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So geht Carsharing mit dem iPhone

15.05.2015 | 11:27 Uhr |

Carsharing gehört für Großstädter inzwischen zur Lebensphilosophie. Doch ohne iPhone und eine ­passende App geht es meist nicht. Wir haben uns das Angebot populärer Dienste angesehen.

Auf den Straßen der Großstädte sind Carsharing-Fahrzeuge längst unübersehbar geworden: Mit bunter Kriegsbemalung flitzen die Autos von Car2Go, Drivenow und Co. durch die Gassen und parken in den Innenstadtbereichen an jeder Laterne. Für den Anwender könnte es bequemer nicht sein: Per iPhone sucht er den nächsten freien Wagen, steigt ein und stellt ihn ein paar Minuten später irgendwo anders wieder ab. Abgerechnet wird später nach Minuten, und bei der ganzen Aktion fällt noch nicht mal Papierkram an.

Im Vergleich zur klassischen Autovermietung, an deren Schalter man sich die Füße platt steht, bevor man mit einem Haufen von Zetteln wieder herausgeht, besticht Carsharing durch seine Unkompliziertheit. Wer den Begriff Carsharing etwas weiter fasst als „Autovermietung ohne Stress“, stellt fest, dass es vor allem in den Großstädten mittlerweile etliche Anbieter gibt, die sehr interessante Preise und Konditionen bieten.

Und Carsharing ist sehr populär: Immer mehr Leute verzichten auf ein eigenes Auto als Statussymbol und ersetzen es durch die Kombination aus Fahrrad, Bahn und – wenn doch einmal ein Auto benötigt wird – gelegentlichem Carsharing. Modernes Carsharing ist ohne die Online-Welt kaum denkbar, und viele Angebote sind ohne den massiven Einsatz von Smartphones kaum möglich, denn erst mit ihnen kann man Autos in der Nähe aufspüren oder unterwegs schnell mal einen Wagen organisieren.

Die Idee des Carsharings, also des unter vielen geteilten Autos, ist nicht neu. Sie basiert auf der Idee, dass man aus gemeinschaftlichen Mitteln Autos anschafft, die allen Mitgliedern bei Bedarf zur Verfügung stehen. Noch immer gibt es etliche aus privaten Nachbarschaftsinitiativen entstandene Dienste, doch längst haben die Autohersteller, große Vermieter und multinationale Unternehmen das Ruder übernommen. 

Verschiedene Konzepte

Grob gesagt, gibt es nur zwei Carsharing-Modelle. Sie unterscheiden sich in der Art der Nutzung deutlich. Die klassische Methode ist das stationsgebundene Carsharing. Bei ihr hat jedes Auto seinen festen Platz, an den es auch wieder zurück muss. So gesehen, ähnelt stationsgebundenes Carsharing der klassischen Autovermietung, mit dem Unterschied, dass die Stationen beispielsweise Tiefgaragenplätze sind, die Schlüssel sich irgendwie im oder am Fahrzeug befinden und man das Auto vorher auf sehr einfache Weise online buchen konnte.

Das Gegenmodell, das in der Öffentlichkeit nicht zuletzt wegen der grell gestalteten Autos oft stärker wahrgenommen wird, ist das sogenannte Free-Floating-Carsharing. Dabei dürfen die Wagen innerhalb eines definierten Geschäftsgebietes irgendwo aufgelesen und meist schon nach kurzer Zeit wieder abgestellt werden.

Privates Carsharing

Wenn es einen Trend beim Automieten gibt, dann ist es privates Carsharing. Man leiht sich also nicht den bunten Smart von Car2Go, sondern den ollen Benz vom Nachbarn drei Straßen weiter. Viele Anbieter wie Tamyca , Drivy oder Autonetzer , um nur einige zu nennen, drängen in diesen Bereich. Über die Website oder iPhone-App lassen sich Angebote in der Nähe suchen, die meist tageweise und mit Vorlauf gebucht werden. Zum vereinbarten Termin trifft sich der Ausleiher mit dem Autobesitzer und unterzeichnet einen Mietvertrag.

