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Second Screen iPad im Parallelbetrieb

10.10.2013 | 10:26 Uhr |

Viele können sich Fernsehen ohne gleichzeitiges Surfen, Spielen oder Social Media auf dem iPad gar nicht mehr vorstellen. TV-Sender, Werbetreibende & Co. entdecken den „Second Screen“ als Chance – etwa für interaktive Inhalte

Das TV-Duell der Kanzlerkandidaten war kürzlich eines dieser seltenen Momente, bei denen sich fast die ganze Nation vor der gleichen Sendung versammelt. Dass und wie viel über eine TV-Sendung geredet wird, lässt sich heute sogar messen: 32 Tweets in der Sekunde und insgesamt 173 000 Duell-Tweets wurden gezählt, der Hashtag #TVduell war weltweit für kurze Zeit an der Spitze.

Eigentlich nichts Neues, denn Fernsehen hatte schon immer eine soziale Komponente. Früher versammelte sich die ganze Familie vor der Glotze, mit Kabel- und Privatfernsehen wurde der TV-Konsum mit der Zeit immer mehr zur Solo­veranstaltung. Das Fernsehen wurde schon oft abgeschrieben, tatsächlich hat der durchschnittliche Fernsehkonsum seit 1992 um rund die Hälfte zugenommen. Aktuell sind es rund 160 Minuten pro Tag, jedoch wurde lange Zeit meist allein ferngesehen. Gleichzeitig gibt es jedoch einen zweiten Trend, der das TV-Gerät wieder zum „Lagerfeuerersatz“ macht. Heute wird gerne beim Fernsehen gesurft, und der soziale Charakter des Fernsehens findet dadurch wieder statt, heute jedoch über die sozialen Medien wie Twitter und Facebook. Laut einer Studie von TNS Infratest surfen in Deutschland rund ein Drittel quer durch alle Alters- und Zielgruppen.

In den USA sind laut einer Studie von Nielsen.com schon bei fast allen Zuschauern – aktuell bei rund 87 Prozent – Smartphones und Tablets im Einsatz. Diese Zahlen zeigen: Das Phänomen „Second Screen“ ist da, mit steigender Tendenz. Für die TV-Sender gibt es nun zwei Möglichkeiten: Sie können den Zweitbildschirm ignorieren und versuchen, den Zuschauer wieder mit gutem TV-Programm auf ihren Bildschirm zurückzuholen, oder sie begreifen den zweiten Bildschirm als Chance.

Backstage bei „Wetten, dass...?“

Die Webapp von „Wetten, dass...?“ läuft im Browser. Mit der App ist es der Online-Redaktion möglich, in Echtzeit Bonusinhalte während der Sendung einzuspielen, zum Beispiel Fotos aus dem Backstage-Bereich oder wenn ein Gast wie Karl Lagerfeld von der „Wetten, dass…?“-Couch twittert. Der Zuschauer kann bei Kandidatenwetten und dem Wettkönig mittippen, die Ergebnisse live abgleichen und sich gleichzeitig mit anderen Usern austauschen.

Sendungen zum Mitmachen

Laut der Berliner Digitalagentur Moccu kommt dieses Denken bei immer mehr Sendern an. Aktuell entwickelt das Team Second-Screen-Anwendungen für das ZDF, zuletzt sogar für das Flaggschiff des Senders „Wetten, dass …?“, das Thema sorgt bei immer mehr Auftraggebern für Interesse. Laut Björn Zaske, Geschäftsführer bei Moccu, ist es wichtig für gute Second-Screen-Apps, das Verhalten der Nutzer zu studieren. Generell gibt es bei allen Second-Screen-Fans eine Motivation: Es ist der Wunsch, nicht allein zu schauen, zu hören, was andere zur Sendung meinen, die Suche nach Zusatzinfos und überhaupt der Wunsch, mit dem TV-Programm und anderen zu inter­agieren. „Wenn es um Second-Screen-Angebote geht, sind gerade die Sender und deren Produzenten ideal aufgestellt, um attraktive und vertiefende Zusatzangebote zu erstellen, egal ob diese dann direkt zeitlich parallel oder zeitversetzt genutzt werden. Ganz neue Möglichkeiten ergeben sich, das klassische TV-Erlebnis für diejenigen, die es wünschen, interaktiver zu gestalten. Der Großteil der Parallelnutzer ist daher laut Infratest mit Kommunikation, sprich Mailen, Chatten oder Social Media beschäftigt. Daneben gibt es die Recherche und das Vertiefen der am ersten Bildschirm gezeigten Inhalte. Viele vertiefen das Thema einer Sendung bei Wikipedia & Co., 26 Prozent nutzen die Impulse, die in Werbung und überhaupt auf dem TV-Schirm gezeigt werden, um einzukaufen oder sich über Produkte zu informieren.

