlagen und Farbpaletten – im Anbetracht der Einfachheit der App eigentlich eine Unverschämtheit. Auch die ansonsten sehr hübsche App Pigment besitzt ein derartiges Abo-Modell zu einem ähnlichen Preis, allerdings deutlich mehr kostenlose Vorlagen und Pinsel.

Der nervige Hinweis auf das Abo-Modell sind das Gegenteil von Entspannung – aber vermutlich die perfekte Methode, um Menschen vom Kauf zu überzeugen.
Vergrößern Der nervige Hinweis auf das Abo-Modell sind das Gegenteil von Entspannung – aber vermutlich die perfekte Methode, um Menschen vom Kauf zu überzeugen.

Andere Apps wie Color Therapy haben günstigere In-App-Käufe ohne Abo-Modell und bieten zum Teil eine Sharing-Option: Wer fertig ausgemalte Bilder in den sozialen Netzen teilt, erhält hier und da Gratis-Content in Form von neuen Motiven oder Pinseln. Insgesamt widerspricht das Vertriebsmodell der Apps dem Gedanken, der hinter den Malbüchern steht: Wer ausmalt, will der Welt und vor allem dem Geblinke, den Pop-Ups und Werbebannern des Internets entgehen – und erhält sie dann innerhalb der Ausmal-Apps als nervige Nagware. Wer bereits zum Malbuch gegriffen hat, dürfte sich dieser schnell entledigen wollen – und möglicherweise bereitwillig die Abos und In-App-Käufe bezahlen, um Ruhe zu haben. Zumal die hohen Preise der Abos in den Simpel-Apps doch ein wenig unseriös erscheinen – immerhin handelt es sich in aller Regel um Motive, die jeder halbwegs begabte Photoshopper oder Illustrator in kurzer Zeit zusammen klicken kann. Die harten Restriktionen in der Gratis-Version sind dabei das typische Freemium-Businessmodell, bei dem jeder Anwender sich fragen sollte, ob er es unterstützen möchte. Auf der anderen Seite dürften vollständige Malbuch-Apps ohne Freemium für 10 Euro oder mehr natürlich schwer verkäuflich sein – den Anbietern bleibt zur Monetarisierung vermutlich keine andere Möglichkeit.

Die meisten Ausmal-Apps wirken sehr ähnlich, Motive und Bedienung sind in vielen Fällen sehr ähnlich.
Vergrößern Die meisten Ausmal-Apps wirken sehr ähnlich, Motive und Bedienung sind in vielen Fällen sehr ähnlich.

Fazit: Entspannung hat einen hohen Preis

Insgesamt können Ausmal-Apps im App-Store durchaus den Kauf von Ausmalheften und -büchern im Handel überflüssig machen. Besonders Nutzer des iPad Pro mit Apple Pencil können bei der App Pigment von den Möglichkeiten des Stifts profitieren. Das Ausmalen macht erstaunlich viel Spaß und sorgt tatsächlich, sofern man andere Störer auf dem iPad deaktiviert, für sofortige Entspannung. Wer allerdings mehr als die dreieinhalb Motive, die jeder App beiliegen, verwenden möchte, muss je nach App entweder einmalig oder regelmäßig in die Tasche greifen. Immerhin: Alle Apps lassen sich durch das Freemium-Modell zunächst ausgiebig testen, was eine Kaufentscheidung deutlich erleichtern dürfte. Anschließend können sich Entspannung suchende iPad- und iPhone-Nutzer dann störungsfrei dem beruhigenden Zauber des Ausmalens hingeben.

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