Ein Teil der Mietsumme geht an eine Versicherung, die die Vertragspartner im Schadensfall schützt. Den Preis und die Nebenbedingungen legt der Vermieter fest, der Plattformanbieter sorgt für die Abrechnung. Das Angebot ist groß und spannend. Es finden sich billige, geräumige und auch sportliche Fahrzeuge im Angebot. Für die Vermieter sind die erhofften Mieteinahmen eine Möglichkeit, einen Teil der Unterhaltskosten für ein Auto zu erwirtschaften, das sonst nur parken würde.

Der Zweck entscheidet

Wir können an dieser Stelle schon deshalb keine Empfehlung für einen der Anbieter geben, weil sich das Angebot von Stadt zu Stadt zu sehr unterscheidet. In Großstädten wie Berlin, Hamburg oder München hat man meist diverse Anbieter zur Auswahl, und nur hier findet man auch die Free-Floating-Anbieter wie Car2Go, Drivenow oder Multicity, in kleineren Städten kann man schon froh sein, wenn man überhaupt einen Anbieter findet. Oft ist das dann Flinks­ter, das Angebot der Bahn, die ihren Kunden damit eine Ergänzung zur Zugreise bieten möchte und deswegen in diesem Punkt sehr breit aufgestellt ist. Aber es gibt auch unzählige stationsgebundene Alternativen wie Cambio, Greenwheels und viele mehr. Darunter finden sich sehr interessante Ansätze wie das private Carsharing (siehe Kasten S. 73) oder Anbieter wie Citeecar, bei dem Privatleute die Patenschaft für ein Auto inklusive Parkplatz übernehmen.

Die Free-Floating-Anbieter eignen sich für den sehr spontanen, ungeplanten Einsatz, zumal sich die Fahrzeuge gar nicht lange im Voraus buchen lassen. Wer aber weiß, dass er zu einem bestimmten Termin für einen Großeinkauf oder einen Besuch ein Auto benötigen wird, fährt vor allem bei längeren Mietdauern mit den sta­tions­ba­sier­ten Anbietern meist wesentlich güns­ti­ger. Sie verfügen zudem über eine deutlich größere Fahrzeugauswahl – bis hin zum Transporter oder bei Bedarf auch mal zur repräsentativen Limousine. Dafür muss man sich allerdings teils mit etwas unübersichtlichen Tarifstrukturen beschäftigen, die aus Grundgebühren, Zeit- und Entfernungstarifen bestehen. 

Auf Station

Keiner der großen Carsharing-An­bieter kommt ohne iPhone-App aus, obwohl sich die Fahrzeuge der stationsbasierten Anbieter theoretisch auch einfach mit dem Browser buchen ließen. Doch die Apps zeigen einem die Verleihstationen in der Nähe und können so helfen, überflüssige Anfahrtswege zu vermeiden, zudem sind sie natürlich an das Display angepasst.

Der Nutzer gibt den gewünschten Zeitraum vor und kann bei einigen Anbietern auch aus diversen Fahrzeugklassen und Extras auswählen, danach kann das Auto reserviert und zur vereinbarten Zeit abgeholt werden. Je nach Anbieter und Auto finden sich die Schlüssel am oder im Fahrzeug, und die Fahrt kann losgehen.

Flinker Service

Der Mitfahrdienst Flinc hat nicht nur eine eigene iPhone-App, sondern bietet eine Verknüpfung zur App Navigon. Das macht die Nutzung und das Annehmen von Anfragen direkt in der beliebten Navi-App möglich

Der praktische Mitfahrservice Flinc, der seinen Benutzern das Anbieten oder Suchen von Mitfahrgelegenheiten erlaubt, ist schon länger auf dem iPhone verfügbar. Er lässt sich nicht nur solo verwenden, sondern auch mit anderen Apps kombinieren. In die beliebte Navigations-App Navigon von Garmin ist der Zugriff auf Flinc bereits sehr komfortabel integriert.

