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Google+ vs. Facebook

07.09.2011 | 11:51 Uhr |

Mit Google Plus bläst der Suchmaschinengigant zum finalen Angriff auf Facebook. Wir lassen den neuen Rivalen gegen den Social-Media-König und andere antreten

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Bisher hat Google in Sachen soziale Netze eigentlich nur Pleiten erlebt. Die hauseigene Twitter-Kopie Buzz gibt es zwar noch, dümpelt aber vor sich hin. Dem als Revolution angepriesenen Allround-Netzwerk Wave hat seine Undurchsichtigkeit den schnellen Tod beschert. Dem Social-Boom kann Google trotzdem nicht tatenlos zusehen. Immer mehr Mitglieder und Inhalte wandern vom offenen Web zu Facebook und Twitter - und damit viel Information über die Mitglieder und ihre Interessen, für die sich dann gezielt Werbung verkaufen lässt. Also muss eine eigene Plattform her, bevor der Zug in Richtung Facebook endgültig abgefahren ist. So wurde mit Google Plus (oder kurz Google+ ) vor wenigen Wochen der Angriff gestartet. Aus dem Fehler mit Buzz hat Google gelernt. Nur ein erfolgreiches Konzept zu kopieren bewegt keinen Nutzer zum Wechsel oder gewinnt keine Neumitglieder. Der neue Rivale muss auch einiges besser machen als Platzhirsch Facebook.

Einfacher und transparenter

So wurde Andy Hertzfeld , ein prominenter Interface-Designer und Ex-Mitglied von Apples Macintosh-Team, für die Gestaltung der neuen Oberfläche verpflichtet. Google Plus sieht deutlich aufgeräumter und moderner als die über die Jahre mit immer mehr Erweiterungen vollgepfropfte Facebook-Oberfläche aus. Zudem setzte das Entwicklerteam den Hebel beim Datenschutz an, für dessen Mängel Facebook oft zu Recht Kritik kassiert. Auf Google Plus soll der User nur das teilen, was er teilen möchte und dabei genau steuern können, mit wem die Inhalte teilt. Facebook verlangt dafür seinen Nutzern nicht nur häufiges Eingreifen in die Privatsphäre-Einstellungen ab, sondern auch Wachsamkeit, da Facebook oft die Regeln ändert oder neue Funktionen wie eine Gesichtserkennungssoftware für Fotos einführt. Wer nicht ständig auf der Hut ist, weiß also nie genau, was Facebook mit seinen Daten alles treibt - ein Zustand, der bei vielen nicht nur leichte Paranoia auslöst, sondern sie oft nur noch passiv agieren lässt. Viele sind so abgeschreckt, dass sie Facebook komplett verweigern oder aussteigen. Aber sogar das endgültige und vollständige Löschen eines Accounts und aller Daten bei Facebook ist nicht leicht. Auch Kenner kommen nicht drum herum, gewisse Daten für alle sichtbar zu machen. Google macht sich diese Schwächen zunutze und bemüht sich von Anfang an darum, einen transparenten und vertrauenswürdigen Eindruck zu erwecken. Die Sichtbarkeit von Profildaten lässt sich zum Beispiel exakt steuern. Es ist sogar möglich, bei Google Plus seine gespeicherten Daten, zum Beispiel alle Kontakte oder Picasa-Webalben, komplett herunterzuladen.

Traumstart von Google+

Nur zwei Wochen nach dem Launch hat Google Plus schon die 20-Millionen-Mitglieder-Marke geknackt - das haben weder Facebook noch Twitter geschafft, und das, obwohl sich die neue Plattform noch in einem exklusiven öffentlichen Betastatus befindet. Auch jetzt ist noch eine Einladung eines anderen Mitglieds notwendig, um sich anmelden zu können. Zwischendurch hatte Google schon einmal die Schleusen für die Allgemeinheit geöffnet, der Ansturm zwang aber die Google-Server in die Knie, woraufhin das Einladungsmodell wieder reaktiviert wurde. Es dürfte aber nur eine Frage von Wochen oder Monaten sein, bis alle mitmachen können.

Trotz des Traumstarts: Google Plus ist noch Lichtjahre von den über 700 Millionen Facebook-Mitgliedern entfernt. Und die Leute zum Reinschauen zu bewegen ist eine Sache, sie zu regelmäßigen und aktiven Nutzern zu machen eine andere. Aber Facebook hat auch Jahre gebraucht, um das zu werden, was es heute ist. Google Plus zeigt im Moment sicher noch nicht alles, was es drauf hat und bald können wird. Dennoch: Für viele stellt sich schon zum Start die Frage, ob Google Plus genug bietet, um ein- oder umzusteigen, daher ein Vergleich des Ist-Zustands zwischen den beiden Plattformen.

Im Google-Universum

Schon die Anmeldung klappt schnell und einfach. Der Besucher nutzt auf plus.google.com entweder sein bestehendes Google-Konto oder legt sich in wenigen Minuten ein neues an. Das eigentliche soziale Netz ist in Googles schon bekannte Dienste geschickt eingebettet - ein Vorteil, den Facebook nicht zu bieten hat und auch nicht einfach kopieren kann. Die bewährten Services Google Mail, Kalender, Dokumente, Picasa-Fotos, Reader und natürlich die Websuchdienste sind bei Google Plus dank der Werkzeugleiste am oberen Rand lediglich einen Klick entfernt und nicht nur stets griffbereit: Mit der Google-Plattform ist das Hin- und Herspringen zwischen sozialem Netz, E-Mail und Kalender Vergangenheit. Alle Neuigkeiten sind für Google-Nutzer unter einem Hut und in jedem Webbrowser bereit.

Nur eine Facebook-Kopie?

Auf den ersten Blick sieht Google Plus wie eine 1?:?1-Kopie von Facebook aus. Das hat den Vorteil, dass sich alte Facebook-Hasen schnell zurechtfinden. Bekannte Elemente, wie Facebooks "Neueste Meldungen" oder "Hauptmeldungen", werden in einem Feed angezeigt, der bei Google Plus "Stream" heißt. Dort sind die neuesten Statusmeldungen, Fotos, Links oder Videos von den Kontakten untereinander aufgelistet.

Erste gravierende Unterschiede zeigen sich beim Aufbau der Kontakte: Facebook-Mitglieder verschicken Freundschaftsanfragen, die der Empfänger erst bestätigen muss, bevor es zur virtuellen Freundschaft kommt. Dadurch entsteht ungewollt Druck: Was tun, wenn der ungeliebte Chef, der Kunde, der Kollege oder ein Verwandter mein Freund sein möchte? Viele trauen sich nicht, die Anfrage zu ignorieren, und wissen auch nicht, dass es möglich ist, solche falschen Freunde später unauffällig wieder loszuwerden. Somit entstehen Facebook-Profile, deren Besitzer gehemmt sind, noch etwas Privates von sich preiszugeben.

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