Eigentlich sind Zusatzinhalte nichts Neues, nur die Kanäle haben sich gewandelt, wie Sven Gronemeyer von  UFA Serial Drama, dem deutschen TV-Produzenten, wo Serien wie „GZSZ“ und „Verbotene Liebe“ produziert werden, bestätigt: „Mit den zusätzlichen modernen Smartphones und Tablets verschiebt sich der Konsum nun vom PC im Arbeitszimmer hin zum mobilen Gerät im Wohnzimmer, und das auch noch parallel zum Fernsehen. Darauf wollen und müssen wir gemeinsam mit den Sendern reagieren.“

Pro Sieben Connect

Mit der App Connect von Pro Sieben können Zuschauer nicht nur den Livestream von „Galileo“, „Red“, „TV Total“ & Co. sehen, sondern live zur Sendung Fragen beantworten, Social Media beobachten und zur Sendung „einchecken“.

Perfekt für Live-Events


Laut Zaske gibt es bei jedem Sender reichlich Formate, die sich für Second-Screen-Anwendungen eignen. Livesendungen wie Sport, Events, Shows, Casting und Reality-TV eignen sich naturgemäß, da sie viele Möglichkeiten für Liveabstimmungen, Chats, Zusatzinhalte oder Echtzeitentscheidungen während einer Sendung bieten. Pro Sieben bietet zum Beispiel die Gratis-App Prosieben Connect, die dem Zuschauer live bei Sendungen die Möglichkeit zum Mitmachen gibt. Die Zuschauer können bei Sendungen „einchecken“ und erhalten dann Zusatzinhalte, zum Beispiel Bonusmaterial in den Werbepausen von „Germany’s Next Topmodel“. Für den Sender und Werbepartner ist die App ein Segen: Das Zappen in der Werbepause wird damit abgestellt, die Zuschauer bleiben am Bildschirm, und die Quote wird nicht nur besser, sondern exakt messbar, was wiederum das Verkaufen von Werbung leichter macht. Und Platz für Werbung gibt es reichlich, etwa in täglichen Serien: „Wir halten gerade unsere täglichen Serien für besonders geeignete Kandidaten. Immer wieder tauchen neue Schauspieler auf, und die Handlungsstränge weisen im Laufe der Jahre immer mehr Komplexität auf, sodass es sehr hilfreich sein kann, dem neu eingeschalteten Zuschauer passende Zusatzinformationen zum besseren Verständnis passgenau auf sein parallel genutztes Gerät zu liefern“, sagt Sven Gronemeyer.


Der einfachste Weg, Zusatzinhalte zu Fernsehsendungen anzubieten, ist es, die sozialen Medien wie zum Beispiel Twitter und Facebook einzusetzen. Sven Gronemeyer von UFA Serial Drama erläutert: „Schon immer versuchen wir, unsere TV-Serien über die TV-Ausstrahlung hinaus attraktiver zu machen und die Fangemeinde mit zusätzlichen Informationen zu unterhalten. Waren das früher Fanmagazine und Merchandising, so sind es eben heute weitgehend die digitalen Kanäle, auf denen wir unsere Zuschauer erreichen. Dank Facebook und Twitter können wir Zuschauer rund um die Uhr am Geschehen in ihrer Serienwelt teilhaben lassen. Auf serienbegleitenden Webseiten der Sender bieten wir Zusatzvideos mit Serienvorschauen oder Hintergrundinformation zu Schauspielern.“

Interaktiv mit TV und App

Wie eine direkte Vernetzung von dem ersten und dem zweiten Bildschirm aussehen kann, zeigt die experimentelle Sendung About:Kate, die auf Arte läuft oder jederzeit auf der Website gestartet werden kann. Die Handlung: Der Zuschauer begleitet die Protagonistin Kate Harff und springt dabei in verschiedene Rollen vom Betrachter zum Mitakteur bis hin zum Regisseur. Mithilfe von Facebook, einer Website und der App werden die Grenzen zwischen der realen und virtuellen Welt verwischt. Damit der Austausch zwischen erstem und zweitem Bildschirm funktioniert, muss die Handlung zwischen App und First Screen synchron sein. Das funktioniert per „Audio Fingerprinting“, das vom Fraunhofer-
Institut entwickelt wurde. Über das Mikrofon erkennt die App die Folge der Sendung und die Stelle und kann so die passenden Inhalte auf dem zweiten Bildschirm anbieten.