Flinc einrichten

Die kostenlose Anmeldung bei Flinc kann über die Website oder gleich am iPhone über die iOS-App des Dienstes erfolgen. Dabei geben Sie Mail-Adresse und Passwort für zukünftige Anmeldungen ein und erhalten dann einen Bestätigungs-Link per Mail. Haben Sie den aufgerufen, ist Flinc im Prinzip einsatzbereit. Vor der ersten Nutzung müssen Sie zur Sicherheit für alle Beteiligten noch eine Handynummer per SMS verifizieren lassen. Wer den Dienst ernsthaft nutzen will, sollte außerdem sein Profil vervollständigen. Dazu gehören ein realistischer Name und ein Profilfoto. Das schafft Vertrauen und verbessert die Chance, Mitfahrer zu finden. Einen Kontakt mit offensichtlichem Fake-Namen wird seltener jemand mitnehmen beziehungsweise zu ihm ins Auto steigen. Zu jedem „Flincer“ sieht man später eine Statistik über Mitfahrgesuche und -angebote, gefahrene Kilometer und optionale Empfehlungen. Über gemeinsame Kontakte und Gruppen versucht das Flinc-Netz ebenfalls, Verbindungen zu anderen Mitgliedern zu ermitteln und vertrauenswürdige Mitfahrer zu finden. Für weitere Einstellungen zum Schutz Ihrer Daten öffnet die App automatisch die Website im Browser.

Normalerweise gibt man Fahrten oder Mitfahrgesuche über den Dienst ein, der mögliche Partner mittels E-Mail, SMS oder Push-Nachrichten unverbindlich über passende Angebote informiert, inklusive Preisvorschlag durch Flinc. Die Teilnehmer stimmen sich ab. Plant man Fahrten mit einem gewissen Vorlauf, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit einen (Mit-)Fahrer zu finden.

Mitfahrer per Navi suchen

Als weitere interessante Alternative haben Sie auch in der Navigon-App Zugriff auf Ihr Flinc-Konto. Dafür tippen Sie in der unteren Befehlsleiste auf „Mehr“ und dann auf den Eintrag „Flinc Mitfahrnetzwerk“. Anschließend können Sie sich bei Flinc einloggen. Sie haben dann Zugriff auf Ihre Fahrten und die Daten des Fahrzeugs. Sind Sie gerade in einem anderen Fahrzeug als sonst unterwegs, können Sie dieses direkt über die Navigon-App eingeben. Die eigentliche Stärke der Verbindung von Navi und Flinc ist die Möglichkeit, spontan Mitfahrer zu finden. Geben Sie eine Route ins Navi ein, wird diese automatisch in Ihr Flinc-Konto gestellt, sodass andere Sie finden können. Die Chance verbessert sich, wenn Sie das nicht erst direkt vor der Abfahrt machen. Dazu können Sie während der Fahrt Anfragen von potenziellen Mitfahrern zulassen und Ihre Live-Position übermitteln lassen. Die Navigon-App meldet Anfragen sofort und erlaubt, darauf zu reagieren. So können Sie einfach auf der Strecke Mitfahrer einsammeln. Wollen Sie das später nicht mehr, vergessen Sie nicht, Flinc wieder abzuschalten.

Aufruf aus Karten

Wenn es sich um einen kleinen Umweg handelt, kann man auch in ­Apples Karten-App Start- und Zielpunkt festlegen und anschließend bei der Auswahl der Route neben „Fahren“ und „Zu Fuß“ ganz rechts auf den Reiter „Apps“ tippen. Dann erscheint eine Auswahl an Apps, an die sich die Wegdaten übertragen lassen.

Eigentlich sollte an dieser Stelle nach dem jüngsten Update auch die Flinc-App auftauchen, was allerdings in unserem Test nicht klappte.