Werbung mit Shazam-Anbindung


Shazam ist eigentlich zur Musikerkennung da, kann aber – hält man das iPad an den TV-Lautsprecher – zu weiterführenden Inhalten lenken, ähnlich wie QR-Codes. In den USA wurde Shazam bereits im Umfeld des Super Bowl von Werbetreibenden genutzt. In Deutschland war Toyota der erste Kunde, der die Shazam-App in Kombination mit dem Fernsehen einsetzte. Shazam hat inzwischen eine eigene Seite für Anbieter eingerichtet, die erklärt, wie sich mit Shazam TV-Shows taggen lassen.

Interaktiv bis Teleshopping


Denkbar ist noch viel mehr: So könnten sich TV-Formate etablieren, die nur mit zwei Bildschirmen funktionieren. Wie das aussehen könnte, zeigt schon heute die experimentelle Sendung „About: Kate“ von Arte, die nur medienübergreifend mit TV beziehungsweise Laptop und einer Gratis-App funktioniert – in diesem Fall sehr gut.  Zu komplex sollte es jedoch nicht werden, warnt Björn Zaske. Die Zuschauer wollen zum Beispiel keine Suchspiele oder sich mit  zu komplizierten Parallelwelten auseinandersetzen.  
Die Werbeindustrie dürfte sich angesichts der Möglichkeiten mit dem Zweitbildschirm die Hände reiben. Über eine gleichzeitig laufende App können die Sender nicht nur nachvollziehen, wer was schaut, es ist außerdem ein Leichtes, passende Werbung und Produkte zur Sendung anzubieten. Warum nicht gleich Merchandising zum Kinofilm, Kleidung der Sitcom-Stars, Sportartikel zum Endspiel auf dem iPad anbieten? Antippen reicht zum Kauf, der Zuschauer muss nicht mehr wie beim traditionellen Teleshopping irgendwelche Hotlines anrufen. Noch transparenter würden die Zuschauer, wenn sie sich per Facebook in eine Second-Screen-App einloggen: Dann wären für die Werbeindus­trie noch Alter, Geschlecht, Ort, Interessen und vieles mehr sichtbar, und es können automatisch passende Produkte angeboten werden.
In den USA gibt es schon die iPad-App Watch with Ebay, die zum Beispiel automatisch zum NBA-Basketball Merchandising heraussucht und auf dem zweiten Bildschirm anbietet. TV-Shopping und Werbung wären auch ein profitables Modell, um den zusätzlichen Aufwand für die Second-Screen-Apps, die meist gratis angeboten werden, wieder einzuspielen.
Sven Gronemeyer sieht hier eine Situation für Sender und Zuschauer, in der beide profitieren, da sie eh nach Produkten und Musik in der Sendung fragen: „Seit März dieses Jahres haben wir die ,Verbotene Liebe‘-App sowohl für iOS als auch Android im Markt. Noch ist es keine richtige Second-Screen-App, aber an einer entsprechenden Erweiterung arbeiten wir. Eine echte Second-Screen-App entwickeln wir gerade in einem Pilotprojekt mit der Telekom ebenfalls zu ,Verbotene Liebe‘. Hier zeigen wir synchron zur TV-Ausstrahlung direkt ausgewählte Kleidungs- und Musikinformationen. Beides wird bereits jetzt auf klassischen Wegen von unseren Fans erfragt. Warum es ihnen nicht gleich zeigen, wenn das Interesse frisch im TV geweckt wurde? Dann können wir das TV-Erlebnis vertiefen, und der Fernsehsender bekommt eine innovative und zusätzliche Möglichkeit zur Vermarktung.“ Es dauert nicht mehr lange, dann sind also Produktwelten aus Kinofilmen, Fernsehserien und Live-Events per „Couch-Commerce“ nur noch einen Fingertipp entfernt.

TV mit Social-Media-Anbindung

Die Zuschauerkommentare, die auf Social Media anfallen, für Second-Screen-Apps oder sogar in der Sendung zum Stimmungsbild zu verwenden ist ein einfaches wie oft praktiziertes Konzept. Oft reicht es, einen Hashtag auszurufen, wie es zum Beispiel am Sonntag für viele zur Gewohnheit geworden ist, den „Tatort“ auf Twitter mitzukommentieren oder bei Sport-Events Fragen wie „Wer wird heute gewinnen?“ zu beantworten. Zudem gibt es noch eigene Facebook-Seiten, auf denen sich Fans zu Sportveranstaltungen austauschen und eine sehr aktive Community vorhanden ist.

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