Sind Sie bereits Nutzer der Navigon-App, können Sie die Route ganz einfach an die Navi-App übergeben, wodurch sie schließlich ebenfalls in dem Flinc-Konto landet. Matthias Zehden

Von der Straße weg

Bei der Nutzung der Free Floater hingegen geht es ohne die iPhone-App nicht, denn da man die Fahrzeuge in der Regel nicht im Voraus buchen, sondern allenfalls ein Viertelstündchen vorher reservieren kann, muss man immer schnell sehen können, wo in der Nähe ein Auto zu haben ist.

Mit dem eigentlichen Mietvorgang, bei dem der Ausleiher meist mit einer Zugangskarte an der Windschutzscheibe die Zentralverriegelung öffnen muss, haben die Apps nichts mehr zu tun. Allerdings kann man nach beendeter Fahrt die Kos­ten überprüfen. Die eigentliche Rechnung kommt dann später per E-Mail.

Eine für alle

Wer wirklich sein Mobilitätskonzept auf Carsharing aufbaut, kommt in größeren Städten nicht mit einem einzigen Anbieter aus, sondern wird letztlich bei mehreren Mitglied werden. Und spätestens dann hätte man gern eine App, die einem einfach alle Carsharing-Fahrzeuge aller Anbieter zugleich präsentiert. Davon gibt es nicht viele, und das kostenlose Mobility Map sticht hier klar durch die größte Auswahl heraus. Für große Anbieter wie Car2Go oder Drivenow kann man auch seinen Account eingeben und beispielsweise Autos reservieren, doch der volle Zugriff auf Abrechnungen oder Ähnliches bleibt den Apps der einzelnen Unternehmen vorbehalten.

Dennoch ist Mobility Map ein heißer Tipp für jeden, der sich für Carsharing überhaupt interessiert, denn während gerade bei den stationsgebundenen Apps die Nutzung nur mit einem – oft ja kostenpflichtigen – Account möglich ist, zeigt die­se App auch ohne Mitgliedschaft recht zuverlässig alle Autos an und hat unter allen derartigen Apps die größte Auswahl an Anbietern in petto.

Erwähnenswerte Alternativen unter den universellen Carsharing-Apps sind das in der Anbieterauswahl sehr begrenzte Carjump und das mit Infos etwas geizige Memobility, das dafür aber auch Haltestellen für Bus und Bahn anzeigt.  

Unerwartete Vielfalt

Wie vielfältig der Carsharing-Markt bereits besetzt ist, zeigen Apps wie Mobility Map im Grunde erst auf: In großen Städten findet sich quasi an jeder Ecke ein Auto, und oft wird einem durch Apps wie diese erst klar, wie viele Alternativen der Interessierte hat. Wer dann weiter­forscht, merkt auch, wie güns­tig und praktisch Carsharing sein kann und kommt ins Grübeln, ob er sein Mobilitätskonzept nicht doch einmal überdenken sollte.

Carsharing und die Kosten

Carsharing ist beliebt und gehört gerade für Großstädter mittlerweile zum Alltag. Vor allem die Free-Floating-Anbieter sind sehr beliebt – zumindest bei den Nutzern, denn die anderen ärgern sich auch mal über gehetzte Fahrer und miserabel geparkte Autos. Nutzer sollten sich darüber klar sein, dass sie Strafzettel selbst zahlen, bei Schäden relativ hohe Selbstbeteiligungen haben und häufige Nutzung durchaus ins Geld gehen kann.

Die mittlerweile große Zahl an Anbietern führt darüber hinaus zu einem nicht mehr ganz leicht zu durchschauenden Tarifdschungel, aber eben auch zu einem Preiskampf mit teilweise günstigen Optionen. Carsharing-Anbieter betonen immer wieder, dass Wenigfahrer mit Carsharing besser bedient sind als mit einem eigenen Auto. Das mag durchaus sein, doch psychologisch ist es etwas anderes, eine Fahrt vorher anmelden und direkt bezahlen zu müssen, als irgendwann die Rechnungen für den eigenen Wagen zu begleichen. Aber Carsharing kann beispielsweise eine gute Ergänzung zum eigenen Wagen sein, den Zweitwagen ersetzen oder bei Bedarf einmal für zusätzliche Ladekapazität sorgen. Holger Sparr

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